3. Brüssel: Offiziell antifaschistisch oder warum Hüpfburgen für die Hoffnung stehen

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Illustration: Frau vor dem Europaparlament in Brüssel
Illustration: Anna Egli

Brüssel, 2026, im Europaparlament. Am Eingang des kolossalen Baus prangt in Grossbuchstaben: «Democracy in action», auf den Gängen wabert ein europäisches Sprachengewirr. MEP Ilaria Salis – braunes Haar, gemustertes Kleid, elegantes Make-up – sitzt am Schreibtisch ihres Abgeordnetenbüros. MEP steht für Mitglied des Europäischen Parlaments.

Noch im Mai 2024 sitzt Salis in Ungarn im Gefängnis. Einen Monat später wird sie für die Alleanza Verdi e Sinistra, ein Bündnis der italienischen Grünen und Linken, ins Europaparlament gewählt – und erhält parlamentarische Immunität. Das Wahlbündnis habe Kontakt zu ihren Eltern aufgenommen, erzählt die ehemalige Mailänder Lehrerin. «Ich selbst konnte im Gefängnis ja gar nicht mit ihnen reden.» Mehr als 175 000 Stimmen erhielt die 41-Jährige. «Zehntausende antifaschistische Bürger:innen haben mich aus der ungarischen Haft befreit.»

Die mediale Aufmerksamkeit in Italien, die den Grundstein dafür legte, hat Salis im Gefängnis kaum mitbekommen: «Sechs Monate lang durfte ich nicht einmal zu meinen Eltern Kontakt haben.» In ihrer Zelle nisteten Bettwanzen und Kakerlaken. Kurz nach der Wahl kam Salis frei, ihre Familie brachte sie mit dem Auto nach Hause. «Es war eigenartig, wieder zurück in der Welt zu sein; ich war es nicht mehr gewohnt.» Dann reiste sie das erste Mal nach Brüssel.

Den letzten Angriff Viktor Orbáns auf ihre Freiheit hat Ilaria Salis aber erst im Oktober 2025 überstanden, als das EU-Parlament auf Antrag des ungarischen Regierungschefs über die Aufhebung ihrer Immunität befand. 305 Abgeordnete stimmten dem Antrag des Autokraten zu; 306 lehnten ihn ab. «Der vorläufig letzte Akt dieser Geschichte», resümiert Salis.

Heute engagiert sich die gewählte Antifaschistin vor allem in der Migrationspolitik. Sie besucht Haftzentren für Geflüchtete, weil sie zu diesen, anders als die Zivilgesellschaft, jederzeit Zugang hat. Und sie versuche, «den Neofaschist:innen im Parlament etwas entgegenzuhalten». Wobei auch die politische Mitte immer öfter Allianzen mit der extremen Rechten schmiede – gerade in migrationspolitischen Fragen. Wenn der Faschismus erstarke, so Ilaria Salis, treffe es nie zuerst die Mehrheitsgesellschaft, sondern migrantische Menschen – oder politische Gegner:innen. «Das war auch im Italien der 1920er so.»

Vergessene Befreier

In einem kleineren Parlament, dem Brüsseler Regionalparlament, serviert Farida Tahar – Anzug, dunkelblaues Kopftuch, strahlend braune Augen – in einem opulent dekorierten Sitzungszimmer Filterkaffee. Die 48-Jährige politisiert für die Grünen, hier heissen sie «Ecolos». Sie hat daran mitgewirkt, dass sich verschiedene Brüsseler Gemeinden – die neunzehn Stadtteile sind administrativ unabhängig voneinander – zu «antifaschistischen Kommunen» erklärten, darunter auch ihre Wohngemeinde Schaerbeek. «Antifaschismus ist nicht nur eine Identität, die man vor sich herträgt», sagt sie, «sondern auch ein politisches Projekt, das Massnahmen beinhalten muss.» In den Brüsseler Gemeinden geht es etwa um die Finanzierung von antirassistischen Bildungsprojekten für Polizei, Schulen und Vereine.

Als die deutsche Wehrmacht Belgien von 1940 bis 1944 besetzt hielt, organisierte die belgische Résistance – der sich nicht wenige Spanienkämpfer:innen anschlossen – Sabotageaktionen, illegale Zeitungen und Streiks. Heute engagiert sich Farida Tahar für die Anerkennung des 8. Mai, des Tages der endgültigen Kapitulation Nazideutschlands, als nationalen Feiertag. «Damit auch die Jugend den Tag feiert und versteht, warum er wichtig ist.»

Ein Viertel der Brüsseler Bevölkerung ist muslimisch – und Islamophobie ist weitverbreitet. Antifaschismus ermögliche migrantischen Jugendlichen, sich zu emanzipieren, sagt Tahar. «Ich habe viel zu spät erfahren, dass mein eigener marokkanischer Urgrossvater für die Befreiung Europas gekämpft hat.» Marokkanische sogenannte Goumiers kämpften unter anderem in Nordafrika, Italien, Frankreich und Deutschland. «Das ist typisch», sagt Tahar. «Dass viele unserer Vorfahren in den Kolonien zwangsrekrutiert wurden und wie sehr wir unsere Freiheit diesen Kämpfern zu verdanken haben, wird den hiesigen Nachkommen fast nie erzählt.»

marokkanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg mit Kampfausrüstung
Antifaschismus in Europa war nie einfach nur weiss: Marokkanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Foto: Gemeinfrei

Fast eine Million Afrikaner:innen seien im Mai 1940, zum Zeitpunkt des deutschen Überfalls auf Frankreich und Belgien, Teil der französischen Armee gewesen, schreibt Charlotte Wiedemann in ihrem Buch «Den Schmerz der Anderen begreifen». Auf britischer Seite entstammte jeder zweite Soldat den Kolonien – und auch die belgischen Kolonien Belgisch-Kongo und Ruanda-Urundi waren an der Befreiung Europas beteiligt. So finanzierte der Kongo die belgische Exilregierung, und Zehntausende Soldaten stellten sich, den weissen Offizieren untergeordnet, der italienischen Armee in Ostafrika entgegen.

Der Widerstand gegen den Faschismus war nie einfach weiss. Doch als in Frankreich die Deutschen endlich zurückgedrängt werden, lässt der General Charles de Gaulle 16 000 nichtweisse Soldaten von der Front abziehen, um sie von den Bildern von der Befreiung von Paris fernzuhalten. Die Politik des «blanchiment», der «Weissmachung», wirkt bis heute nach. «Dabei könnten viele Kinder so stolz sein», sagt Farida Tahar. «Ihre Vorfahren haben Europa vom Faschismus mitbefreit.»

Gegen das Gesetz

Brüssel-Midi, 2026. Am Hauptbahnhof regnet es in Strömen. «Gesetze taugen nicht als Massstab für Gerechtigkeit», sagt Selma Benkhelifa – dunkle Haare, «Refugees Welcome»-Button am Mantel – mit radikaler Klarheit. Gerechtigkeit sei ein Wert, die Justiz hingegen «Teil des kapitalistischen Staates». Seit 25 Jahren ist Benkhelifa Anwältin. Ihr Urgrossvater hat einst die Zeitung der Kommunistischen Partei Belgiens herausgegeben, ihre Grossmutter wurde als kommunistische Widerstandskämpferin deportiert.

«Meine Familie hat geholfen, jüdische Kinder zu verstecken; heute verstecken wir Kinder, denen die Ausschaffung droht», sagt die Fünfzigjährige inzwischen in einem Café in den schicken Galeries Royales. «Faschist:innen lieben formal korrekte, fein säuberlich ausgearbeitete Gesetze.» Antifaschismus dagegen bedeute, ungerechten Befehlen nicht zu gehorchen – und ungerechte Gesetze zu brechen.

Illustration: Portrait von Selma Benkhelifa
Selma Benkhelifa Illustration: Anna Egli

2007 schloss sich die Anwältin dem Hungerstreik ihrer afghanischen Mandant:innen an, um mehr Aufmerksamkeit für deren Anliegen zu schaffen. 2018 vertrat sie die Angehörigen des zweijährigen kurdischen Mädchens Mawda, das von der belgischen Polizei erschossen worden war. Schon in ihrer Jugend politisierten sie die Gewaltexzesse eines Polizeikommandanten, der später als Neonazi enttarnt wurde. Nach seiner Entlassung sei es weitergegangen wie zuvor. «Der Staat tut solche Geschichten gern als Einzelfälle ab.»

Besonders heftig seien die Behörden zuletzt gegen die mit Palästina solidarische Bewegung vorgegangen. Die antifaschistische Bewegung, so Benkhelifa, könne das aber auch stärken. So zum Beispiel liessen sich mittlerweile 800 Leute mobilisieren, um den belgischen Ableger des israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems zu blockieren. «Gaza bringt die Bewegung zusammen», sagt die Anwältin.

Die Tochter einer Belgierin und eines Tunesiers versucht seit langem, migrantische und antifaschistische Bewegungen besser zu vernetzen: «Sie haben die gleichen Ideen, aber begegnen einander kaum.» Deshalb hat sie das Kollektiv Front de mères mitgegründet, das bei Solidaritätsveranstaltungen kocht und an Protesten Augentropfen gegen Tränengas bereithält.

Es sei wichtig, überraschende und kreative Formen des Widerstands zu erproben, betont Benkhelifa. Wie zum Beispiel in Peterbos, wo die Behörden – um gegen den Drogenhandel vorzugehen – verfügten, dass Aussenstehende das Brüsseler Quartier nicht mehr betreten dürfen. Der Front de mères organisierte daraufhin widerrechtlich ein Picknick – inklusive Hüpfburg für die Kinder. «Die Polizei ist um uns herumgeschlichen, hat sich aber nicht getraut, gegen lachende Kinder vorzugehen.» Daraus schöpft Selma Benkhelifa Hoffnung: «Freude ist ein Akt des Widerstands.» Man müsse nicht überall Hüpfburgen aufstellen. «Aber gemeinsam zu feiern, stärkt uns alle. Denn der Faschismus strebt nach Isolation.»