Wenn die menschliche Perspektive nur noch eine unter vielen ist: Die Anthropologin und Filmemacherin Véréna Paravel über ihre Arbeit am Sensory Ethnography Lab.

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Portraitfoto von Véréna Paravel
Véréna Paravel Foto: Vittorio Zunino Celotto, Getty

WOZ: Véréna Paravel, Sie haben für «Leviathan» unter extremen Bedingungen auf See gedreht, bei «Caniba» haben Sie den Mörder besucht, dessen Tat Sie schon als Kind nicht losliess. Sind Ihre Filme mit Lucien Castaing-Taylor eigentlich darauf angelegt, dass Sie dabei in traumatische Situationen geraten?

Véréna Paravel: Ich glaube nicht, zumindest nicht bewusst. Das Boot in «Leviathan» war furchtbar, aber das Leiden ist nicht immer physisch. Bei «Caniba» litten wir beide enorm. Nach jedem Drehtag mit dem Kannibalen Issei Sagawa fuhren Lucien und ich zurück ins Zentrum von Tokio, und bei der ersten Tankstelle hielten wir an, um Gesicht und Hände zu waschen, uns von ihm zu reinigen. Wir waren beide sehr verstört, aber wir wussten intuitiv: Irgendwann wird etwas geschehen, irgendetwas wird sich offenbaren. Wir müssen nur extrem geduldig sein, und in diesem Fall mussten wir auch unsere eigene Abscheu und unsere Moralvorstellungen vergessen. Wir wollen ja einfach ein bisschen besser verstehen, was die Menschen ausmacht. Das braucht Zeit.

Wo sind denn Ihre Grenzen?

Gute Frage. Vielleicht suche ich sie. Und wenn etwas es wert ist, erforscht zu werden, denke ich nicht zuerst an mein eigenes Wohl. Aber ich würde nie einen Film machen, bei dem wir einfach für den Spass unser Leben riskieren müssten. So egozentrisch sind wir nicht, im Gegenteil: Wir wollen eher verschwinden. Es geht darum, unser Ego aufzulösen – einfach da zu sein und etwas festzuhalten, ohne dabei an das Leiden, die Kälte, die Gefahren zu denken … Bereit sein, die Wirklichkeit, auf die wir abzielen, so tief und umfassend einzufangen wie nur möglich.

In «De Humani Corporis Fabrica» zielen Sie jetzt auf die Wirklichkeit des menschlichen Körpers in der Medizin.

Es ist der Ort, den wir am besten kennen. Ihren Körper kennen Sie wie niemand sonst: Sie fühlen ihn von innen, von aussen, Sie kennen ihn, weil andere Sie berühren, weil Sie Dinge zu sich nehmen. Es ist das grösste Wissen, das Sie haben, und doch ist es vielleicht der Ort, den Sie am wenigsten kennen. Wir sehen uns ja immer nur mit der Hülle. Unser Körper ist faszinierend, eine mächtige Maschine – aber wir dürfen auch nicht vergessen, wie fragil und verletzlich er ist. Wenn wir das anerkennen, interessieren wir uns vielleicht auch mehr für andere Lebewesen. Vielleicht entwickeln wir dann ein bisschen mehr Mitgefühl für die Umgebung, in der wir leben.

Gegen Ende des Films, als Sie den toten Mann im Leichenraum filmten: Hatten Sie da keine ethischen Bedenken? Oder auch in der Alterspsychiatrie, bei dieser Frau, die womöglich im Sterben liegt?

Viele dort sind inzwischen gestorben, nach der Pandemie sowieso. Aber wieso sollten wir diese Menschen nicht mit Mitgefühl betrachten? Der Schrei dieser Frau ist doch deshalb so durchdringend, weil wir ihn nicht genau einordnen können: Leidet sie, ist sie wieder ein Baby – wo ist sie? Dieses Mysterium ist ungeheuer faszinierend. Ich weiss, vielleicht sind Sie enttäuscht von meiner Antwort, aber ich weiss nicht einmal, ob ich eine Antwort habe. Es wäre auch arrogant, eine klare Antwort zu haben, denn das sind Fragen, die wir uns immer wieder stellen müssen. Alle sterben irgendwann. Es tut mir leid, aber es ist so. Ich könnte Sie jetzt filmen, und auch Sie werden eines Tages sterben. Und ich genauso, also … Nein?

Doch, natürlich. Ich frage mich nur, wie weit es ethisch vertretbar ist, unter diesen Umständen auch zu filmen.

Von denen, die psychisch besonders verwirrt waren, standen viele unter Vormundschaft. Der Mann hingegen, der im Film die ganze Zeit weglaufen will, hatte keinen Vormund, und wir konnten normal mit ihm sprechen, als wir ihm die Bilder auf dem Monitor zeigten. Er hat uns auch ganz legal die Erlaubnis gegeben, die Aufnahmen von ihm zu verwenden, auch wenn wir es ihm mehrmals erklären mussten. Es ist übrigens keine psychiatrische Abteilung, sondern die Geriatrie. So geht es den meisten von uns, wenn wir alt sind.

Beim Publikumsgespräch hier am Filmfestival in Genf haben Sie betont, dass Sie bei jedem Film immer ohne jede Idee anfangen. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Sagen wir, wir verbringen ein Jahr in einem Hotel, weil wir verstehen wollen, was ein Hotel ist – das ist ja unendlich faszinierend. Wenn wir nun mit der Idee herkommen, die Hierarchien in einem Hotel zu zeigen, dann schauen wir nicht mehr richtig – wir suchen dann nur noch die Dinge, die wir schon im Kopf haben. Es geht darum, nicht zu denken, keinen Plan zu haben, möglichst keine vorgefassten Ideen aufzuzwingen – als wollte man, dass die Welt selbst den Film schreibt. Bei «Leviathan» zum Beispiel ist es buchstäblich die Welt, die sich diesem Film aufprägt, also das Meer, der Wind, die Fische – und wir sind nur der Körper, der diesen Moment einfängt und dabei mit allen diesen Elementen zu kämpfen hat, ohne eigene Absichten. Das ist natürlich nicht ganz wahr, weil unserem Körper immer eine Art von Absicht innewohnt, und sei es unbewusst. Aber alles, was zufällig oder unerwartet passiert, ist willkommen.

Kommt es denn vor, dass Sie beim Drehen doch eine Stossrichtung entwickeln, die Sie dann unterdrücken müssen?

Auch wenn wir nicht einfach etwas anprangern oder auf etwas Bestimmtes aufmerksam machen wollen: Das heisst ja nicht, dass wir gleichgültig wären. Es ist einfach eine Frage der Arbeitsweise. Wir wollen nichts vereinfachen, wir versuchen, Filme zu machen, die offen bleiben. Das soll nicht heissen, dass sie keinerlei politische Sensibilität oder ethische Dimension hätten. Im Gegenteil, wir versuchen genauso, ein Bewusstsein zu schaffen, aber eben nicht vermittelt durch Sprache, sondern durch eine Erfahrungsintelligenz – durch den Körper.

Würden Sie sagen, dass Sie eine Puristin sind, was dokumentarisches Kino angeht?

Wir sind insofern nicht puristisch, als es uns nicht kümmert, dass wir nirgends dazugehören. In der Anthropologie hassen sie uns …

Wirklich?

Nein, aber sie akzeptieren uns nicht so richtig, weil es eine Tradition in der Anthropologie gibt, dass alles erklärt werden muss. Der Fokus liegt eher auf der Bedeutung, nicht auf dem Sein. Und ich glaube, uns geht es letztlich um das Sein, deshalb anerkennen sie uns nicht als Kinder ihrer Disziplin. In der Kunstwelt mögen sie uns, aber wir sind ihnen auch ein wenig suspekt. Und die Filmwelt schaut uns komisch an, wie so Freaks, halb aus der Wissenschaft, halb aus der Kunst, und zur Filmindustrie gehören wir auch nicht richtig. Uns ist das ganz recht so, in diesem Wirbel. Aber in einem Punkt kann man schon sagen, wir seien puristisch: Es ist uns sehr ernst mit dem Realen. Wir wollen etwas von der Wirklichkeit wiedergeben, was Worte allein nicht können. L’œil, c’est la force.

Das Auge ist die Kraft. Aber auch das Ohr, oder?

Klar, absolut. Natürlich übersteigt das Reale immer jede Art von Darstellbarkeit. Aber wir versuchen, über Bild und Ton die schiere Grössenordnung gelebter Erfahrung zu vermitteln. Die meisten Dokumentarfilme folgen heute der Grammatik journalistischer Berichte. Statt zu sehen, wie Menschen leben, greifen sie auf das Wort zurück, um zu beschreiben, wie diese ihr Leben führen. Wir haben nichts gegen Sprache, aber was das Kino kann, geht über Worte hinaus.

Das Sensory Ethnography Lab (SEL), also das Institut, wo Ihre Filme mit Lucien Castaing-Taylor entstehen: Was ist das eigentlich? Ist das ein Ort in Harvard, oder meint das eine spezifische Form filmischer Praxis? Oder ist es einfach ein Name?

Genau, es ist einfach ein Name, das hat sonst nichts zu bedeuten.

Also ist das sozusagen die einzige Fiktion in Ihrer Arbeit?

Es ist keine Fiktion. Es ist alles, was ich vorhin sagte – das, was wir machen. Wir sind keine Sekte, wir haben kein Dogma. Wir sind einfach ein Haufen Leute, die Filme machen wollen, die die Wirklichkeit ernster nehmen, als das in der Kunst meist der Fall ist. Und die sich mehr Gedanken über Ästhetik machen, als das bei ethnografischen Filmen gewöhnlich der Fall ist. Es war aber nicht unsere Absicht, dass es zum Label wird – das haben andere für uns besorgt.

Das Sensory Ethnography Lab ist schon fast zu einem Brand geworden.

Total. Aber nicht wegen uns.

Eher wegen Leuten wie mir.

Genau. Etwas vom Wichtigsten für Lucien und mich war immer, bei jedem Film wieder ganz neu anzufangen. Manche Leute machen gerne immer wieder das Gleiche, dann wird es zum Markenzeichen. Wir versuchen jedes Mal, uns ganz neu aufzustellen, wenn wir ein Projekt beginnen. Wobei wir sicher einen roten Faden finden könnten, wenn wir unser Werk genau anschauen würden. Aber das ist womöglich Ihre Aufgabe.

Ein roter Faden ist vielleicht dieser paradoxe Effekt, dass Ihre Filme gleichermassen radikal subjektiv und extrem objektiv wirken.

Nicht nur das. Vor allem ist die Subjektivität in unseren Filmen nicht rein anthropozentrisch. In «Leviathan» zum Beispiel ist es eher eine kosmische Subjektivität.

Kosmisch? Wie meinen Sie das?

Weil der Blickwinkel nie auf der Ebene des menschlichen Auges ist – das kann die Perspektive eines Fisches, eines Bootes, des Meeres oder einer Möwe sein. Es gibt das Maschinelle, das Organische, das Mechanische. Die menschliche Perspektive ist dann nur noch eine unter vielen verschiedener Lebewesen, nicht mehr der zentrale Blickpunkt des Films. Die Subjektivität gehört nicht nur dem Menschen – es ist eine geteilte Subjektivität.

Machen Sie eigentlich immer alles zusammen, Lucien Castaing-Taylor und Sie? Oder gibt es eine Art von Arbeitsteilung?

Nein, absolut nicht. Auf dem Boot waren wir immer zusammen und haben uns gegenseitig geholfen, wenn es gefährlich war. Es gibt sogar Einstellungen, die wir beide gefilmt haben: Ich fange an, und wenn ich nicht weiterkomme, weil ich vielleicht zu klein bin, übernimmt er die Kamera, damit es weitergeht – oder auch umgekehrt, wenn er in einer Ecke drehen will, die er nicht erreichen kann, weil er zu gross dafür ist.

Verzeihen Sie die private Frage, aber sind Sie ein Paar?

Nein, das würde nicht funktionieren. Es scheint ein grosses Mysterium zu sein, die Frage kommt immer wieder. Aber ich denke, weil es so intensiv ist, sind wir weit darüber hinaus. Es ist eine grössere Zuneigung und Liebe, als wenn wir nur ein Paar wären. Wir sind wie ein eigener Stamm. Wir sind der Vater, die Schwester, der Bruder, die Tante, der Grossonkel. Wir sind eine Familie, nur wir zwei. Wir sind alles.