Kulturpolitik: Alles so still hier

Nr. 10 –

Hauptsache, wir haben ein Leitbild: Kurze Brandrede zur gut eingeölten Verwaltung der Kultur.

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Christoph Schlingensief an einer Kundgebung
Provokante Stunts wie dieser wären heute undenkbar: Christoph Schlingensief, wie er 2001 die kulturfeindlichen SVP-Forderungen karikierte. Foto: David Baltzer, Laif

«Das hier, das ist nicht irgendeine Kultur! Das ist staatlich geförderte Kultur mit einem Leitbild.» Im Saal sitzt auch der städtische Kulturchef, und sogar der Stadtpräsident lacht mit, als der Schauspieler auf der Bühne seinen Monolog zur Zürcher Kulturpolitik zum Besten gibt. Mit lustig verstellter Kopfstimme klingt er wie ein demütiger Gartenzwerg, aber als er dann aus dem erwähnten Kulturleitbild zitiert, wechselt der Komödiant in ein rabiates Zürichdeutsch. So hämmert er die einschlägigen Leerformeln heraus, die den Ertrag einer erfolgreichen Kulturpolitik vorrechnen sollen: Höchste künstlerische Qualität! Auf allen Ebenen der Theaterlandschaft! Breites Spektrum, vom Boulevard bis zum Experimentiertheater!

«Was ist Kultur?», so ist die kurze Szene überschrieben, sie stammt aus einer Produktion der freien Theatergruppe 400asa. Mitgeschnitten wurde die Nummer im Jahr 2004, und wenn man sich das Video heute anschaut, fällt dreierlei auf. Erstens, wie extrem lustig und selbstironisch das freie Theater hier die staatliche Kulturpolitik samt ihrem neoliberalen Stadtentwicklungsjargon aufs Korn nimmt: «Wir seien ein Standortfaktor», zitiert der Schauspieler einmal die offizielle kulturpolitische Rhetorik. Er sagt es aber eher kleinlaut in seiner Zwergenstimme – es ist ihm offensichtlich nicht geheuer, dieses Argument mit der Kunst als sogenanntem Standortfaktor.

Und was liest man 22 Jahre später im aktuellen Kulturleitbild der Stadt? Genau: «Kultur ist ein zentraler Standortfaktor Zürichs.» Zweitens also: Diesen ganzen Monolog könnte man heute immer noch fast genau so bringen. Klar, der (sozialdemokratische) Stadtpräsident von damals hat ein paar Jahre später für sehr, sehr lange Zeit einer (sozialdemokratischen) Stadtpräsidentin Platz gemacht. Aber abgesehen davon klingt die ganze Tirade zur städtischen Kulturpolitik heute so gegenwärtig wie vor über zwanzig Jahren; sie hat nichts von ihrer Gültigkeit verloren.

Und drittens: Ja, warum ist es eigentlich so verdammt still heute?

Kulturkampf klickt besser

Das ist es, was einem angesichts dieses Videos vor allem bewusst wird: dass es Einwürfe dieser Art heute nicht mehr gibt. Und dass über Kulturpolitik so gut wie gar keine Debatten mehr stattfinden. Ab und zu kam zwar noch ein Journalist, der dem Bundesrat vorrechnete, dass von dem vielen Geld für die eidgenössischen Kulturpreise zu viel in die feierliche Präsentation und ins Marketing fliesse und nicht genug an die prämierten Kulturschaffenden. Aber abseits von solchen buchhalterischen Einwänden werden höchstens verwaltungstechnische Vorgänge skandalisiert. Etwa, wenn gewisse Feuilletons irgendwelche «woken» Umtriebe dahinter wittern, wenn ein Autor für einmal keine Förderung bekommen hat. Darüber hinaus? Das grosse Schweigen, seit vielen Jahren schon.

Woran liegt das? Man könnte es sich einfach machen mit der These: Das muss an der Medienkrise liegen. Redaktionen wurden zusammengelegt, die Feuilletons kleingespart. Und wie sollen kulturpolitische Debatten entstehen, wenn die Ressourcen und die medialen Resonanzräume, die es dafür bräuchte, an allen Fronten zurückgebaut werden? Und die Energie, die noch für Debatten übrig ist, wird für Schattengefechte verschwendet: Kulturkampf klickt einfach besser als Kulturpolitik. Kommt hinzu, dass die medialen Räume buchstäblich zu Echokammern geworden sind. Die regionalen Zeitungen, die noch nicht abgewickelt wurden, haben zwar weiterhin eigene Namen, aber die Inhalte sind vielerorts identisch. Eine Scheinvielfalt, die auch dazu dient, die Folgen der Medienkonzentration zu verschleiern, leiern, eiern. (Überall dasselbe Echo.)

Man könnte es sich auch noch einfacher machen und auf den Mann spielen mit der These: Herr Knüsel ist schuld. Wir erinnern uns, «Der Kulturinfarkt» von Pius Knüsel et al. Vor genau vierzehn Jahren war das, als der Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia vor seinem Abgang mit einem polemischen Rundumschlag zum Zustand der subventionierten Kultur nochmals gehörig Lärm machte. Die Diagnose von Knüsel und seinen drei deutschen Mitstreitern: Die Bürokratie der staatlichen Kulturförderung habe zur Folge, dass es «von allem zu viel und überall das Gleiche» gebe.

Als Patentrezept gegen dieses angebliche Überangebot an subventionierter angeblicher Monokultur hatten die vier Kulturmanager auch gleich eine kompromisslose Therapie im Angebot: Um den «Kulturinfarkt» abzuwenden, müsse man einfach die Hälfte aller Kultureinrichtungen schliessen. Die dadurch frei werdenden Gelder seien nämlich viel besser investiert, wenn man sie darauf ausrichte, das kulturelle Angebot den neuen Bedürfnissen anzupassen, die durch Einwanderung, Globalisierung und die digitale Revolution gewachsen seien.

Lichter aus in jedem zweiten Kulturhaus? Diese Forderung hat damals zwar niemand wirklich ernst genommen, zumal das Buch in den Feuilletons, die es damals noch gab, grossteils verrissen wurde. Zu wenig fundiert und begrifflich unscharf, so lautete der Tenor, zu kurz gedacht und im Urteil viel zu pauschal. Die neuen Bedürfnisse jedoch, die durch Migration, Globalisierung und Digitalisierung entstanden sind, wie Knüsel und Kollegen damals schon ins Feld führten: Sie gehören heute in jedem amtlichen Kulturleitbild zum guten Ton. Da ist dann die Rede von der «kulturellen Teilhabe», die man fördern wolle, oder von «neuen Formaten» (die so neu auch wieder nicht sind).

Stillhalten im Status quo

Und womöglich ist von der Debatte, die sich damals noch vor Erscheinen des Buches an Knüsels «Kulturinfarkt» entzündete, trotzdem auch an der Basis etwas haften geblieben. Womöglich ist es einigen Kulturschaffenden doch in die Knochen gefahren, das neoliberale Schreckgespenst von der Schliessung der Hälfte aller Kulturstätten. Ein ketzerischer Vorschlag wie der, einem städtischen Theaterhaus einfach mal sämtliche Subventionen zu streichen, wie das Christoph Schlingensief ins Spiel brachte, als er vor 25 Jahren in Zürich mit dieser Idee die kulturfeindlichen Forderungen der SVP karikierte: Provokante Stunts wie dieser wären heute undenkbar.

Das hat auch damit zu tun, dass SVP und Rechtslibertäre seither ein weiteres Feld für kulturpolitische Angriffe entdeckt haben mit ihrem Kampf gegen die SRG. Auch wenn die Halbierungsinitiative nicht explizit auf die Kultur zielt, so ist doch völlig unklar, wie weit die SRG ihren Kulturauftrag bei einer Annahme überhaupt noch wahrnehmen könnte.

Ja, vielleicht ist es auch deshalb so still geworden, weil Besitzstandswahrung unter diesen Umständen oberste Priorität hat. Mit der Pandemie, die gerade für Freischaffende existenzgefährdend war, und mit den neusten Spardiktaten aus dem Bundesrat dürfte sich das nochmals verstärkt haben. Die Lockdowns im Nacken und aus dem Bundeshaus vor allem Austeritäts- und Aufrüstungssignale: Verständlich, dass niemand in der Kultur den Status quo aufs Spiel setzen will.

Niemand? Nun, vereinzelt gibt es sie noch, die Interventionen, die dieses Stillhalteabkommen in der Kulturpolitik herausfordern. Wie zuletzt die kantonale Musikvielfalt-Initiative in Basel, der es gelang, eine Diskussion über Fördergerechtigkeit anzustossen, die weit über die Region hinaus ausstrahlte (und die nun trotz deutlichem Nein an der Urne landesweit weitergeführt werden soll). Schon bezeichnend, dass der kulturpolitische Vorstoss, der in den letzten Jahren das breiteste Echo ausgelöst hat, nicht von oben kam, aus irgendwelchen Amtszentralen. Sondern von der Basis, aus der freien Kultur.

Am Schräubchen drehen

Womit wir bei der dritten These wären: Kulturpolitik ist auch deshalb weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden, weil sie nur noch im Verwaltungsmodus betrieben wird. Es braucht ja immer mindestens zwei Seiten, damit so brav geschwiegen wird. Beispiel Zürich: Seit bald fünf Jahren wird dort die Abteilung Kultur unter der abtretenden Stadtpräsidentin Corine Mauch von einer Doppelspitze geleitet. «Frischer Wind in der Zürcher Kulturszene», titelte das Regionaljournal von Schweizer Radio SRF im Dezember 2021, als die beiden noch neu im Amt waren. Der frische Wind drückte sich dann in einem neuen Leitbild aus, das im Sommer 2023 präsentiert wurde. Ansonsten treten die beiden Kulturchefinnen öffentlich so gut wie nicht in Erscheinung. So nahm auch kaum jemand davon Notiz, als letztes Jahr die eine Hälfte der Doppelspitze neu besetzt wurde.

Nun könnte man sagen: Die machen einfach ihren Job, vielleicht machen sie ihn sogar gut. Ein:e Kulturfunktionär:in muss sich ja nicht mit eigenen Ideen profilieren, sondern soll für gute Rahmenbedingungen und reibungslose Abläufe sorgen. Aber wäre es nicht auch ihre Aufgabe, die Öffentlichkeit mit kulturpolitischen Einwürfen zu behelligen? Und sei es nur zu einer Frage wie «Was ist Kultur?».

Kulturpolitik, das heisst heute: Man dreht periodisch am einen oder anderen Schräubchen, um den verwaltungstechnischen Aufwand ein bisschen anders zu kanalisieren – so fällt hoffentlich niemandem auf, dass alles bleibt, wie es ist. Wie sagte der Schauspieler mit der Zwergenstimme, als er im Jahr 2004 das Kulturleitbild der Stadt Zürich resümierte: «Es gebe keine Lücken in diesem Angebot, heisst es in diesem Bericht, keine einzige. Das Angebot sei vollständig.» Das war schon damals der beklemmendste Befund, den man über eine Kulturlandschaft äussern kann: dass ihr Angebot absolut lückenlos und vollständig sei.