Kost und Logis: App statt Ampel
Daniel Hackbarth über die Zugänglichkeit von Ernährungswissen
Ursprünglich war dieser Platz reserviert für ein persönliches «Best of» von Produkten mit Nutri-Score E – eine Liste besonders minderwertiger Lebensmittel also, sozusagen als Stinkefinger an die ganzen Ernährungsapostel mit ihrem Protein- und Haferflockenfimmel. Schliesslich sind wir jung, wild und topfit und haben keine Lust auf betreutes Denken respektive Einkaufen.
Allerdings sind bei dem Thema schlappe Scherze dann doch unangebracht. Ende Januar warnte in Deutschland etwa die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina vor einer regelrechten «Adipositas-Epidemie». Das Problem ist allerdings ein globales. Starkes Übergewicht ist dabei auch eine Klassenfrage, denn das Budget bestimmt mit, was auf dem Teller landet. Zudem ist das Ernährungswissen – eine Form lebensweltlichen Kapitals – in reicheren Haushalten grösser als in ärmeren.
Abgesehen davon ist es aber auch gar nicht mehr so einfach, in Schweizer Supermärkten Produkte zu finden, deren Nutri-Score auf die Packung gedruckt ist – da hilft es wenig, dass dieser seit Jahresbeginn schärfere Kriterien anlegt. Für die Industrie bleibt die Lebensmittelampel freiwillig. Konzerne wie Nestlé verzichten inzwischen wieder auf eine Kennzeichnung, die Migros will sukzessive aussteigen. In Deutschland tragen derweil rund vierzig Prozent der Produkte eine Ampel, in Frankreich soll es nun sogar zusätzlich einen «Nutri-Score für Kleidung» geben: So soll auf einen Blick ersichtlich sein, unter welchen Bedingungen ein Artikel produziert wurde.
Unumstritten ist der Nutri-Score nicht – etwa weil es nicht unbedingt intuitiv einleuchtet, wie er zu lesen ist. So werden Lebensmittel innerhalb derselben Produktkategorie miteinander verglichen, also etwa Kekse mit Keksen, und dann bewertet. Eine Auszeichnung mit der Bestnote A bedeutet also nicht zwingend, dass man deswegen zugreifen sollte. Trotzdem bietet der Nutri-Score zumindest etwas Orientierung. Und wir haben ein Recht darauf zu erfahren, mit was uns die Industrie mästen will – und zwar, ohne dass das ein langwieriges Studium der Inhaltsstoffe erfordert.
Sollte der Nutri-Score trotzdem nach und nach ganz verschwinden, bieten Apps wie «Open Food Facts» eine Alternative. Damit lässt sich der Strichcode von Produkten scannen, worauf das Smartphone dann den Nutri-Score ausgibt (egal ob er auf der Packung steht oder nicht) wie auch nähere Angaben darüber, wie dieser berechnet wurde. Ausserdem wird aufgeschlüsselt, ob es sich um ein hochverarbeitetes Lebensmittel handelt und wie es mit dessen Umweltverträglichkeit aussieht.
Ein tolles Tool für Leute also, die sich intensiv damit beschäftigen wollen, was sie da genau Tag für Tag konsumieren. Massentauglich ist das wohl nicht. Wissen ermächtigt, sollte aber auch gut zugänglich sein.
WOZ-Redaktor Daniel Hackbarth ernährt sich ausschliesslich mit dem Powerfood Tofu, und genau so fühlt er sich auch.