Oberaargauer Ökoprotest (2): Vier Minuten schneller auf der Autobahn

Nr. 10 –

Die geplante Umfahrung von Aarwangen soll mitten durch ein Schutzgebiet führen. In Langenthal gibt es Widerstand.

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Transparent mit der Aufschrift «BETON IM SMARAGDGEBIET – NEIN DANKE» am Protest gegen die geplante Umfahrung
«Einfach darauf beharren: Dieses Projekt ist nicht recht.» Einmal im Monat wehren sich Bäuerinnen, Grüne, Klimaaktivisten und Kulturschaffende gegen die geplante Umfahrung.

Die Fasnacht ist vorbei in Langenthal. Konfetti liegen noch auf dem Kopfsteinpflaster im Zentrum des Berner Städtchens. Die SVP trifft sich im «Bären». Auf der anderen Strassenseite, vor dem Kunsthaus, versammeln sich an diesem Abend zwei Dutzend Leute mit Tafeln und Transparenten. Auf einem treibt eine Strasse drei Hirsche in die Flucht, Frösche suchen das Weite, ein Stein trifft einen Igel in den Bauch. Wie immer am letzten Freitag des Monats protestiert die «Mahnwache Smaragd» gegen die geplante Umfahrung von Aarwangen.

Zum Beispiel die Bäuerin Eva Fuhrimann. Wenn die Strasse kommt, werden die Fuhrimanns Land verlieren: «Wir müssen eine Parzelle abgeben, die während der Bauzeit als Deponieplatz dient. Später soll daraus eine ‹Feuchtwiese mit Qualität› werden, die wir nicht mehr bewirtschaften können.» Matti Biberstein, ein junger Klimaaktivist, ist für den Protest aus Solothurn gekommen: «Wir rasen mit Vollgas in die Klimakatastrophe – und bauen noch neue fossile Infrastruktur?»

84 000 Tonnen Beton

Alle, die heute von Langenthal oder Huttwil her auf die Autobahn wollen, fahren durch Aarwangen. Künftig sollen sie die Umfahrung benützen: durchs Bützbergtäli und den Spichigwald, dann über eine neue Brücke über die Aare. Genau dort, wo der Langenthaler Valerio Moser, Poetry-Slam-Europameister von 2025, am liebsten baden geht. Er hat seinem «Aareplätzli» einen Text gewidmet und am 21. Juni vorgetragen, als eine Demo von Langenthal zum Bützbergtäli zog. Zwei Tage davor hatte eine Gruppe, die sich «Aufstände der Allmende» nennt, im Spichigwald einige Bäume besetzt.

«Wir wollen in die gleiche Richtung, die Aufstände der Allmende und wir», sagt Beat Mettler. Die Waldbesetzung sei für ihn der Anstoss gewesen, im August die monatliche Mahnwache zu initiieren, sagt der pensionierte Pflegefachmann. Er ist es auch, der auf der Website Zahlen und Argumente zusammenträgt: Für den Bau der Umfahrung wären etwa 63 000 Lastwagenfahrten und über 84 000 Tonnen Beton nötig, er würde die Lebensräume von Amphibien und seltenen Insekten zerstören und das Grundwasser gefährden. Ausserdem seien die Verkehrsprognosen inzwischen nach unten korrigiert worden.

Die ganze Region liegt im Smaragdgebiet Oberaargau. Dieses ist Teil eines europaweiten Netzes von Schutzgebieten für gefährdete Arten und Lebensräume. Die Schweiz hat 37 Smaragdgebiete, dazu gehören zum Beispiel das Val Roseg im Engadin, die Zürcher Katzenseen oder der Walliser Pfynwald. Zu den Arten, die im Smaragdgebiet Oberaargau vorkommen, gehören die Gelbbauchunke und die Geburtshelferkröte, die Schleiereule, der Moorbläuling oder der Wilde Reis. Die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Naturschutz in der Region gilt als wegweisend, es gibt einen Verein für die Artenförderung, der diesen Winter «Good News» zum Moorbläuling und eine «überwältigende Fledermausvielfalt dank Biberrevier Herzogenbuchsee» vermeldet hat.

Wie passt eine neue Strasse, die Wald, Uferbereiche und Kulturland zerschneidet, zu diesen Schutzbemühungen? Für den Kanton gibt es hier keinen Widerspruch: Auf seiner Website dokumentiert er die «wirksamen Ersatz- und Ausgleichsmassnahmen». Damit falle «die Gesamtbilanz des Eingriffs» positiv aus. «Das heisst es wird gemessen am heutigen Zustand mehr Ökologie geschaffen», steht da etwas holprig formuliert.

«Da dreht sich mir der Magen um», sagt Beat Mettler an der Mahnwache. «Die haben eben jeden Nistkasten, den sie an der neuen Brücke aufhängen, mit Punkten bewertet», kommentiert der grüne Grossrat Fredy Lindegger. Damit die Umfahrung überhaupt auf eine positive Kosten-Nutzen-Rechnung komme, habe der Kanton den Fahrzeitgewinn überbewertet, sagt Mettler weiter: «Man ist dann vier Minuten schneller auf der Autobahn.»

«Weiter so!»

Vor drei Jahren hat der Kanton Bern die Umfahrung an der Urne mit 51,7 Prozent der Stimmen angenommen. Mettler argumentiert, die Berner:innen hätten über die Finanzierung abgestimmt, nicht über die Rechtmässigkeit des Bauprojekts. «Es hätte nie so geplant werden dürfen. Es brauchte sechzehn Ausnahmebewilligungen im Umweltbereich, damit es überhaupt möglich war.» Insgesamt neun Beschwerden, unter anderem vom VCS und von Pro Natura, wurden ans Verwaltungsgericht weitergezogen. «Ich habe immer noch Hoffnung», sagt Bäuerin Eva Fuhrimann. «Die Zeit arbeitet für uns. Ja, man kann sagen, wir hätten verloren. Aber mir gefällt diese Form des stillen Protests, der einfach darauf beharrt: Dieses Projekt ist nicht recht.»

Ähnlich sieht das auch Anaïs Kohler vom Kulturzentrum Chrämerhuus: «Es gibt global immer wieder Entscheidungen, die sich als falsch herausstellen.» Kohler hat lange in Berlin gelebt, zurück in der Kleinstadt schätzt sie das Baden in der Aare – und die Herausforderung, hier Kulturarbeit zu machen. «Es braucht mehr Zähigkeit, dafür sind die Leute nicht so reizüberflutet. In Berlin haben sie Hornhaut auf der Seele.» Kurz vor Ende der Mahnwache nähert sich ein verspäteter Fasnächtler der Gruppe: «Weiter so!», ruft er ihr zu.