Nr. 13/2017 vom 30.03.2017

Die Trojanischen Pferde

Ece Temelkuran über die verpuffende Kritik aus dem Ausland

Von Ece Temelkuran

21. März: In der «New York Times» steht ein Artikel über inhaftierte türkische JournalistInnen. Und wie immer vermelden die türkischen Medien keine wirklichen Nachrichten, sondern berichten darüber, wie die «New York Times» berichtet. Während der 16. April, das Datum des Referendums, immer näher rückt, stehen in den Mainstreammedien entweder Statements von Präsident Recep Tayyip Erdogan oder irgendwelche irrelevanten Berichte. Die Kritik ausländischer JournalistInnen wird von den AnhängerInnen Erdogans entweder gar nicht erst zur Kenntnis genommen oder unter die Rubrik «Türkeihasser» subsumiert. Deswegen frage ich mich, für wen diese Berichte überhaupt verfasst werden. Vielleicht allein für die Geschichtsbücher.

22. März: Meine Mutter, die bei mir in Zagreb zu Besuch ist, schildert mir, wie wütend die Menschen in Izmir, der liberalsten Stadt der Türkei, sind. Sie erzählt von einer Busfahrt, auf der alle Passagiere auf einmal anfingen, über Politik zu diskutieren; sie alle lehnten die von Erdogan geplante Einführung eines Präsidialsystems ab.

24. März: Ich bin in Brüssel, um am Passa Porta Festival teilzunehmen; dort spreche ich über mein Buch «Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst». Der Veranstaltungssaal ist überlaufen. Wollen sich all diese Leute lediglich über die Türkei informieren, oder ahnen sie, dass sich die Trojanischen Pferde auch ihren Ländern nähern? Die Trojanischen Pferde nämlich, auf denen «wahre Demokratie des wahren Volkes» geschrieben steht, in deren Innerem sich aber das als «wahres Volk» getarnte Lumpenproletariat verbirgt. Während meines Vortrags merke ich, dass ich extrem schnell spreche; ich halte deswegen inne und sage: «Der Grund, weshalb ich so rasch in meinen Ausführungen zur Türkei voranschreite, ist, dass ihr Europäer schnell verstehen solltet, was dort vor sich geht, damit wir gemeinsam eine Antwort finden können. Ich will sichergehen, dass wir auf derselben Seite stehen.»

25. März: Was für ein abstossendes Bild von einer Pro-Erdogan-Veranstaltung in einer anatolischen Stadt! Regierungsmitglieder posieren mit einem kleinen Jungen, der ein Plakat in den Händen hält; auf diesem ist zu lesen: «Sie sagen, dass sie die Regierung in den Abgrund ziehen werden, aber sie können mir nicht einmal meine Unterwäsche herunterziehen.» In einem Land, in dem es andauernd Berichte über den Missbrauch von Jungen gibt, provoziert dieses Foto viel Verärgerung. Die Regierungsmitglieder auf dem Foto lächeln ein schreckliches Lächeln. Derweil bin ich immer noch in Brüssel, wo ich versuche, darauf aufmerksam zu machen, dass das Scheitern der türkischen Demokratie auch in Europa einen Dominoeffekt auslösen würde.

27. März: Ich lese einen Artikel im «New Yorker», in dem es um das erste Pressedinner im Weissen Haus unter Donald Trump geht. Der Text handelt hauptsächlich davon, wie lähmend Trumps rabiate Haltung gegenüber den Medienleuten war. In den USA durchleben sie derzeit denselben Prozess, den auch wir in der Türkei durchleben mussten. Man ist gelähmt, weil man nicht weiss, ob man über die aktuelle Situation Witze machen soll oder ob man sie ernst nehmen muss, weil die Demokratie gefährdet ist.

28. März: Erneut gehen die deutschen Medien Erdogan hart an. Die «Bild»-Zeitung druckt ihre Schlagzeilen auf Türkisch. Neben einem Foto von Atatürk steht: «Das türkische Referendum: Staatsgründer Atatürk hätte Nein gesagt». Derlei Stellungnahmen gegen Erdogan befeuern die Regierungspropaganda von einer «ausländischen Verschwörung». Die deutsche Presse ist vor allem deswegen verärgert, weil Deniz Yücel, Korrespondent der Tageszeitung «Die Welt», als Geisel in einem türkischen Gefängnis gehalten wird. Es hat ganz den Anschein, dass sie Deniz kaum gehen lassen werden, solange die Spannungen weiter zunehmen. Ich bin in Berlin, ein Abendessen mit FreundInnen von der «taz». Sie zeigen mir Fotos von Treffen mit der neuen türkischen Diaspora. Jeden Tag kommen weitere Menschen aus Istanbul und bitten um Hilfe, weil sie in Deutschland bleiben wollen. Diese Fotos werden irgendwann historische Dokumente sein – hoffentlich schon bald.

Ece Temelkuran (43) ist Schriftstellerin, Journalistin und Juristin. Sie lebt in Istanbul und Zagreb. Gerade ist ihr Roman «Stumme Schwäne» bei Hoffmann und Campe erschienen (vgl. «Ein Kaleidoskop, das immer schneller dreht»). An dieser Stelle führt Temelkuran bis auf weiteres ein Tagebuch über das Geschehen in der Türkei.

Aus dem Englischen von Daniel Hackbarth.

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