Kollapsbewegung: Aber in den Wald müssen wir nicht
Wird die Zivilisation zusammenbrechen? Und wenn das die Perspektive ist, was bedeutet das für die Klimabewegung heute? Viele Linke diskutieren diese Fragen – und kommen zu unterschiedlichen Schlüssen.
Als es mit den Klimastreiks so richtig losging, war Uhu im Gymnasium. Doch streiken war Uhu bald nicht mehr genug. Die Schweiz auch nicht. Uhu beteiligte sich an militanteren Aktionen, besetzte Bäume und den Bundesplatz, reiste in andere Länder. Heute ist die nonbinäre Person Mitte zwanzig und bezeichnet sich als Ökoanarchist:in. Bei Aktionen dieser Szene wählen viele Beteiligte Tier- oder andere Tarnnamen – so kann man sich rufen, ohne persönliche Angaben der Polizei (oder einander) zu verraten. Uhu könnte ein solcher Name sein.
«Ich habe mich sterilisieren lassen», sagt Uhu. «Ich will nicht neues Leben in eine Welt setzen, die im Downfall ist.» Adoptieren wäre okay für Uhu: «Ein Kind, das schon das Pech hat, auf der Welt zu sein.» Uhu sagt das ganz ruhig. Man merkt: Diese Auseinandersetzung ist für die aktivistische Person nicht neu. Schon mit fünfzehn Jahren hat sie sich damit beschäftigt. «Wir werden Krisen erleben, Waldbrände, zu wenig Wasser, zu wenig Essen. Die Grenzen werden geschlossen sein, die Faschos werden Macht haben. Das ist der Weltuntergang der Menschlichkeit.» Es werde eine Zuspitzung geben: «Eine klare Grenze, wer menschenwürdig leben darf und wer nicht. Und eine Mauer dazwischen.»
Steht die Welt, wie wir sie kennen, kurz vor dem Zusammenbruch? Die globalisierte Wirtschaft, die Infrastruktur, das politische System? Seit etwa zwei Jahren diskutiert die deutschsprachige Bewegungslinke diese Frage intensiv. Im August 2025 trafen sich etwa tausend Menschen im ländlichen Brandenburg zum «Kollapscamp». Wohl bekanntester Vertreter der Bewegung im deutschsprachigen Raum ist Tadzio Müller, der «solidarisches Preppen» propagiert (siehe WOZ Nr. 47/24).
Über das Camp erschienen verwunderte Medienberichte, begleitet von teils hämischen Onlinekommentaren. Ein «taz»-Leser hielt dagegen: Ihm falle der Vorwurf der «Weltuntergangssekte» auf. «Ich war auf dem Kollapscamp und habe eine solche Haltung nicht vorgefunden. Im Gegenteil. Die Diskussionen waren von einem hohen Grad an Realismus geprägt.»
Schon 2015 veröffentlichten zwei Franzosen, der Agraringenieur Pablo Servigne und der Ökologieberater Raphaël Stevens, ein Buch über den Kollaps. «Wie alles zusammenbrechen kann» fand in Frankreich ein riesiges Echo. Servigne und Stevens gelang es, eine Debatte weit über die linke Szene hinaus anzuregen, die nicht von Zukunftsangst, sondern von der Suche nach neuen ökologischen und sozialen Ansätzen geprägt ist. Das Wort «collapsologie» steht inzwischen sogar im Larousse-Lexikon. Dass das Buch erst 2022 ins Deutsche übersetzt wurde, zeigt, wie stark Debatten auch heute noch an Sprachräume gebunden sind.
In der Schweiz, meint Uhu, gebe es noch keine richtige Kollapsbewegung. Es seien Einzelpersonen. «In meinem Umfeld sprechen wir eher von Multikrise.» Für Uhu ist die Konsequenz aus der Analyse klar: «Ich versuche, dazu beizutragen, dass die Grenzen offen bleiben. Und gegenseitige Hilfe zu leisten. Migrant:innen zu unterstützen und den Globalen Süden nicht total im Leiden zurückzulassen.»
Die Digitalisierung unserer Lebenswelt beschleunige viele Prozesse, sagt Uhu. «Sie macht unmenschliche Massnahmen möglich, weil viele so online leben, dass sie nicht mehr merken, was passiert.» In der eigenen Generation beobachtet Uhu, wie Instagram und andere Kanäle die Aufmerksamkeit besetzen. «Das Interesse, hinzuschauen, ist nicht gross.»
Die Beschäftigung mit dem Kollaps sei nicht nur negativ: Sie helfe auch, falsche Hoffnungen loszulassen und einen realistischen Anspruch an das eigene Engagement zu haben. «Niemand in meinem Umfeld hat die Hoffnung, dass wir die Klimakatastrophe abwenden können. Darum sind manche militanter geworden.» Es gehe nicht mehr so stark darum, was die breite Gesellschaft denke. «Das haben wir durchgespielt mit dem Klimastreik.»
Manche militanten Kollektive kritisiert Uhu allerdings, etwa die Vulkangruppe, die im Januar in Teilen Berlins die Stromversorgung lahmlegte – oder das zumindest behauptete (siehe WOZ Nr. 3/26). Der jungen Person ist es wichtig, auf eine «Vielfalt der Taktiken» zu setzen. «Wir haben Verbündete in Institutionen und in der Politik – auch wenn sie oft zu technikgläubig sind.» Darum engagierte sich Uhu auch eine Zeit lang in der Juso. «Der Einfluss der Parlamente ist begrenzt, aber sie können doch Dinge beeinflussen, die eine Massenbewegung nicht kann – und umgekehrt.»
Wichtig sei: «Ich kann mit Utopien arbeiten, obwohl ich pessimistisch bin.» Darum beteiligte sich Uhu im Juni auch an der Besetzung eines Waldstücks beim Berner Dorf Aarwangen gegen die dort geplante Umfahrungsstrasse (siehe WOZ Nr. 10/26). «Diese Aktion hat mir viel bedeutet: Wir haben gegen ein zerstörerisches Projekt mobilisiert und gleichzeitig einen temporären Utopieraum geschaffen.» Mit Preppen habe das allerdings nichts zu tun: «Ich teile die Idee nicht, dass wir mit dem Rucksack in den Wald müssen. Der Kollaps ist langsamer, ein schleichender Prozess. Es wird nicht alles auf einmal zusammenfallen.»
«Den Wohlstandsteppich wegziehen»
Thomas Hug ist Ende vierzig, eine Generation älter als Uhu. Auch er heisst eigentlich anders. Die Auseinandersetzung mit dem Kollaps hat sein Leben durchgerüttelt. Es habe kein Schlüsselerlebnis gegeben, sagt er. Es war ein langer Prozess. Hug ist Landwirt auf einem Biohof nahe des Röstigrabens. Vor mehr als zwanzig Jahren beschäftigte er sich im Studium mit der Antiglobalisierungsbewegung. Sie war mehr als ein Forschungsgegenstand; er wurde auch Teil davon, fand Freund:innen und die Hoffnung auf Veränderung.
«Die Bewegung wurde aufgerieben – mit einer Mischung aus Repression und Integration», sagt Hug. Der Landquarter Kessel von 2004, in dem die Polizei mehrere Hundert von einer friedlichen Anti-Wef-Demo heimkehrende Personen äusserst brutal behandelte, war ein Wendepunkt. Manche zogen sich zurück, andere engagierten sich in NGOs. Hug blieb in der Szene, ging weiterhin an Demos und las politische Bücher. Aber er fühlte sich desillusioniert. «Als der nächste grosse Bewegungszyklus begann – die Klimaproteste –, war ich zwar solidarisch, aber auch von Anfang an skeptisch, ob es gelingen würde, das politisch Nötige zu erreichen.»
Über die Jahre hat Hug den Glauben daran verloren, dass sich die grossen Forderungen der Klimabewegung verwirklichen lassen: «Wir werden nie eine Mehrheit für ein politisches Projekt gewinnen, das auf weniger Konsum und drastischem ökonomischem Schrumpfen basiert. Sobald es ans Eingemachte geht, wenn die Preise steigen und die Kaufkraft sinkt, ist niemand mehr dafür. Aber genau das würde es doch brauchen! Wir müssten uns selbst den Wohlstandsteppich unter den Füssen wegziehen.» Er kritisiert an Linken und Grünen, dass sie ihre eigene Verstrickung in die Umweltzerstörung nicht thematisierten. «Das gilt auch für die WOZ. Dieser Populismus: ‹Nur das eine Prozent, die Eliten, die Grosskonzerne sind das Problem.› Nein, wir auch! Das Ausmass ist unterschiedlich, aber wir sind alle Nutzniesser eines Systems, das die Lebensgrundlagen von zukünftigen Generationen zerstört.»
Die industrielle Zivilisation werde kollabieren, davon ist der Landwirt überzeugt. Er sieht keine politische Möglichkeit mehr, das aufzuhalten. «Und ich will es ja auch nicht aufhalten – dieses System hat keine Zukunft –, aber ich weiss, dass der Zusammenbruch krasses Leid mit sich bringen wird. Das ist eine grosse Ambivalenz.» In anderen Ländern sei das Leid längst da. «Jetzt kommt es mit der Klimakatastrophe auch zurück zu uns.»
Für Hug blieb es nicht bei politischen Schlüssen. Er begann, auch sich selbst zu hinterfragen. Lange habe er ein leistungsorientiertes, «eigentlich neoliberales» Menschenbild gehabt, sagt er. «Zwar solidarisch, aber doch eingenommen von der Idee von persönlichem Wachstum. Man ist autonom, hat ‹das Leben im Griff›, schaut für sich …» Vor einem Jahr starb sein Vater. «Das hat mir den Spiegel vorgehalten.» Plötzlich habe er sich selbst als alten Menschen gesehen. «Ich bin sterblich, verletzlich, fragil, ich bin kein autonomes Subjekt. Das war auch ein Kollaps – von Selbstwahrnehmung und Menschenbild.»
Dazu kommen seine Erfahrungen mit Psychedelika in den letzten Jahren. «Sie haben für mich den Menschen als vermeintliche Krone der Schöpfung vom Podest geholt. Ich habe gemerkt, es lebt viel mehr um mich herum, als ich je wahrgenommen hatte. Und das andere Leben hat auch Bedürfnisse.»
Ist das nicht eine befreiende Erfahrung? «Doch, es ist schön, aber ich spüre auch viel Leiden. Ich fühle mich als Teil der Welt, des Lebensnetzes; es ist schwierig zu sagen, wessen Trauer das ist. Ich frage mich auch viel mehr: Kann ich vertreten, was ich mache – mit dem Boden, den Pflanzen, den Tieren?»
Kollapsfragen durchdringen Hugs Alltag. Sogar wenn er per Rundmail Alpkäse an Bekannte verkaufen will, schreibt er davon. Er würde sich in seinem Umfeld mehr Interesse für das Thema wünschen. «Dann wäre ich weniger allein.» Doch oft stösst er auf Abwehr. Viele haben Kinder, einen vollen Alltag. «Sie blocken wohl aus Selbstschutz ab. Das verstehe ich ja auch: Wenn man sich dem Thema wirklich aussetzt, wird es heftig.»
Aus der Bubble raus
Ist die Kollapsbewegung Teil der Klimabewegung? Soll sie sich noch für Klimaschutz und -gerechtigkeit einsetzen, oder hat das keinen Sinn mehr? Diese Fragen sorgen für Kontroversen. «Wir sind keine Klimabewegung», sagte Tadzio Müller laut «taz» an einem Plenum des Kollapscamps vergangenen Sommer – und erntete empörte Zwischenrufe.
Müller war selbst Klimaaktivist. Er gehörte zu einer kleinen Gruppe, die 2014 Ende Gelände gründete. Das Bündnis schaffte es in den Jahren vor der Pandemie, Tausende für konfrontative Aktionen zu begeistern. Mehrmals gelang es der Bewegung, deutsche Kohlentagebaue zu besetzen und Kohlekraftwerke stundenlang zu blockieren, während Fridays for Future Hunderttausende an Demos brachte. Eine wirksame Klimapolitik schien in greifbarer Nähe.
Dann kam Covid, später Putins Angriff auf die Ukraine. Wirtschafts- und Verteidigungsfragen rückten in den Vordergrund. Der Hass auf die «Klimakleber» entlud sich immer heftiger. 2024 erklärte Tadzio Müller die Klimabewegung für gescheitert. Seither polemisiert er gegen alle, die noch auf erfolgreichen Klimaschutz hoffen – an Veranstaltungen, auf Social Media, in Texten und seinem Podcast. Dabei wird er gern ausfällig.
Thomas Hug verteidigt Müller: «Er benimmt sich daneben, aber er hat recht, wenn er Aktionsformen und politische Forderungen kritisiert, die nicht funktioniert haben. Klimastreiks sind heute eine Erfahrung von Selbst-Unwirksamkeit! Sie sind frustrierend.» «Solidarisches Preppen» sei ein Versuch, neue Aktionsformen und neue Begeisterung zu finden.
Payal Parekh sieht das anders: «Es geht nicht, wenn die Privilegierten in Europa sagen: ‹Wir können nichts mehr für den Klimaschutz tun, wir schauen einfach, dass wir durchkommen.› Ja, der bisherige Klimaschutz hat nicht funktioniert. Aber wir haben die Verantwortung, es immer wieder neu zu versuchen.» Die 52-Jährige ist in den USA und Indien aufgewachsen und hat sich dort in der Massenbewegung gegen den Narmada-Staudamm engagiert. Sie hat Klimawissenschaften studiert, aber ihre wissenschaftliche Karriere zugunsten des Aktivismus aufgegeben. Seit fünfzehn Jahren lebt sie in Bern.
Parekh ist mit Tadzio Müller befreundet, auch wenn sie sich nicht einig sind. Sie findet das Wort «Kollaps» irreführend. Gerade weil die Entwicklung nicht so schnell gehe, sei sie umso gefährlicher. «Wie eine Partnerschaft, die langsam zerbricht, oder eine Krankheit, die schleichend kommt. Wenn es schneller ginge, wäre es wahrscheinlich einfacher zu reagieren.»
Sie kritisiert auch, dass zwar oft von Solidarität die Rede sei, aber vieles trotzdem sehr individualistisch wirke. «Es geht nicht nur um mich und meine Freunde! Solidarität muss mehr bedeuten, als sich um die eigene linksradikale Bubble zu kümmern.» An einem Kollapsworkshop am Berner Festival «Tour de Lorraine» habe sie eine Frau sagen hören: «Ich schaue, welche Fähigkeiten ich lernen muss, damit meine Freunde und ich geschützt sind.» Das sei nicht nur egoistisch, sondern auch naiv: «Wie läuft es denn heute in Krisengebieten? Was hilft, sind oft Geld und Beziehungen. Natürlich müssen wir darüber hinausdenken, aber warum fragen wir nicht Leute aus weniger privilegierten Weltregionen? Sie haben die Expertise.»
Trotz ihrer Vorbehalte hat Parekh am Kollapscamp in Brandenburg teilgenommen – sie findet es wichtig, sich auf die Zukunft vorzubereiten. «Es war gut organisiert, die Teilnehmenden vom Alter her divers – nicht nur der linksradikale ‹Kuchen›.» Irritiert hat sie allerdings auch dort: «Ich nahm kaum Teilnehmende oder Workshopleitende mit Beeinträchtigung oder Migrationsgeschichte wahr. Der Ort war auch nicht rollstuhlgängig.» Menschen, die bei Katastrophen am gefährdetsten wären, hätten nicht teilnehmen können.
Die Toten von Sinzig
Im nassen Juli 2021 trat die Ahr über die Ufer, ein kleiner Fluss, der südlich von Bonn in den Rhein mündet. Das Hochwasser zerstörte über sechzig Brücken und brachte Häuser zum Einsturz. 135 Personen starben. 12 davon waren Menschen mit geistiger Behinderung in einem Heim in der Stadt Sinzig. Sie ertranken im Erdgeschoss des Heims – obwohl die Hochwasserprognosen bekannt gewesen waren, versagte der Katastrophenschutz.
Payal Parekh erinnert sich an einen deutschen Fernsehbeitrag: «Eine Frau sagte, sie habe gedacht, so etwas passiere in der ‹Dritten Welt›, nicht hier. Ein Bekannter von mir, der aus Pakistan stammt, fand das total rassistisch. Ich nicht. Ich dachte eher: Zum ersten Mal haben sie auch in Europa diese Angst.»
Die zwölf Toten von Sinzig tauchen in Diskussionen der deutschen Kollapsbewegung immer wieder auf. Vielleicht ein hilfreiches Beispiel, denn es führt weg von Fantasien vom grossen Armageddon zu einer sehr konkreten, regionalen, aber dennoch verheerenden Klimakatastrophe, die zeigt: Wie gut man geschützt ist, hängt auch von Privilegien ab. Und gerade weil nicht die ganze industrielle Zivilisation auf einmal zusammenbrechen wird, ist es auch ohne Lust auf Weltuntergang sinnvoll, sich auf immer extremere Klimabedingungen vorzubereiten.
«Für Katastrophenschützer ist ‹Kollaps› ein ganz normales Wort», sagt Samuel Eberenz. «Sie sprechen etwa vom Kollaps der Stromversorgung oder des Handynetzes.» Auch Eberenz ist Klimawissenschaftler. Der 37-Jährige arbeitet für die Stiftung Risiko-Dialog. Sie wurde Ende der Achtziger, nach der Katastrophe im sowjetischen AKW Tschernobyl und dem Chemieunfall in Schweizerhalle bei Basel, an der Universität St. Gallen gegründet, finanziert von Versicherungen. «Das Mindset war: Es gibt Risiken, mit denen man nicht mit reinem Ingenieurwissen umgehen kann. Zivilgesellschaft, Industrie und Politik müssen lernen, miteinander zu reden.»
Als Klimawissenschaftler ist Eberenz täglich mit Extremereignissen – und Extremszenarien – konfrontiert: «Es gibt mehr Murgänge, Hochwasser, Waldbrände. Auch immer stärkere Pollenbelastung, weil die Pollensaison länger wird. Der Ausnahmezustand wird immer spürbarer.» Vielen sei bewusst, dass es wärmer werde. «Man rechnet mit Hitzewellen. Aber die Kipppunkte, die nichtlinearen Entwicklungen, die Schäden an Ökosystemen haben viele Leute nicht so auf dem Schirm. Es wird nicht einfach immer ein bisschen wärmer.»
Im Herbst 2025 hat Risiko-Dialog zusammen mit der Stadt Zürich erstmals «Resilienzwochen» in Zürcher Gemeinschaftszentren (GZ) organisiert. Auf Rundgängen konnten Quartierbewohner:innen lernen, wo sie im Notfall medizinische Hilfe oder Wasser bekämen. «In Zürich gibt es diese Metallbrunnen, die man mit einfachen Mitteln anzapfen kann – sie sind nicht auf elektrische Pumpen angewiesen. Im Notfall organisiert Schutz und Rettung mit diesen Brunnen die Wasserverteilung.»
Eberenz schlug einen Workshop über «solidarisches Preppen» vor. Die Stadt Zürich sei dafür sehr offen gewesen: «Die Stadtverwaltung hat den Katastrophenschutz analysiert. Ihr ist bewusst, dass Schutz und Rettung, Polizei und Feuerwehr bei einem grossen Notfall nicht gleich überall sein können. Etwa bei einer mehrwöchigen Hitzewelle, einem grossen Sihlhochwasser oder Stromausfall. Es kann sein, dass Menschen stunden- bis tagelang auf sich selbst gestellt sind.»
Das Szenario für den Workshop war eine extreme Hitzewelle: «Könnte ich noch zur Arbeit gehen? Kann ich in meiner Wohnung schlafen, brauche ich einen gekühlten Raum? Oder ist meine Wohnung so kühl, dass ich andere aufnehmen könnte? Kenne ich ältere Leute, die allein wohnen?»
Die Teilnehmer:innen seien sehr divers gewesen – manche wollten einfach mehr über Katastrophenschutz wissen, einige hatten beruflich damit zu tun, andere hatten am Kollapscamp teilgenommen. «Und eine war neu zugezogen und wollte einfach das Quartier kennenlernen – toll, genau dafür sind GZ da.»
Der pragmatische Ansatz des Workshops gefiel Samuel Eberenz. Trotzdem ist für ihn klar: Solidarisches Preppen darf kein Ersatz für Klimaschutz sein. «Ich kann den Fatalismus psychologisch nachvollziehen, aber noch mehr CO₂ in die Atmosphäre zu blasen, weil es für gewisse Dinge zu spät ist, macht es noch viel schlimmer.»
Friedlicher Übergang?
Am Schluss nehmen zwei der vier Gespräche unerwartete Wendungen. Thomas Hug, der emotional am stärksten betroffen wirkt, erzählt von einem Roman, der ihn begeistert: In «Hyphen» von Luise Meier fällt der Strom aus, die Zivilisation zerbröckelt langsam – aber kein Chaos bricht aus, keine Gewalt. Die Menschen organisieren sich, das Leben wird besser. Diese Hoffnung, sagt Hug, habe er schon: «Hoffnung auf einen Übergang, der nicht ins Desaster führt.»
Payal Parekh hingegen, die im Gespräch gefasst, beinahe heiter wirkt, sagt plötzlich: «Wir müssen uns auf eine ganz andere Welt vorbereiten. Ich weiss nicht, wie das gehen soll. Vor allem, wenn ich an Megastädte wie Mumbai denke.»