Stromausfall in Berlin: Zwei, drei, viele Vulkangruppen
Nach einem Anschlag auf eine Kabelbrücke brach in Teilen der deutschen Hauptstadt die Stromversorgung zusammen. Nun tauchen immer mehr Bekenner:innenschreiben auf – was eine sinnvolle innerlinke Debatte arg erschwert.
Immerhin eines haben die Urheber:innen des Anschlags auf die Berliner Stromversorgung geschafft: Sie haben eine Diskussion über KI in Gang gesetzt, wenn auch wohl anders als geplant. «Der Energiehunger aber ist unersättlich und frisst sich durch die Erdkruste und unser Leben, unter anderem, um die Künstliche Intelligenz zu füttern, die dann Stereotype, Hirnrissigkeiten auswirft und uns verwirrt, desorientiert und/oder manipuliert», hiess es in ihrem Bekenner:innenschreiben, «während Sprache, Ausdruck und Lebendigkeit» immer weiter «reduziert, verstümmelt und begrenzt» würden. Das Schreiben erreichte am Tag nach dem Anschlag verschiedene Redaktionen und wurde später im Internet veröffentlicht. Schnell wurden Spekulationen angestellt, ob hinter dem Anschlag tatsächlich «Linksextreme» steckten oder nicht vielleicht doch Russland, ob das Schreiben echt sei oder per KI generiert.
Ausgerechnet Sprache und Stil wurden als Belege für die Vermutung herangezogen, hier sei eine ausländische Macht im Spiel. Das sass. Die Absender:innen widersprachen scharf und erneuerten ihr Bekenntnis – in einem zweiten Text mit ähnlichen Stilblüten. «Sprache, Ausdruck und Lebendigkeit» in Aktion.
Ja, auch in der deutschen Hauptstadt begann das Jahr 2026 turbulent. In der Nacht auf den 3. Januar, pünktlich zur heranrollenden Kältewelle, fiel in mehreren Stadtteilen der Strom aus. Ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke hatte die Versorgung unterbrochen, etwa 100 000 Menschen blieben ohne Licht und Internet, oft auch ohne Wasser und Heizung. Bis alle Haushalte wieder an die Stromversorgung angeschlossen waren, dauerte es viereinhalb Tage. Es war der längste Blackout in Berlin seit Ende des Zweiten Weltkriegs.
Ukrainehilfe und Linkenhetze
Wärme spendeten in diesen kalten Tagen die «Hot Takes», die in der auf Hochtouren laufenden Diskussion rund um die Schuldfrage fielen. Nicht nur Spekulationen rund um die Urheber:innenschaft erhitzten die Gemüter, auch die Frage, wem die Folgen anzulasten seien, wurde heiss debattiert: den Täter:innen? Oder der schlechten deutschen Katastrophenvorsorge? Oder – warum denn nicht? – der Ukraineunterstützung, wie AfD-Accounts und die zur rechten Stichwortgeberin abgesunkene «Berliner Zeitung» mutmassten? Denn: 1700 Notstromaggregate seien ins kriegsgebeutelte Land geschickt worden, und die würden nun in Berlin fehlen. Hier widersprach prompt das Technische Hilfswerk: Alles, was an die Ukraine geliefert worden sei, sei extra zugekauft worden. Muss nun die Resilienz der deutschen Infrastruktur überprüft werden, wie Katastrophenschützer:innen fordern, oder mit neuen Überwachungsgesetzen gegen Linke und Klimaaktivist:innen «zurückgeschlagen», wie Deutschlands Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) im Einklang mit Springer-Medien hetzte?
In der breiteren Linken wird – vermutlich korrekterweise – davon ausgegangen, dass es sich tatsächlich um die Aktion einer linken Gruppe handelte. Von der Linkspartei, aus der Klimabewegung und auch aus radikaleren linken Gruppen hagelte es nahezu einhellig Kritik: Eine Attacke, die Zehntausende Menschen in ihren Wohnungen frieren lasse und Leben gefährde, könne kein Mittel linker Politik sein.
Allerdings: Die ganze Sache scheint auch etwas zum Klingen gebracht zu haben. Das Interesse, anhand der Aktion ein paar Grundsatzfragen zu debattieren, ist jedenfalls da. Das wiederum dürfte daran liegen, dass in ihr mehrere Themen zusammenlaufen, die Klimabewegung und Linke in den vergangenen Jahren umgetrieben haben: Was tun, wenn die erprobten Aktionsformen – Demos, Volksentscheide, Wahlen – allesamt gescheitert sind? Braucht es friedliche Sabotage, und was bedeutet das überhaupt? Ist solidarisches Preppen angesichts der auf uns zurollenden Klimakatastrophe angesagt?
Solche Diskussionen laufen aber weitgehend losgelöst von dem, was in der Szene der möglichen Urheber:innen des Anschlags debattiert wird. Seit Eingang des ersten Bekenner:innenschreibens häufen sich die Erklärungen, in denen sich weitere mutmasslich militante linke Gruppen zur Tat bekennen oder äussern.
Den Anfang machte ein Zusammenschluss unter dem Namen «Vulkangruppe: Den Herrschenden den Saft abdrehen» mit dem eingangs erwähnten Konvolut. Darin wird ein gewagter Bogen vom kapitalistischen Energiehunger, vom Klimawandel und von der imperialen Lebensweise über KI bis zur «Smart City» Berlin geschlagen und im Wesentlichen erklärt, mit dem gelegten Brand sei ein Gaskraftwerk ins Visier genommen worden, um das Geschäft mit fossiler Energie zu sabotieren. Das Schreiben macht deutlich, dass die Militanten die Folgen ihrer Aktion unter- und die Krisenfestigkeit der Berliner Infrastruktur überschätzten: «Das mehrfach gesicherte Energienetz wird über andere Wege der Energieleitungen die Haushalte in kürzester Zeit wieder über das weit verzweigte Stromnetz anschliessen.» Durch den hierfür notwendigen Zukauf von Energie wolle man dem Stromanbieter wirtschaftlich schaden; bei etwaigen Unannehmlichkeiten, die «weniger wohlhabenden Bewohner:innen» des Berliner Südwestens entstehen könnten – einige der getroffenen Gebiete sind Villenviertel –, empfiehlt die Gruppe, bei Nachbar:innen zu klingeln und sich insbesondere um ältere oder hilfsbedürftige Menschen zu kümmern.
Die Zersetzung der Realität
Hilfsbereitschaft unter Nachbar:innen hat es in den Tagen der Friererei tatsächlich gegeben. Beim Thema Netzresilienz haben sich die Vulkan-Militanten hingegen gehörig verschätzt. Am 8. Januar meldete sich die Gruppe noch einmal zu Wort und erklärte, nur mit Ausfällen von maximal einigen Stunden gerechnet zu haben. Und: «Mit dem heutigen Wissen um die Auswirkungen für Teile der Bevölkerung hätten wir diese Aktion in eine warme Jahreszeit verlegt.» Die Aktion an sich sei aber angesichts der Erdzerstörung durch fossile Energie weiterhin gerechtfertigt.
Die Vulkangruppe äussert sich in ihrem zweiten Schreiben auch zu einer anderen Veröffentlichung unter demselben Namen, die am Vortag auf der Plattform «Indymedia» erschienen war und in der sich eine angebliche «Ursprungsvulkangruppe» von der Brandlegung distanzierte. Unter dem Label «Vulkangruppe» und ähnlichen Bezeichnungen wurde seit 2011 mehrfach Verantwortung für Attacken auf die Energieinfrastruktur übernommen – etwa im Frühjahr 2024 auf eine Stromleitung, die zur Tesla-Autofabrik im brandenburgischen Grünheide führt, oder auf das Bahnnetz.
Inzwischen gibt es vier weitere Erklärungen. Die vorerst letzten zwei erschienen am 10. und am 12. Januar. Im einen Schreiben bezeichnen die Autor:innen die Distanzierung im Namen der angeblichen «Ursprungsvulkangruppe» sowie weitere publizierte Selbstbezichtigungen als «Fakes» und vermuten Ermittler:innen dahinter. In der anderen Veröffentlichung äussert man sich zur Diskussion um die Echtheit der vorherigen Texte und weist die Unterstellung, «fake» zu sein, zurück. Möglich, dass hier tatsächlich eifrige Polizist:innen versuchen, mit gefälschten Erklärungen Reaktionen zu provozieren. Auf der Plattform «Indymedia» kann schliesslich jede:r anonym veröffentlichen. Manche versuchen, ihren Texten Autorität zu verleihen, indem sie etwa Details zu Aktionen mitliefern; da mittlerweile aber mehrere konkurrierende «Vulkan»-Schreiben mit derartigen Detailbehauptungen aufwarten (die auch von der Polizei stammen könnten, die ebenfalls über Ablaufwissen zu den Anschlägen verfügt), bleiben auch diese Legitimationsversuche hilflos.
Politisch ist die Inflation an Bekenner:innenschreiben mindestens so relevant wie der Anschlag selbst. Da nämlich niemand mehr durchblickt und trotzdem berichtet, später dann widerrufen und korrigiert werden muss, herrscht maximale Verwirrung: Was ist wahr? Auf Basis einer derart erodierenden Realitätsgrundlage sind eine ernsthafte Einordnung und erst recht eine sinnvolle Diskussion zu politischen Zielen und Mitteln kaum möglich. Systematische Falschbehauptungen und KI-Fakes: Entstanden ist stattdessen ein diskursives Feld, in dem die Linke sich schlecht zurechtfindet, das die Rechte hingegen meisterhaft zu bespielen weiss – womit nun auch die militante Szene mitten im neuen Normalzustand von Deutschlands politischer Öffentlichkeit gelandet ist.