Patriarchale Gewalt: «Es ist eine äusserst prekäre Situation»

Nr. 47 –

Die Schweiz verzeichnet einen traurigen Rekord an Femiziden. Blertë Berisha, Kogeschäftsleiterin der Dachorganisation der Frauenhäuser, sagt, der Bund müsse viel mehr für die Sicherheit von Frauen tun.

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Portraitfoto von Blertë Berisha
«Die Frauenhäuser sind seit Jahren an der Belastungsgrenze. Wir beobachten zudem, dass die Fälle komplexer werden»: Blertë Berisha.

WOZ: Blertë Berisha, dieses Jahr sind in der Schweiz bereits 27 Frauen Opfer eines Femizids geworden. Wie sehr alarmiert Sie diese Zahl?

Blertë Berisha: Das sind 27 Frauen und Mädchen, die aufgrund ihres Geschlechts ermordet wurden – deutlich mehr als im gesamten letzten Jahr. Das alarmiert mich enorm. Und es erschüttert mich. Die Morde werfen die Frage auf, was für eine Gesellschaft wir sind und wie sicher man sich als Frau eigentlich fühlen kann. Als Fachorganisation sprechen wir zudem von «Feminiziden»; dieser Begriff soll betonen, dass der Staat mitverantwortlich ist. Denn es sind die bestehenden Strukturen, die diesen Zustand ermöglichen. Feminizide sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck von struktureller, geschlechtsbezogener Gewalt.

WOZ: Nehmen Feminizide tatsächlich zu – oder werden sie statistisch besser erfasst?

Blertë Berisha: Die Zunahme hat nichts mit besserer Statistik zu tun. In der polizeilichen Kriminalstatistik existiert die Kategorie Femizid oder Feminizid ja noch immer nicht. Erfasst werden die vollendeten Tötungsdelikte im häuslichen Bereich oder in Partnerschaften. Während die Zahlen über die letzten Jahrzehnte relativ stabil waren, nehmen sie derzeit deutlich zu. Daran gibt es nichts herumzudeuten. Auch bei häuslicher Gewalt im Allgemeinen steigen die Fallzahlen – wobei man festhalten muss, dass die Polizeistatistiken lediglich einen limitierten Blick auf die Realität zulassen. Einerseits steigt zwar die Anzeigebereitschaft, was positiv ist. Doch andererseits gibt es Gewaltformen, die nach wie vor sehr schwer zu erfassen sind: digitale Gewalt, psychische Gewalt oder ökonomische Gewalt.

Internationale Aktionstage

Am nächsten Dienstag starten die internationalen Aktionstage «16 Tage gegen Gewalt an Frauen». Die Kampagne wurde 1991 vom Women’s Global Leadership Institute ins Leben gerufen. Die Aktionstage beginnen jedes Jahr am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, und enden am Tag der Menschenrechte, dem 10. Dezember. Die beiden Daten sollen deutlich machen, dass Frauenrechte Menschenrechte sind – und geschlechtsspezifische Gewalt immer auch eine Menschenrechtsverletzung.

Im Rahmen der Aktionstage finden in der ganzen Schweiz Podiumsdiskussionen, Theater, Selbstverteidigungskurse, Workshops und Aktionen auf der Strasse statt.

www.16tage.ch

 

WOZ: Was meinen Sie mit ökonomischer Gewalt?

Blertë Berisha: Wenn ein Mann seine Partnerin finanziell kontrolliert; also zum Beispiel alleine über das gemeinsame Geld verfügt und die Frau keinen Zugang zum Konto hat.

WOZ: Sie sind Kogeschäftsleiterin der Dachorganisation der Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein. Nehmen Sie die Zunahme auch vor Ort in den Einrichtungen wahr?

Blertë Berisha: Wir sehen in den Frauenhäusern deutlich, dass patriarchale Gewalt grundsätzlich zunimmt, auch jenseits der allerschlimmsten Fälle, in denen Frauen getötet werden. Die Frauenhäuser sind seit Jahren an der Belastungsgrenze. Wir beobachten zudem, dass die Fälle komplexer werden. Unsere Einrichtungen spüren den psychiatrischen Notstand stark; dass die Menschen nicht rechtzeitig adäquat betreut werden, weil die Wartelisten so lang sind. Das führt dazu, dass Krisensituationen herausfordernder und komplexer werden, was Gewalt gegen Frauen begünstigt. Auch der angespannte Wohnungsmarkt und die allgemeine Krisenstimmung machen sich im häuslichen Umfeld bemerkbar. Dazu kommt der stark spürbare antifeministische Backlash. Patriarchale Männlichkeitsvorstellungen werden wieder salonfähig, was vor allem auch im digitalen Raum sehr sichtbar ist.

WOZ: Das Bundesamt für Statistik (BfS) hat letzte Woche aktuelle Zahlen zur Gewalt im häuslichen Bereich und in Partnerschaften veröffentlicht. Dabei zeigt sich: Frauen ohne Schweizer Pass sind deutlich öfter von patriarchaler Gewalt betroffen. Männer ohne Schweizer Pass sind aber auch überproportional oft Täter. Was schliessen Sie aus dieser Tatsache?

Blertë Berisha: Ich will gar nicht verneinen, dass es bei der Frage der Gewalt auch herkunftsbedingte Einflüsse gibt. Natürlich gibt es Orte, wo stärkere patriarchale Rollenbilder und traditionelle Familienbilder vorherrschen, und das wirkt sich aus. Dennoch müssen wir enorm aufpassen, dass wir die Herkunftsfrage nicht überbewerten – und damit falsche Schlüsse aus den Zahlen des BfS ziehen.

WOZ: Wie meinen Sie das?

Blertë Berisha: Gewalt lässt sich nicht kulturalisieren oder fein säuberlich nach Nationen trennen. Erstens ist die Herkunft eines Menschen immer nur ein kleiner Teil seiner Identität. Menschen mit Migrationsgeschichte sind oft von prekären Jobverhältnissen betroffen, von Diskriminierungserfahrungen, engen Wohnverhältnissen, mehr Stress. Und wir wissen, dass Gewalt viel mit Stress zu tun hat. Dazu kommt, dass rassifizierte Personen bei Verdachtsmomenten viel eher angezeigt werden, was die Kriminalstatistik verzerrt. Eine Studie in Lausanne hat dies kürzlich auch für den Bereich der häuslichen Gewalt nachgewiesen. Rassifizierte Männer werden viel schneller als gewalttätig eingestuft als weisse Männer, und Polizisten gehen ganz anders in die Situation rein.

WOZ: Warum gelingt es bisher nicht, Frauen besser vor Gewalt zu schützen?

Blertë Berisha: Weil wir in verschiedenen Belangen ein strukturelles Problem haben. Aber es fehlt auch schlicht an Ressourcen und dem politischen Willen, die dringendsten Schutzmassnahmen zu ergreifen. Das zeigt der Parallelbericht zur Umsetzung der Istanbul-Konvention, an dem wir mitgearbeitet haben. Es gibt in der Schweiz nicht einmal eine solide Finanzierung der bestehenden Angebote. Viele Frauenhäuser erhalten von den Kantonen keine Sockelfinanzierung; sie werden stattdessen über Fallzahlen finanziert, was die Planung enorm schwierig macht. Darüber hinaus bräuchte es dringend einen Ausbau des Angebots. Die Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren empfiehlt, dass die durchschnittliche Auslastung von Frauenhäusern nicht höher als bei 75 Prozent liegen darf. Sie ist in der Schweiz seit Jahren höher. Der Europarat empfiehlt ein Familienzimmer pro 10 000 Einwohner:innen; in der Schweiz gibt es derzeit nur ein Viertel der empfohlenen Anzahl. Es fehlt in den Einrichtungen auch an Notzimmern für Akutfälle sowie an spezialisierten Angeboten etwa für Betroffene aus der LGBTIQ-Community, für Menschen mit Behinderungen oder für Mädchen und junge Frauen.

WOZ: In der Schweiz liegt die Finanzierung von Frauenhäusern in der Verantwortung der Kantone …

Blertë Berisha: … das ist ein grosses Problem, das auch im Parallelbericht noch einmal deutlich geworden ist. Es fehlt an einer nationalen Strategie. Die Kantone sind zu nichts verpflichtet, es gibt nur Empfehlungen. Jeder Kanton könnte natürlich selbstständig ausrechnen, wie viele Plätze er gemäss den Empfehlungen des Europarats aufgrund seiner Bevölkerungszahl schaffen müsste, doch das passiert nicht. In den Kantonen Jura, Glarus, Obwalden, Nidwalden, Uri, Schwyz, Thurgau, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden sowie Schaffhausen gibt es keine Frauenhäuser – und nicht überall gibt es Leistungsvereinbarungen mit umliegenden Kantonen. Das ist eine äusserst prekäre Situation.

WOZ: Frauenhäuser sind nur der letzte Zufluchtsort für Gewaltbetroffene. Müsste der Schutz nicht schon viel früher greifen? Auch die BfS-Zahlen zeigen: Nur die wenigsten Opfer hatten vor der Tat überhaupt Kontakt mit einer Anlaufstelle, und gegen die späteren Täter wurden im Vorfeld kaum Massnahmen ausgesprochen.

Blertë Berisha: Hier setzt die nationale Präventionskampagne an, die der Bund letzte Woche lanciert hat. Es geht dabei einerseits um Sensibilisierung für patriarchale Gewalt – mit einem sehr begrüssenswerten Ansatz, weil er betont, dass Gleichstellung zu weniger Gewalt führt. Andererseits sollen Betroffene besser darüber informiert werden, wo sie sich hinwenden können. Dazu wird im Frühling eine nationale Helpline in Betrieb genommen – was ja auch von der Istanbul-Konvention verlangt wird. Diese Massnahmen bewerten wir als sehr positiv. Aber sie genügen bei weitem nicht.

WOZ: Als positives Beispiel bei der Bekämpfung von patriarchaler Gewalt wird oft Spanien ins Feld geführt. Das Land setzt etwa auf elektronische Fussfesseln, um Täter zu überwachen. Taugt Spanien tatsächlich als Vorbild?

Blertë Berisha: Das Electronic Monitoring der Täter mittels Fussfesseln kann man sicher kontrovers diskutieren. Wichtig zu sehen ist aber: Spanien setzt bei den Massnahmen nicht allein auf Repression. Die Fussfessel ist nur ein Puzzleteil in der Bekämpfung von patriarchaler Gewalt, und es hat sich gezeigt, dass sie eine abschreckende Wirkung hat. In Spanien wird das Thema der geschlechtsspezifischen Gewalt jedoch mittlerweile auf jeder politischen Ebene, in jedem Departement mitgedacht. Auch wir haben Gleichstellungsbüros und Fachstellen, aber diese sind eben nicht integraler Bestandteil des Justizdepartements oder des Bildungsdepartements. Spanien hat ein sehr gut funktionierendes System aus Schutzunterkünften, guter Täterarbeit, schnellen Gerichtsverfahren, spezialisierter Polizei und Staatsanwaltschaften geschaffen. Dazu setzt das Land stark auf Präventionsarbeit, etwa in Schulen. Das wird hier total vernachlässigt – obwohl zahlreiche Studien zeigen, wie essenziell das wäre.

WOZ: Was wäre daran so wichtig?

Blertë Berisha: Um Gewalt zu verhindern, ist es ganz essenziell, überhaupt zu verstehen, was Gewalt ist und wo sie anfängt. Wir reden hier nun über Feminizide als Spitze der Gewaltpyramide. Aber es gibt eben auch die Basis der Gewaltpyramide, zu der wir alle unseren Teil beitragen. Die gesamte Gesellschaft muss ein Bewusstsein dafür entwickeln, wo patriarchale Gewalt, rassistische Gewalt, Queerfeindlichkeit anfangen – damit sie nicht mehr reproduziert werden. Wer sexistische Sprüche am Stammtisch toleriert, macht sich mitschuldig. Der Staat müsste insbesondere viel mehr in frühkindliche Bildung in diesem Bereich investieren. Es bräuchte ein Fach, in dem Kinder früh lernen, Konflikte zu lösen und Gefühle auszudrücken – aber auch die bestehenden patriarchalen Rollenbilder zu hinterfragen.

Blertë Berisha (39) ist Sozialanthropologin und setzt sich als Kogeschäftsleiterin der Dachorganisation der Frauenhäuser für die Beseitigung von patriarchalen Strukturen ein, die häuslicher und geschlechtsbezogener Gewalt zugrunde liegen.