13.05.2004

Die Rache der Überlegenen

Der Gefängnisskandal von Abu Ghraib hat seine Wurzeln im Selbstverständnis der USA.

Von Lotta Suter, Boston

Das sei nicht das Amerika, das sie kennen, beteuern die Führer der Nation unentwegt. Die Regierung von George Bush gibt sich nach wie vor schockiert, empört und überrascht. Doch im irakischen Foltergefängnis Abu Ghraib treffen mindestens drei unheilvolle und in ihrer gemeinsamen Idee des «Exceptionalism» (Überzeugung von der eigenen Besonderheit) zutiefst amerikanische Geschichtsstränge zusammen: die Geschichte der Eroberung des Kontinents, die Geschichte des Rassismus und die Geschichte einer auf Vergeltung beruhenden Strafjustiz.

«Mit uns oder gegen uns» war schon die Losung der ersten europäischen SiedlerInnen in Amerika. Diese Haltung rechtfertigte den Genozid an der indianischen Bevölkerung, später die Sklaverei und die Rassentrennung. Mindestens ein Kapitel dieser Geschichte, die Lynchjustiz an tausenden von AfroamerikanerInnen, wurde von den respektablen ZuschauerInnen des Folter- und Mordspektakels regelmässig fotografiert. Die Schwarzweissbilder wurden – knapp hundert Jahre vor Abu Ghraib – als triumphale Postkartengrüsse an alle Welt verschickt.

«Ein amerikanisches Dilemma: Das Negerproblem und die moderne Demokratie» nannte der nachmalige Nobelpreisträger Gunnar Myrdal 1944 seine grosse Studie zum Auseinanderklaffen von Gleichheitsidealen und Rassismus in den USA. Der Schwede vertraute optimistisch auf die Einsicht der weissen US-Elite. Sein afroamerikanischer Assistent hingegen zweifelte am Reformwillen der Gefängniswärter. Während der Recherchen in den Gefängnissen im Süden der USA wurde er nicht zusammen mit Myrdal und dem weissen Personal, sondern separat mit den schwarzen Gefangenen verpflegt. Die Vormachtstellung der Weissen baute nicht allein auf Rassismus, sondern wurde zusätzlich durch eine Strafjustiz gefestigt, die bis in den Tod rächen und nicht resozialisieren will.

Heute sind in den USA über zwei Millionen Menschen eingesperrt, die mehrheitlich afro- oder lateinamerikanischer Herkunft sind. Ihre Gefängnisroutine beinhaltet institutionalisierte Demütigungen wie knallorange Overalls als Uniformen, Fussfesseln und Handschellen bei jedem Transport und auch im Gerichtssaal, jederzeit von aussen einsehbare Zellen und ausgedehnte Einzelhaft. Einzelne US-Knäste verteilen den männlichen Gefangenen aus purer Schikane rosa Unterwäsche oder ketten Feldarbeiter so lange aneinander, dass sie im Kollektiv ihre Notdurft verrichten müssen. Häftlinge könnten für 45 Cents im Tag verpflegt werden, ein Hund koste immerhin 1.50 Dollar, sagen Lokalpolitiker stolz – solche, die bei den WählerInnen Erfolg haben. Auch gezielte Misshandlungen von Gefangenen sind an der Tagesordnung: Vollstrecker des Haftregimes vergewaltigen und prügeln, organisieren Gladiatorenkämpfe und sadistische Sexspiele unter den Gefangenen, nehmen jungen weiblichen Gefangenen die Kleider weg und besprayen sie dann mit Pfefferspray, lassen die Mädchen in der Hitze rennen und zwingen sie, ihre eigene Kotze zu essen, wenn ihnen schlecht wird. Das alles ist aus unabhängigen Untersuchungen von Menschenrechtsgruppen und in einzelnen Fällen sogar von staatlichen Kommissionen bekannt. Bloss gibt es davon kaum kompromittierende Bilder – und somit keinen öffentlichen Aufschrei. Es ist nicht das Amerika, das man kennt.

Nirgends wuchern Rache und Rassismus wüster als im Krieg, bei dem universelle menschliche Grundwerte – etwa das Tötungsverbot – ausser Kraft gesetzt sind. Das war bei der gnadenlosen militärischen Eroberung Nordamerikas so. Und selbst im grossen Civil War (1861-1865), dem Bürgerkrieg der Weissen gegen die Weissen, starben im Süden wie im Norden der USA zehntausende von Kriegsgefangenen an Hitze, Hunger, Krankheit – kurz: an der Unmenschlichkeit der jeweiligen Sieger. Seither haben die USA unzählige Kriege zumeist gegen nicht weisse oder sonstwie entmenschlichte Feinde, etwa «Kommunisten» oder «Terroristen», geführt und zumindest taktisch gewonnen. Sie haben sich dabei unzählige Male der Korruptionsgefahr durch die Macht ausgesetzt und den Test sehr oft verloren, zuletzt in Afghanistan und im Irak. Der Kampf gegen Terror lässt sich nicht mit Gegenterror gewinnen.

Von unten nach oben werden in nächster Zeit US-Militärs für die Missbräuche in Abu Ghraib belangt werden. Doch selbst wenn eines Tages Donald Rumsfeld, Bushs «ausgezeichneter Verteidigungsminister», dem politischen Druck nachgeben und zurücktreten sollte, stellen sich nicht automatisch Offenheit, Transparenz und demokratische Kontrolle ein, die auch ein Teil der US-Geschichte sind und die allein das «Negerproblem» in Abu Ghraib, in Bagram oder im Huntsville Prison, Texas, verhindern könnten.

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