Fotografie: Gewehre und Hütten

Nr. 48 –

Poulomi Basus Kunst ist auch Widerstand gegen das Patriarchat im Globalen Süden. Das Fotomuseum zeigt ihre künstlerische Wandelbarkeit, die Ausstellung setzt aber mitunter viel voraus.

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Selbstporträt von Poulomi Basu: sie liegt in einem Bett, welches in einem See steht
Selbstporträt für die Kampagne einer NGO: «Radical Light» aus Poulomi Basus Serie 
«Sisters of the Moon».
Foto: © Poulomi Basu

Es heisst zwar, ein Bild sage mehr als tausend Worte, doch gerade Fotos kommen häufig erst mit einer Beschriftung richtig ins Sprechen. Was sehen wir? Wo befinden wir uns? Wann und von wem wurde die Aufnahme gemacht? Was ist darauf nicht zu sehen? Solche orientierenden Bildlegenden oder Werktitel fehlen in der Ausstellung von Poulomi Basu im Fotomuseum Winterthur. Und mit dieser Leerstelle spielt die indische Künstlerin: Das ist eine der Stärken, aber auch eine Schwäche der Ausstellung.

Mal ist es Basu in dystopischen Landschaften, mal sind es junge Frauen mit geschulterten Gewehren, mal Frauen verschiedenen Alters in Hütten, die einem von den Fotos entgegenblicken. Auswirkungen patriarchaler Unterdrückung, gerade wo sie sich mit ökologischen Krisen überschneiden, sind das Leitmotiv von Basus Kunst. Die Fotografie nutzt sie dafür in ihrer Vielfalt: von der Reportage bis zur Collage.

Mit ihrer Kamera ist Basu nahe an den Protagonist:innen dran. Diese Nähe kommt auch aus der eigenen Erfahrung: 1983 im indischen Kolkata geboren, entkam Basu ihrem gewalttätigen Vater erst durch seinen Tod. Heute lebt die Künstlerin in London. Von dieser Befreiung handelt die Werkgruppe «Fireflies» (Glühwürmchen). Die intimen Aufnahmen zeigen die Fotografin gemeinsam mit ihrer Mutter. Wir sehen eindrücklich, wie sie die Melancholie über erlebte Traumata und die Hoffnung auf Heilung balanciert – im Besonderen, weil ihre Werke nicht für sich allein stehen, sondern in Gruppen wirken.

Spiel mit Ambivalenzen

Gemeinschaften sind auch ein Sujet von Basu – besonders deutlich wird das in der Arbeit «Blood Speaks». Die Bilder sind hier in einer Traube angeordnet, zur Werkgruppe gehört auch eine raumgreifende Installation. Über alte Fernseher flimmern parallel verschiedene Filme von Frauen in dürftigen Hütten. Sie machen deutlich: Die Arbeit handelt von einer kollektiven Erfahrung. Dass die Filme Frauen in Nepal zeigen, die in das eigentlich verbotene und teils gar lebensgefährliche Menstruationsexil verbannt wurden, muss – und sollte – man im Ausstellungstext nachlesen.

Trotz der Übermacht roter Farbtöne findet eine sichtbare Konfrontation mit der Menstruation erst in der auf «Blood Speaks» aufbauenden Virtual-Reality-Arbeit statt. In dieser abenteuerlichen Geschichte folgt man einer Jugendlichen in London, die ihre erste Menstruation erlebt. Das in Teilen Nepals praktizierte Menstruationsexil, bei dem Frauen während ihrer Monatsblutung aus ihrem alltäglichen Umfeld verbannt werden, ist ein grausames Symptom der Tabuisierung, die weit über Nepal hinausreicht. Und steht exemplarisch für Basus Kunst, die sich mit spezifischen, meist stark unterbelichteten Missständen auseinandersetzt, zugleich aber auf darunterliegende Strukturen hinweist.

Ihr aktivistisches Engagement ist nicht von ihrer Kunst zu trennen. Neben «Blood Speaks» sind auch die sinnlichen Selbstporträts der Reihe «Sisters of the Moon» als Teil einer Kampagne mit der NGO Water Aid entstanden. Dafür hat sich Basu in einem Bett umgeben von Wasser abgelichtet, genauso wie in karger Landschaft mit Wasserkrügen oder mit in der Hand entflammtem magischem Feuer. Wie in «Fireflies» spielt Basu auch hier mit Ambivalenzen: zwischen dystopischer Gegenwartsanalyse zur Ressourcenknappheit und utopischen Fantasien über Potenziale weiblicher Selbstermächtigung.

Saalheft ist Pflicht

Basu nutzt spekulative Fiktion, gleichzeitig setzt sie sich mit den Wahrheitsansprüchen dokumentarischer Formate auseinander; sie selbst bezeichnet ihren Ansatz als «Dokufiktion». Nachzuvollziehen ist das insbesondere in der Arbeit «Centralia». Hier begegnen wir bewaffneten Frauen, die sich – wie zufällig – zärtlich an den Fingern berühren, verpixelten Archivfotos von Widerstandskämpferinnen und dürren Landschaften. Sie zeigen den bewaffneten Widerstand von indigenen Adivasi in Indien, die sich gegen die staatliche Ausbeutung in den von ihnen besiedelten Gebieten wehren – oder hinterfragen Vorstellungen und Darstellungsweisen dieses Konflikts. Der Clou: Basu verbindet gefundenes Archivmaterial mit dokumentarischen und inszenierten Fotos, allerdings ohne sie entsprechend auszuweisen.

Ein spannendes Experiment, das die eigenen Sehgewohnheiten herausfordert. Mit diesem stösst Basu eine Diskussion über die vermeintliche Authentizität des Mediums an und über die Frage, wie sehr bestimmte Darstellungsweisen die eigene Wahrnehmung prägen. Doch genau wie es bei «Blood Speaks» wichtig ist, über Hintergrundwissen zu verfügen, muss man sich dieser subversiven Auseinandersetzung mit der Fotografie bewusst sein, um die Aufnahmen entsprechend zu lesen.

So ist das knapp gehaltene Saalheft für Besucher:innen Pflicht – was durchaus auch an die Holschuld der Museumsbesucher:innen appelliert, sich zu informieren. Um so auch die politischen Ebenen von Basus widerständiger Kunst entziffern zu können, die, so wünscht es sich die Künstlerin, zum Handeln anregen soll.

Poulomi Basu: «Phantasmagoria». Fotomuseum Winterthur, bis 15. Februar 2026.