04.10.2001

War das Attentat ein Präventivschlag?

Von Werner Scheurer

Für den ehemaligen pakistanischen Aussenminister Niaz Naik ist der Zusammenhang klar: An einem Treffen im Juli drohten die USA, dass nur die offene militärische Aktion übrig bleibe, wenn «die Taliban sich nicht benehmen» und falls Pakistan sich nicht bemühe, die Taliban im Zaum zu halten.

Die Drohung wurde Mitte Juli an einem viertägigen Treffen in Berlin ausgesprochen, an dem US-amerikanische, russische, iranische und pakistanische DiplomatInnen teilnahmen. Es war das dritte Treffen in einer Serie zum «Brainstorming» über Afghanistan. Sie wurden alle von Francesco Vendrell, dem Sonderbeauftragten des Uno-Generalsekretärs für Afghanistan, einberufen und dienten offiziell der Suche nach Verhandlungslösungen im afghanischen Konflikt und der Beendigung des Heroinhandels und des Terrorismus. TeilnehmerInnen waren Fachleute mit langer diplomatischer Erfahrung in der Region, selber nicht mehr in Regierungsfunktionen, aber immer noch mit engen Beziehungen zu ihren Regierungen.

Für die USA nahmen zwei ehemalige hohe Beamte des US-Aussenministeriums und ein früherer US-Diplomat in Pakistan teil. Diese drei haben, gemäss Niaz Naik, in der Gesamtsitzung von einem militärischen Schlag gegen die Taliban gesprochen. In der Sitzungspause wurden sie konkreter: «Es sollte eine Aktion aus der Luft sein, mit Kampfhelikoptern und von einer sehr nahen Basis aus», führte er gegenüber der britischen Tageszeitung «The Guardian» aus. Die andern Teilnehmer des Treffens erinnern sich nicht mehr so genau und mögen Naiks Ausführungen nicht bestätigen. Einer der Amerikaner, Lee Coldren, gab dem «Guardian» immerhin die grossen Linien der US-Position zu Protokoll: «Es war die Rede davon, dass die USA so empört sind über die Taliban, dass sie an eine Militäraktion denken.» Die US-Teilnehmer hätten sich in ihren Voten auf Stimmen im US-Aussenministerium gestützt. Die Taliban waren zwar ans Treffen geladen worden, nahmen aber nicht teil. Es war den drei anwesenden pakistanischen Ex-generälen vorbehalten, die Drohungen, die sie durchaus ernst nahmen, ans Taliban-Regime weiterzuleiten. So scheint letztlich möglich, dass die Anschläge von New York und Washington nicht aus so heiterem Himmel kamen wie bisher vermutet, sondern dass Usama Bin Laden mit einem Präventivschlag auf die US-Drohungen reagierte.

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