Ideengeschichte: Herzinfarkt in der Brüsseler Bürokratie
Alexandre Kojève prägte die französische Philosophie im 20. Jahrhundert und war Wegbereiter der Europäischen Union. Was hat der Hegelianer mit der irren Biografie uns heute noch zu sagen?
Der Westen als transatlantische «Wertegemeinschaft» erschien bereits früheren Generationen als brüchiges Konstrukt. Und schon lange vor Donald Trump fürchtete man in Europa, eingezwängt zwischen den USA und Grossmächten im Osten unter die Räder zu geraten. Am Ende des Zweiten Weltkriegs warb der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojève deswegen für die Errichtung eines «lateinischen Reichs», das Frankreich, Italien und Spanien umfassen sollte. Eine diese Idee erläuternde Denkschrift adressierte er im Sommer 1945 an den französischen General Charles de Gaulle.
Frankreich sei schlicht zu klein, um seine kulturelle Identität zugleich gegen das US-amerikanische wie das sowjetische Imperium behaupten zu können, so paraphrasiert der in Berlin lebende Philosoph Boris Groys diese politische Vision in einer bislang nur auf Englisch veröffentlichten «Denkbiografie» Kojèves. Die strategische Überlegung dürfte Kojève auch veranlasst haben, sich bald als Berater verschiedener französischer Regierungen zu betätigen und so zu einem der Architekten des europäischen Einigungsprozesses zu werden: Kojève spielte etwa eine wichtige Rolle bei der Aushandlung der Montanunion, einer Vorläuferin der EU, auf die sich 1951 Deutschland, Frankreich, Italien und die Benelux-Staaten einigten.
Von der Geheimpolizei verhaftet
Sinnbildlich für dieses Engagement steht, dass er an einem Herzinfarkt sterben sollte, den er 1968 während der Sitzung einer Kommission der Europäischen Gemeinschaft in Brüssel erlitt. Groys bezeichnet Kojève daher als Autor, der einst in einem legendären Pariser Seminar aufsehenerregende Thesen über das «Ende der Geschichte» formuliert hatte, um am Ende «zu einem Märtyrer der bürokratischen Ordnung der Posthistoire» zu werden.
Tatsächlich war die Karriere dieses Intellektuellen, der sich in den dreissiger Jahren einen Namen als Geschichtsphilosoph und Hegel-Interpret gemacht hatte, bemerkenswert. Wobei das noch vorsichtig formuliert ist: Die Vita Kojèves wirkt geradezu unglaublich.
Geboren wurde er 1902 in Moskau unter dem Namen Alexander Kojewnikow. Er stammte aus grossbürgerlichen Verhältnissen, sein Vater war vermögender Fabrikant, der Maler Wassily Kandinsky war sein Onkel. Entsprechend bedeutete die bolschewistische Revolution von 1917 eine Katastrophe für die Familie. Damals versuchte Kojève, auf dem Schwarzmarkt Geld dazuzuverdienen, weswegen er von der Geheimpolizei Tscheka festgenommen wurde und für Monate im Gefängnis landete. Dank einflussreicher Freunde liess man ihn schliesslich laufen. Später soll er rätselhafterweise erzählt haben, er habe die Haft als überzeugter Kommunist verlassen.
Trotzdem wanderte Kojève 1920 ins nichtkommunistische Deutschland aus. Er stürzte sich in die Berliner Bohème, ehe er in Heidelberg bei Karl Jaspers Philosophie studierte. Weiter ging es nach Paris, wo er beim Börsenkrach von 1929 den Rest des aus Russland geretteten familiären Vermögens verlor. In seiner erneuten Mittellosigkeit half ihm der in Paris lehrende Philosoph Alexandre Koyré, ebenfalls ein russischer Emigrant, aus der Misere. Diesen hatte er schon in Deutschland kennengelernt, nachdem er mit Koyrés Schwägerin eine Affäre begonnen hatte: Im Auftrag der Familie sollte Koyré den Nebenbuhler seines Bruders in die Schranken weisen. Doch nach der Begegnung befand Koyré, dass er seine Schwägerin nur zu gut verstehen könne, da es sich bei Kojève um einen ganz und gar aussergewöhnlichen Kerl handle.
Als Koyré jedenfalls für eine Gastprofessur nach Kairo aufbrach, schlug er Kojève als Vertretung an der Pariser École Pratique des Hautes Études vor. Dort gab dieser ab 1933 sechs Jahre lang ein Seminar zu Georg Wilhelm Friedrich Hegels berühmtester Schrift, der 1807 veröffentlichten «Phänomenologie des Geistes». Dieses Seminar ist der Grund, warum Kojève einer der einflussreichsten Philosoph:innen Frankreichs im 20. Jahrhundert wurde. Der Kurs wurde nämlich vom Who’s who der Pariser Intelligenz besucht, darunter Georges Bataille, Raymond Aron, Maurice Merleau-Ponty, André Breton und Jacques Lacan. Auch Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sollen sich über das, was in diesem Seminar diskutiert wurde, stets berichten lassen haben.
Das nach 1945 in Frankreich geläufige Hegel-Bild wurde somit massgeblich von Kojève geprägt. Indirekt hat er damit noch heute vieldiskutierte Theorien beeinflusst. Wenn etwa Michel Foucault in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France 1970 davon sprach, dass seine «gesamte Epoche […] Hegel zu entkommen» versuche, und er selbst «harte Schläge» gegen den deutschen Denker ankündigte, so zielten diese nicht zuletzt auch auf Kojève. Überhaupt richtete sich die für die Generation Foucaults typische Zurückweisung dialektischen Denkens zumindest auch gegen Kojèves Hegel-Interpretation, hatte diese doch enorm beeinflusst, was man unter Dialektik überhaupt verstand.
Die Deutung Kojèves ist aber eher Beispiel für eine produktive Missinterpretation Hegels. Darauf verweist schon, dass er sich auf ein einzelnes Kapitel aus der «Phänomenologie» konzentrierte, nämlich das über «Herrschaft und Knechtschaft», um daraus die gesamte Philosophie Hegels zu erschliessen. Hier finde sich Kojève zufolge eine «dialektische Anthropologie», eine Lehre also darüber, was den Menschen ausmacht. Hegel jedoch lässt sich kaum zu einem philosophischen Anthropologen verkürzen, was Kojève nicht daran hinderte, bei ihm Antworten auf das Problem des Menschseins ausfindig zu machen.
Kampf auf Leben und Tod
Gegenüber allem anderen Seienden komme demnach dem Menschen eine besondere Eigenschaft zu: Mit ihm trete das Nichts in die Welt. Das ist so zu verstehen, dass der Mensch als einziges Lebewesen seine eigene Existenz verneinen kann, indem er sich aus intellektuellen Gründen zum Suizid entscheidet: Wenn er diese Existenz über seinen tierischen Überlebenstrieb stelle, beweise er seine Freiheit und damit sein Menschsein. Das tut er sogar bereits, wenn er sein Leben für Ideelles riskiert – etwa als Soldat, der sich für einen Orden in die Schlacht wirft, oder als gekränkter Ehrenmann, der nur wegen eines falschen Wortes einen anderen zum Duell auffordert.
Dies führt nun zur berühmten Dialektik von Herr und Knecht. An deren Ursprung steht ein Kampf um Anerkennung: Zwei Subjekte ringen darum, welches das andere als überlegen anerkennen muss. Das eine Subjekt zeigt seine Souveränität über das eigene, bloss biologische Leben, indem es sich bereit erklärt, dafür in einem Kampf auf Leben und Tod auch zu sterben. Damit beweist es sich als besonderes Seiendes, das über die in ihrer Identität in sich selbst verharrenden Naturdinge hinausragt. Das andere Subjekt jedoch schreckt vor diesem Wagnis zurück und fügt sich in die Rolle des Knechts, der es vorzieht, eine tierische Existenz zu fristen und sich den Befehlen dessen zu beugen, der sich als Herr erwiesen hat.
Zwar kann nun dieser sein erworbenes Prestige geniessen und die Produkte verzehren, die der Knecht für ihn herstellt. Durch den Müssiggang fällt er aber wieder zurück in die Existenzweise eines blossen Naturdings – er ist einfach da. Der Knecht dagegen bewährt sich in der täglichen Arbeit: Indem er die Natur bearbeitet und für den Herrn zurichtet, zwingt er dieser eine ihr fremde Form auf. Gerade dadurch zeichnet er sich in der dinglichen Welt als Subjekt aus.
Für Kojève wirkt damit in der Geschichte eine Logik, die letztlich auf der Seite der Werktätigen steht. Realhistorisch war dabei die Französische Revolution entscheidend: Der «Dritte Stand» erhob sich gegen die den gesellschaftlichen Reichtum verzehrende Aristokratie und errichtete eine Republik, die die allseitige Anerkennung der Bürger als Gleiche institutionalisierte. Für Hegel, so Kojève, soll damit die Geschichte an ihr Ende gelangt sein – das, was noch folgte, war lediglich die Ausbreitung der Republik über den Rest des Globus, woran sich Napoleon ja dann auch machte.
Jahrzehnte später aktualisierte der US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama diese Idee, als er nach dem Ende des Kalten Krieges zum Befund kam, das «Ende der Geschichte» sei nun dank des weltweiten Siegeszugs des Liberalismus unter US-Führung tatsächlich eingeläutet. Kojève hätte an dieser Fortschreibung seiner Thesen vermutlich wenig Freude gehabt. Zum einen, weil er den auf zügellosen Konsum ausgerichteten American Way of Life gering schätzte, wie Groys betont. Zum anderen ist überliefert, dass er zu seinen Pariser Hörer:innen in privater Runde meinte, nicht Napoleon, sondern erst Stalin habe die Geschichte vollendet – was impliziert, dass er sich selbst als eine Art «wahrer» Hegel und gewissermassen als philosophisches Gewissen des Moskauer Despoten betrachtete.
Dazu würden die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs aufgetauchten Belege passen, dass Kojève Informant des KGB war. Die französische Zeitung «Le Monde» verzeichnete vor ein paar Jahren irritiert, dass diese doch recht spektakuläre Enthüllung weitgehend ignoriert würde – dabei soll der sowjetische Geheimdienst Akten zufolge auf Kojèves Initiative sogar einen späteren französischen Verteidigungsminister angeworben haben.
Emanzipation dank Bürokratie
Groys indes argumentiert in seinem sehr lesenswerten Buch, dass Kojève den Glauben daran, dass in der Sowjetunion eine wahrhafte Republik errichtet würde, in der Nachkriegszeit aufgab, um sich stattdessen politisch-administrativ für Europa zu engagieren: in der Hoffnung, dass «eher moderne politische Institutionen denn Revolutionen in der Lage dazu seien», eine Gesellschaft selbstbewusster Bürger:innen zu schaffen. Die graue Tätigkeit des Bürokraten sollte nun zur Emanzipation verhelfen. Dass erst gute Institutionen Freiheit und Gleichheit der Einzelnen ermöglichen, ist keine allzu aufregende Erkenntnis, aber angesichts ultrareicher Rechtslibertärer, die heute den Staat demontieren wollen, nicht nur trivial.
Die Geschichte jedenfalls hat wieder volle Fahrt aufgenommen, allerdings im Rückwärtsgang, was auch den Effekt hat, dass Kojèves Denken mit seinem Akzent auf Kampf und Opferbereitschaft nicht mehr als ganz so anachronistisch erscheint wie noch vor zwanzig Jahren. Er selbst jedoch hatte sich am Ende wohl von seinen früheren Überzeugungen verabschiedet. Als er 1967 in Westberlin revoltierenden Student:innen begegnete, riet er den jungen Radikalen, lieber Griechisch zu lernen. Das klingt nach überheblichem altem Mann.
Gerechter wird seinem Wirken wohl eine andere Äusserung, die von Raymond Barre überliefert wurde. Dem früheren französischen Premier sagte Kojève einmal: «Das Leben ist eine Komödie. Man muss seine Rolle mit dem nötigen Ernst spielen.»
Boris Groys: «Alexandre Kojève. An Intellectual Biography». Verso. London 2025. 166 Seiten.