Epstein-Files: Sicher versorgt im grossen Chaos
Die fahrlässig schludrige Publikation der Epstein-Files zeigt einmal mehr, wie man obszöne Wahrheiten auf offener Bühne zum Verschwinden bringen kann.
Der Regisseur des neuen Amazon-Propagandafilms über Melania Trump war mit Epstein befreundet, ebenso der Indiefilmer Woody Allen. Der Wef-Chef Børge Brende gehörte zum Bekanntenkreis wie auch die schwerreichen Unternehmer Bill Gates, Elon Musk und Richard Branson, neben zahlreichen Politikern und Adligen.
Wenn das Newsportal watson.de richtig zusammengezählt hat, taucht Donald Trump in den sogenannten Epstein-Files doppelt so oft auf wie der Name Harry Potter in allen Harry-Potter-Bänden zusammen. Und auch der hiesige Wäschehersteller Zimmerli hat einen Auftritt: Epstein hat offenbar vor acht Jahren Herrenunterwäsche für 5000 US-Dollar beim Traditionsbetrieb bestellt – so berichtete es der Aargauer Lokalsender Tele M1.
Suchpfade ohne Übersicht
Das Ende Januar vom US-Justizministerium veröffentlichte Datenpaket mit mehreren Millionen Einzelteilen ist eine weitgehend ungeordnete Sammlung aus Untersuchungsschnipseln: Fotos, eingescannte Dokumente, Chatverläufe, E-Mails, Videoclips. Es sind die Partikel einer strafrechtlichen Untersuchung gegen den 2008 wegen erzwungener Prostitution einer Minderjährigen vorbestraften Financier Jeffrey Epstein. 2019 wurde er erneut verhaftet und wegen Betreiben eines Missbrauchsrings mit Kindern und Jugendlichen angeklagt. Wenige Monate später starb er in einem New Yorker Gefängnis. Offiziell festgehaltene Todesursache: Suizid.
Die Datensätze zeigen nochmals die weltweiten Verästelungen seiner freundschaftlichen Verbindungen mit Reichen und Mächtigen. Der misogyne Kitt dieser Freundschaften: mutmasslicher Missbrauch von Minderjährigen und Menschenhandel im Rahmen von geheimen Partys in Privatjets, auf Inseln und in abgeschiedenen Villen. Die nun vorläufig abgeschlossene Publikation der Epstein-Files: Gegenstand eines jahrelangen Seilziehens zwischen US-Demokrat:innen und -Republikaner:innen. Der ganze Fall: eine Ansammlung von Justizskandalen, Vertuschungen, Hinterzimmerdeals.
Das US-Justizministerium kommentierte den Datendrop mit dem Hinweis, man werde keine weiteren strafrechtlichen Untersuchungen in der Sache unternehmen; andere Länder haben nun aber durchaus solche Aufarbeitungen gestartet. Durch die fragwürdige Weise, wie die gigantischen Datensätze der Welt vor die Füsse geworfen wurden – unaufgearbeitet, ohne Wegweiser, nicht konsequent eingeschwärzt im Sinne des Opferschutzes –, setzte sofort ein Jekami ein. Die Website der Regierung ist wie eine Suchmaschine aufgebaut. Das führt zum bekannten Google-Problem: Man findet das, was man sucht. Es entstehen Suchpfade, aber keine Übersicht.
Selbstverständlich können solche Recherchen im Datenkonvolut trotzdem zu relevanten Resultaten führen. Sie haben aber auch etwas Zufälliges, sind abhängig von den Interessen und Ressourcen der Journalist:innen. Die grosse Frage lautet einmal mehr: Welches der zusammengesparten, im weltweiten Rechtsrutsch pausenlos angefeindeten und verleumdeten Medienhäuser kann sich eine systematische, furchtlose und unvoreingenommene Auswertung der vielen Millionen Datenpunkte überhaupt leisten? Oder wie die medienkritische Plattform «Übermedien» zu Recht anmerkte: Im Moment läuft alles eher nach dem Motto: «Jeder will der Erste sein, der etwas Brisantes entdeckt.» Die Masse an aufgeworfenen «Clickbait-Aufregern» verdecke «das grosse Ganze».
Im Stich gelassen
Moralische und strafrechtliche Aspekte geraten in der Berichterstattung durcheinander. Dabei sind längst nicht alle, die namentlich in den Files auftauchen, schuldig. Die unübersichtliche Gemengelage aus Kontaktschuld, zufälligen Erwähnungen, Boulevardjournalismus, Schadenfreude und Bauernopfern führt zu einer Relativierung der schweren Verbrechen, die zweifellos begangen wurden. Die wohl absichtlich unsorgfältige Veröffentlichung der Files ist auch eine weitere Schändung der weiblichen Opfer. Sie werden fahrlässig ausgestellt und erneut im Stich gelassen. Zumeist ohne wesentliche Folgen für die Täter.
Das Durcheinander und die Unübersichtlichkeit, die den Fall Epstein auszeichnen, werden durch die Art der Publikation und das Delegieren der Verantwortung an den vielköpfigen Onlineschwarm noch vergrössert. Inhalt und Interpretation der Daten wirken bodenlos, bereits sind gefälschte Dokumente im Umlauf. Die Epstein-Files seien ein Baukasten für Verschwörungstheorien, mutmasste denn auch der Zürcher Medienwissenschaftler Roland Meyer auf der Social-Media-Plattform Bluesky. Das Meer aus Stückwerk verleitet dazu, die versprengten Punkte entlang eigener Vorurteile und Interessenlagen zu verbinden.
Die Verwirrung wird weiter befördert durch die Tatsache, dass Trump selber in den letzten Jahren mehrere Kehrtwendungen vollzogen hat: Der Biden-Regierung warf er vor, die Epstein-Untersuchungen unter Verschluss zu halten, und machte ihre Veröffentlichung zu einem Wahlkampfversprechen, das er dann allerdings nur zögerlich einlöste. Angesichts anderer Erfahrungen mit dieser Regierung und diverser Unregelmässigkeiten bei der Publikation der Files muss man ausserdem annehmen, dass nicht alles Material veröffentlicht wurde.
Bereicherung vor allem andern
Die Herausgabe der gigantischen Datensätze ist nur auf den ersten Blick ein Dienst an der Transparenz, ein Wegziehen des Schleiers, wie es etwa die «Süddeutsche» beinahe poetisch beschrieb. Es wirkt vielmehr so, als ob hier, durchaus mit Bedacht, gerade ein Unsichtbarmachen auf offener Bühne stattfindet. So wie in Edgar Allan Poes berühmter Detektivgeschichte «Der entwendete Brief» das zentrale Beweisstück beim Durchsuchen einer Wohnung gerade deshalb nicht gefunden wird, weil besagter Brief im unaufgeräumten Allerlei offen herumliegt. Die Lehre: Wer etwas zu verbergen hat, muss bloss die Nerven bewahren. Was vor aller Augen daliegt, ist oft viel schwieriger zu finden und als relevant zu erkennen als etwas aufwendig Verstecktes.
Als er sich 2002 zu den fehlenden Beweisen für Massenvernichtungswaffen äussern sollte, die den Einmarsch der US-Truppen in den Irak hätten rechtfertigen können, flüchtete sich der damalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in philosophisches Geschwurbel. Er sprach von «bekanntem Bekanntem» und «bekanntem Unbekanntem» und fügte an, es gebe auch «unbekanntes Unbekanntes»: Dinge, «von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen».
Als zwei Jahre später die US-Folterverbrechen in Abu Ghraib publik wurden, verwies der Philosoph Slavoj Žižek zu Recht darauf, dass Rumsfeld ausgerechnet die wichtigste Variante ausgelassen hatte: das «unbekannte Bekannte». Wo doch gerade der Fall Abu Ghraib zeige, wie zentral dieses in der Politik sei: das Geleugnete, die obszönen Praktiken, die Kehrseite der vordergründig behaupteten hehren Werte. Auch die Machenschaften von Epstein sind ein solches «unbekanntes Bekanntes». Ein gewaltsames Geheimnis, eine schmutzige, aber gleichzeitig systemerhaltende Wahrheit, die eigentlich bekannt ist, aber abgestritten werden und unaufgeklärt bleiben muss, weil sonst das ganze Machtgebäude einzustürzen droht.
Wie bereits verschiedentlich festgestellt wurde, ist die nun vollzogene Publikation der Files auch ein weiteres Beispiel für die wichtigste Propagandatechnik der Trump-Regierung: die Zone fluten, Erregungswellen durch die Welt jagen. Geflutet wurde diesmal nicht mit Shit, sondern mit einer überwältigenden Menge von schwer lesbaren Daten, die nun in den Weiten des Netzes ein blühendes und zerstreuendes Eigenleben entfalten. Dieses liesse sich mit «die moralische Verkommenheit der Eliten» überschreiben. All das lenkt einmal mehr ab von dem, was in dieser Präsidentschaft mit eiserner Entschlossenheit vorangetrieben wird: die ungehinderte Bereicherung ebendieser Eliten.