29.03.2013

«Résister par la parole!»

Von Maja Ingold, Nationalrätin der Evangelischen Volkspartei (EVP)

Maja Ingold

Sollte der Zeitpunkt dieses Forums, der blühende Frühling, für das Gastgeberland ein gutes Zeichen werden? Seit dem Aufbruch der arabischen Revolution zu Beginn des Jahres 2011 steht ganz Nordafrika vor riesigen Umwälzungen. Doch aus dem Arabischen Frühling, der grosse Hoffnungen weckte, ist etwas ganz anderes geworden. Wie wenig Demokratie und Menschenrechte in Griffnähe sind in diesem Prozess des Übergangs, wurde uns allen schnell klar. Soziale Ungerechtigkeit, Arbeitslosigkeit und der Kampf um religiöse Vormachtstellung überdecken die freiheitlichen und von universellen Werten ausgehenden Konzepte.

Die Spannungen haben seit dem kurzen «Frühling» bedrohlich zugenommen, und Anfang Februar legte der Mord an Oppositionsführer Chokri Belaïd die gefährlichen Risse in der tunesischen Gesellschaft offen. «Mutterland der Revolution unter Schock» überschrieb eine Zeitung den Bericht, der den Mord beleuchtete. Wie gewaltbereit die Situation seither in Tunesien ist, schilderte die Witwe des Ermordeten, Basma Kalfaoui, in einer eindrücklichen Begegnung mit unserer Delegation aus der Schweiz. Wie ein Leitmotto höre ich seither in meinem inneren Ohr: «résister à la violence par la parole» – sich der Gewalt durch das Wort widersetzen. Basma Kalfaoui, eine Frau mit immenser Ausstrahlung und Überzeugungskraft, nennt es «combattre toutes sortes de violence, la violence politique, économique et sociale» und hat nach der Ermordung ihres Mannes zu diesem Zweck eine Stiftung gegründet. Für die Zehntausenden von Forumsteilnehmerinnen und -teilnehmer aus aller Welt bedeutet es, Schritte zur Verständigung zu unternehmen, den offenen Austausch zu wagen und voneinander zu lernen «par la parole», nur «durch das Wort».

Heute bin ich, auf dem Weg zu einem der fast tausend Ateliers des Forums, bei einem heftigen Wortgefecht beunruhigt stehen geblieben: Ein «Sit-in» von zwei tunesischen politischen Gruppen, die sich feindselig gegenüberstehen und anschreien. Zum Sitzen haben sie keine Ruhe. In den Gesichtern lese ich Hass, das Arabisch verstehe ich nicht. Ausserhalb der Forumsspielregeln könnte der Konflikt in Gewalttätigkeit enden. Hier geschieht die Auseinandersetzung «par la parole» – das ist die Chance des Forums.

Für mich eröffnet das Weltsozialforum die Möglichkeit, zusammen mit Vertretern von verschiedensten Organisationen und Ländern breit zu denken, neu zu denken, quer zu denken. Wenn wir universelle Werte vertreten wie Gleichheit vor dem Recht, Respekt vor der Natur und ihrer Ressourcen, bräuchte es dann nicht eine globale Regierung, um das durchzusetzen? Wie könnte eine zukünftige Architektur für den Frieden aussehen? Vielleicht sind es Utopien, aber das Forum ermöglicht inspirierende Ideen und unzählige Begegnungen. Sie wecken die Hoffnung, dass «eine andere Welt möglich ist», wie es im Slogan des Forums heisst. Dass es möglich ist, eine Alternative zum ausschliesslichen Wirtschaftsparadigma zu schaffen.

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