Nr. 23/2020 vom 04.06.2020

Feuilleton am Limit

Noch ein Coronatrend in den Medien: Kadermänner, die der Kultur die Leviten lesen. Das fällt auf sie selbst zurück.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Zum Ende des Lockdowns macht sich bei grossen Schweizer Zeitungen ein neuer Trendsport breit, dem namentlich Kadermänner frönen: die Kulturbeschimpfung. Da wäre etwa Michael Marti, als Mitglied der Chefredaktion bei Tamedia zuständig für die Kultur, mit einem Meinungsartikel unter dem Titel «Kunst während der Pandemie: Eine nationale Tragödie». Oder Peer Teuwsen, Kulturchef bei der «NZZ am Sonntag», mit seinem Urteil: «Opernbühnen und Schauspielhäuser haben in der Krise versagt». Liest man dann die betreffenden Beiträge, fällt die Diagnose auf die Autoren zurück: Wenn hier etwas tragisch versagt, dann ist es der Kulturjournalismus.

Martis Rundumschlag in sechs Punkten ist immerhin als «Polemik» deklariert. Erst witzelt er darüber, dass die Kunst («oft selbstverliebt, oft selbstgenügsam und eigentlich immer selbstbezogen») in der Krise plötzlich das Publikum vermisse, wo sie dieses doch sonst so gern ignoriere. (Ach, er fühlt sich ignoriert?) Dann bemüht er eine hauseigene Onlineumfrage, bei der fünfzig Prozent der Leute angaben, dass sie Kulturveranstaltungen im Lockdown am meisten vermissen. Woraus der Autor messerscharf schliesst: Für die andere Hälfte trifft das offenbar nicht zu.

Traurig in der Krise

Kultur als menschliches Grundbedürfnis? Intellektuellengeschwätz! Eine breite Bevölkerung brauche gar keine Kultur, folgert Marti: «Jeder Zweite kann sehr gut ohne Kulturevents leben, ohne Konzert, ohne Theater, ohne ins Kino zu gehen.» Umgekehrt kann man bei Tamedia offenbar sehr gut ohne die kulturfreudige Hälfte der LeserInnen leben: Im Juli soll dort das Kulturressort abgeschafft und dem Ressort Leben untergeordnet werden. Marti, der den Umbau verantwortet, liess dazu auf dem Branchenportal «Persönlich» diesen denkwürdigen Satz verlauten: Die neue Struktur «erlaube eine agile Gruppierung der Ressourcen und des Know-hows gemäss den Userbedürfnissen auf den Digitalplattformen». Sehr agil gruppiert, diese Erklärung.

Apropos digitale Plattformen: Tamedia bewirtschaftet diese ja an allen Fronten, aber wehe, die Kultur verirrt sich jetzt ins Netz! Dann wird sie vom Digitalstrategen Marti zur Rechenschaft gezogen für ihre «traurige Vorstellung» während der Krise: «Insbesondere die etablierten und hoch subventionierten Sparten flüchteten sich vor dem Virus und der Realität in den fernen Cyberspace, um von dort keimfreie Signale zu senden.» Ein kurioser Vorwurf, wo sie doch bei Tamedia eigens einen Corona-Kulturstream lanciert haben. Da spielt man sich zuerst als Unterstützer der Kulturschaffenden auf, und wenn der Kulturstream womöglich nicht den «Userbedürfnissen auf den Digitalplattformen» entspricht, wird die ganze Netzkultur pauschal abgeurteilt: Realitätsflucht! Keimfreies Zeug!

Chillen auf Kurzarbeit

Damit wären wir bei Ressortleiter Teuwsen, der zuvor schon in die gleiche Kerbe schlug – nicht so kulturfeindlich, ähnlich uninformiert. Auch Teuwsen wirft den subventionierten Kulturhäusern vor, sie hätten vor dem Virus kapituliert, weil sie sich mit irgendwelchen Streamings begnügt hätten, um auf Kurzarbeit zu chillen: «Sie haben ihre Macht ohne Gegenwehr preisgegeben. Das ist eine Schande.» Pauschalthese hier: Die Subventionierten (Staatskultur!) seien in der Coronakrise eingeschlafen, viele Selbstständige dagegen (freier Markt!) hätten sich innovativ gezeigt. Abgesehen vom falschen Gegensatz, weil Freischaffende ja oft genauso von staatlicher Förderung abhängig sind: Von den «vielen Selbständigen» im Anriss bleiben im Artikel nur «einige wenige» übrig, und als Beleg für diese wenigen dann noch genau eine, nämlich Hazel Brugger, die einige Auftritte in einem deutschen Autokino absolvierte. Hazel Brugger ist super, keine Frage, aber der erfolgreichste Schweizer Comedyexport der vergangenen Jahre als Inbegriff der freischaffenden Künstlerin? Guter Witz, Kollege.

Klar, die Kulturproduktion in der Krise war vielerorts, sagen wir: krisenhaft. Aber wer die Selbstständigen gegen die subventionierten Häuser ausspielen will, sollte zumindest bessere Argumente kennen als Hazel Brugger im Autokino. Und im eigenen Haus die Kultur degradieren und sich trotzdem noch als Kunstapostel aufspielen: ein schlechter Witz.

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