Kurdische Autonomie: «Rojava ist nicht gescheitert»

Nr. 5 –

Eine freiwillige Aufgabe der Selbstverwaltung komme für die Kurd:innen in Syrien nicht infrage – eigene Sicherheitsstrukturen seien überlebensnotwendig, sagt Bewegungsforscherin Rosa Burç.

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WOZ: Frau Burç, Kobane wird erneut belagert, die von der Autonomen Selbstverwaltung kontrollierten Gebiete stehen unter Beschuss. Erleben wir gerade das Scheitern von Rojava?

Rosa Burç: Ich würde nicht sagen, dass Rojava gescheitert ist. Rojava ist nicht nur ein Territorium, sondern steht für die politische Idee der gleichberechtigten Teilhabe. Dieser Idee folgend, wurden in Nordostsyrien in den letzten vierzehn Jahren demokratische, feministische und multiethnische Strukturen etabliert. Was wir gerade erleben, ist eine massive militärische Bedrohung. Rojava wird in eine Enklave gedrängt, doch das Gesellschaftsmodell selbst reicht weiter.

Portraitfoto von Rosa Burç
Rosa Burç, Soziologin

WOZ: Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa hat zuletzt angekündigt, die kulturellen und sprachlichen Rechte der Kurd:innen zu stärken: Kurdisch als Amtssprache, Unterricht an Schulen, Staatsbürgerschaft für ehemals Staatenlose. Braucht es Rojava dann überhaupt noch?

Rosa Burç: Ja, unbedingt. Diese Dekrete werden als grosszügige Zugeständnisse verkauft, dabei reden wir über elementare Menschenrechte. Kurdische Existenz anzuerkennen, Newroz als Feiertag zuzulassen oder Kurdisch zu unterrichten – das ist das absolute Minimum. Rojava steht aber für föderale Selbstverwaltung. Die Menschen wollen ihre Angelegenheiten selbst regeln, genau das steht zur Disposition. Die eigentliche Frage lautet: Gibt es in einem Post-Assad-Syrien noch dezentrale, demokratische Räume – oder nur kulturelle Symbolpolitik bei gleichzeitiger politischer Entmachtung?

WOZ: Am 10. März 2025 hatten die syrische Übergangsregierung und die Autonome Selbstverwaltung Rojavas ein Abkommen geschlossen, das als Basis für die Integration Letzterer in den syrischen Staat galt. Warum ist das Abkommen gescheitert?

Rosa Burç: Die kurdische Seite war immer bereit zur Integration – aber nicht zur Selbstauflösung. Die entscheidende Frage war: Werden die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) als kollektiver Akteur in die syrischen Streitkräfte integriert, inklusive ihrer Fraueneinheiten, oder nur als einzelne Individuen in eine zentralistische Armee? Die Regierung und die Türkei wollten Ersteres nicht akzeptieren, für die kurdischen Kräfte wiederum war es nicht verhandelbar.

WOZ: Warum?

Rosa Burç: Es gibt eine tief verankerte Vertrauenskrise. Kurd:innen haben historisch immer wieder erlebt, dass Staaten versagen, wenn es um ihren Schutz geht. 2014, beim Genozid an den Jesid:innen durch den Islamischen Staat (IS), haben sich internationale und regionale Akteure zurückgezogen. Die kurdische Bewegung hat eingegriffen, humanitäre Korridore geöffnet, Sicherheit organisiert. Solche kollektiven Erfahrungen prägen Kurd:innen bis heute: Wenn es ernst wird, greift das Schutzversprechen des Staates nicht. So sind eigene Sicherheits- und Verwaltungsstrukturen kein ideologischer Luxus, sondern eine Überlebensnotwendigkeit.

WOZ: In den letzten Wochen kamen IS-Kämpfer frei, Lager wie al-Hol stehen unter Kontrolle der neuen syrischen Armee. Wovor haben die Menschen in Rojava derzeit am meisten Angst?

Rosa Burç: Einerseits gibt es innerhalb der neuen syrischen Armee Elemente, die ideologisch kaum vom IS zu unterscheiden sind. Andererseits stellen aus den Gefängnissen geflohene IS-Kämpfer eine riesige Gefahr dar. Viele von ihnen warten seit Jahren auf die Gelegenheit, Rache zu üben – und sie sehen die Auslöschung föderaler Strukturen und kurdischer Selbstverwaltung als Teil ihres religiösen Auftrags.

WOZ: Trotz der Risiken und der Vorgeschichte: Innerhalb kürzester Zeit haben es Übergangspräsident Scharaa und seine einstige islamistische Miliz HTS geschafft, zum syrischen Staat zu werden. Wie?

Rosa Burç: Wir erleben gerade einen klassischen Prozess der Staatswerdung. Gruppen, gegen die gestern noch die Anti-IS-Koalition gegründet wurde, werden zu legitimen Ansprechpartnern, sobald sie die Sprache des Staates sprechen. Die HTS performt Staatlichkeit: Ministerien, Sicherheitsabkommen, internationale Gespräche. Das reicht offenbar aus, um als Regierung akzeptiert zu werden – weder gab es Wahlen noch einen demokratischen Transitionsprozess.

Das zeigt ein strukturelles Problem internationaler Politik: Staaten sprechen mit Staaten. Wer keine Staatlichkeit besitzt, fällt aus dem Raster – selbst wenn er historisch in diesem Land lebt. So werden die Kurd:innen plötzlich als «Besatzer» dargestellt, während neue Machteliten legitimiert werden.

WOZ: Welche Rolle spielt die Türkei in diesem Prozess?

Rosa Burç: Eine zentrale. Die Entwicklungen in Syrien lassen sich nicht ohne die Regierung der Türkei verstehen. Diese betrachtet jede Form kurdischer Selbstverwaltung erst einmal als potenzielle Bedrohung für die eigene nationale Integrität; der sogenannte Friedensprozess mit der kurdischen Arbeiter:innenpartei PKK war auf staatlicher Seite nie wertegeleitet, sondern strategisch motiviert. Parallel dazu wurde der innenpolitische Friedensprozess an die Syrienfrage gekoppelt mit dem Bestreben, dort einen arabischen, ethnonationalistisch ausgerichteten Staat zu schaffen – wenn notwendig auch mit militärischen Mitteln. Die Türkei hat über Jahre hinweg islamistische Milizen unterstützt oder zumindest toleriert, darunter die HTS.

WOZ: Und welche Rolle spielt der grössere regionalpolitische Kontext?

Rosa Burç: Die kurdische Frage ist ein geopolitisches Scharnier. Eine Zeit lang wurde suggeriert, Israel könne ein Schutzgarant für die Kurd:innen sein. Doch Staaten handeln nach Interessen, nicht nach moralischen Versprechen. Israel und die Türkei scheinen Wege gefunden zu haben, ihre Interessen zu koordinieren – ohne die Kurd:innen einzubeziehen. Und das Resultat war, dass Vertreter Israels und der USA beim Treffen mit der syrischen Übergangsregierung am 5. Januar in Paris im Grunde grünes Licht für den Angriff auf kurdische Stadtteile in Aleppo und dann auf ganz Rojava gegeben haben.

WOZ: Wer steht denn heute noch an der Seite der Kurd:innen?

Rosa Burç: Wir sehen eine enorme Mobilisierung in ganz Kurdistan und in der Diaspora. Auch Akteure wie die kurdische Regionalregierung im Nordirak verhalten sich heute anders als noch vor zehn Jahren. Rojava ist für viele zur «roten Linie» geworden; nicht nur, weil es ein politisches Projekt ist, sondern allein schon wegen des enormen Blutzolls im Kampf gegen den IS.

WOZ: Was bedeutet diese «rote Linie» konkret?

Rosa Burç: Dass innerkurdische politische Differenzen in den Hintergrund treten, wenn Rojava angegriffen wird. Es ist 2026, und noch immer sind Kurd:innen einer existenziellen Bedrohung ausgesetzt. Wenn selbst ihre nichtseparatistischen, multiethnischen Gesellschaftsentwürfe nicht toleriert werden, welche kurdische Zukunft ist dann noch möglich?

Rosa Burç (35) ist Soziologin und Expertin für soziale Bewegungen, politische Gewalt und die kurdische Frage. Sie promovierte am Centre on Social Movement Studies der Scuola Normale Superiore in Florenz. Dort hat sie untersucht, wie kurdische Mobilisierungsprozesse jenseits von Staatlichkeit entstehen und sich entwickeln.