Bericht aus der Sperrzone

Grösser als das gestrige Taylor-Swift-Konzert in Zürich war nur die Sperrzone rund um das Letzigrund-Stadion. Vor einer Woche hat die Stadtpolizei deren Errichtung für mehrere Tage angekündigt und dazu eine rot eingefärbte Quartierkarte veröffentlicht: über ein Quadratkilometer Fläche, inklusive Schlachthof, Freibad und die Wohnung, in der wir wohnen, und sofort schickte die meinungsmachende Boulevardpresse Reporter:innen in die Sperrzone, um meinungsstarke Anwohner:innen zu interviewen.

«Einfach furchtbar», lautete dann ein Titel bei «20 Minuten», «Sperrzone für Taylor Swift spaltet das Quartier». Die Menschen seien verunsichert, hiess es da, manche befürchteten, nicht mehr zur Arbeit oder in die Badi fahren zu können, «jetzt wo es sommerlich wird», andere fragten, ob sie sich nun ausweisen müssten – alles in allem eine Zumutung, analysierte der Reporter. Der «Tages-Anzeiger» wiederum brachte eine «Anwohner:innenkarte» ins Spiel, die es nicht gab, und zu einem ominösen Informationsapéro für die Anwohner:innen, der offenbar ausgerichtet wurde, waren wir jedenfalls nicht eingeladen worden.

Die letzten Tage über konnte man dann all die Klein- und Grosstransporter beobachten, die Absperrmaterial in die Sperrzone lieferten, einer nach dem anderen. Es fühlte sich an, als würde man einem aufziehenden Gewitter zusehen, auf der Zunge das boulevardeskeste aller boulevardschen Betroffenenzitate: «Ich habe Angst.» Würden wir fortan zu Fuss ins Einkaufszentrum müssen?

Erst am Dienstag stand dann tatsächlich viel herum, Absperrgitter, Absperrpoller, Strassensperren (Typ «Armis One») und sehr, sehr viele Vauban-Schranken – der Popstar unter den Absperrutensilien. Zwei Quartierstrassen waren ganztägig für Autos gesperrt, eine davon offenbar auch für Velos, eine weitere Strasse erst gegen Abend. Die Hohlstrasse jedoch, Abgas- und Lärmader des Quartiers, nur einmal kurz am frühen Nachmittag und nur einspurig, als Swift zum Stadion fuhr. Alles in allem kam man ganztägig zu Fuss tipptopp und mit Velo recht gut durch diese Sperrzone – ohne Ausweis oder Apéroeinladung.

Doch ist ein Drama mal angekündigt, ist es schwer, davon abzurücken: «So ungewiss ist es, als Zürcher in Taylor Swifts Sperrzone zu sitzen», schrieb bluewin.ch, wo man auch las, dass die Stadtpolizei extra Swift-Konzerte in anderen Ländern besucht hatte, um sich vorzubereiten. (Der eigentliche Skandal hier, warum fordert die FDP nicht die Abwälzung der Kosten für den Polizeieinsatz auf Taylor Swift?)

Es war dann natürlich nichts wirklich gefährlich oder ungewiss, was auch immer das überhaupt hätte heissen sollen. «20 Minuten» tickerte mit neun Reporter:innen aus dem Stadion (nicht aus der Sperrzone), Taylor Swift sang etwas, vielleicht 200 ticketlose Fans und Schaulustige versammelten sich rund um das Stadion und hörten sich das Konzert an. Die Badi war gut besucht, man konnte auch als Zürcherin überall in der Sperrzone sitzen, es war heiss, die Musik war unglaublich laut, das Handynetz überlastet.

Was bleibt, höchstens: Don’t believe the Sperrzonen-Hype.

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