Pop: Hase mit Zähnen

Nr. 7 –

Wie politisch kann eine Football-Pausenshow sein? Bad Bunny hat in den dreizehn Minuten alles aufgefahren, was möglich ist.

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Bad Bunny und Tänzer:innen während des Konzert am Super Bowl
Puerto Rico als Kulisse: Bad Bunny am letzten Sonntag am Super Bowl. Foto: Kyle Terada, Imago

«God bless America», sagt Bad Bunny, bevor er mit einem Football in der Hand die finale Flaggenparade anführt. Aber nein, damit meint er nicht bloss die Vereinigten Staaten von Amerika, sondern den ganzen Kontinent: Chile, Argentinien, Uruguay, beginnt er die Aufzählung, bis er irgendwann auch bei den USA und Kanada angelangt ist. Auf dem Football, den er schliesslich wie zum Touchdown auf den Boden schlägt, steht: «Together, we are America». Es ist quasi die Umkehr der Monroe-Doktrin, der imperialen Verfügung der USA über Lateinamerika: eine freudige panamerikanische Solidarität.

Mit dem Touchdown endete am Sonntag Bad Bunnys phänomenale Halbzeitshow im kalifornischen Santa Clara beim Super Bowl, dem Final der American-Football-Saison, auch bekannt als die Popshow mit dem grössten Publikum der Welt. Bad Bunny wiederum ist der vielleicht grösste Popstar der Gegenwart, seine Wahl für die stets prominent bestückte musikalische Halbzeiteinlage also keine Überraschung. Auch politische Anspielungen sind dabei nicht ungewöhnlich, doch in diesem Jahr lag etwas in der Luft.

Doppelte Perspektive

Eine Woche zuvor hatte Bad Bunny für «Debí tirar más fotos» den Grammy für das beste Album des letzten Jahres erhalten – es ist das erste, das komplett auf Spanisch gesungen ist. Seine Rede begann er, in nicht ganz flüssigem Englisch, mit den Worten: «Bevor ich Gott danke, sage ich … ICE out. Wir sind keine Wilden, wir sind keine Tiere, wir sind keine Aliens. Wir sind Menschen, und wir sind Amerikaner:innen.» Es war einer der aufrichtigeren Momente, in denen die Popwelt zuletzt Kante gegen Donald Trump zeigte. In Erinnerung bleiben wird auch der wackere ­Bruce Springsteen mit seinem Protestsong «Streets of Minneapolis».

Bad Bunny, geboren in Puerto Rico, sagte jene Worte als US-Bürger. Aber auch als Vertreter einer karibischen Gesellschaft, die von den USA faktisch als Kolonie mit Bürgerrechten zweiter Klasse gehalten wird. Interessant ist bei ihm diese doppelte Perspektive: vom Rand auf die USA, gleichzeitig als Superstar im Zentrum.

Die Kritik an den rassistischen Attacken von Trumps ICE-Truppen ist bei Bad Bunny kein Lippenbekenntnis. Auf seiner aktuellen Welttournee spielt er kein einziges Konzert in den USA, was er damit begründet, dass sein lateinamerikanisch geprägtes Publikum während der Konzerte vor ICE-Zugriffen nicht sicher sei. Die Auslassung ist durchaus bemerkenswert für eine Tour dieser Grössenordnung (in Madrid zum Beispiel spielt er gleich zehn Konzerte hintereinander).

Kaum war die Halbzeitshow vorbei, meldete sich Trump mit einer Tirade im Netz zu Wort: «Schrecklich» sei das, es verstehe ja niemand ein Wort. Spanisch sei unamerikanisch, hatte die US-Rechte nach Bekanntgabe der Besetzung mit Bad Bunny propagiert (Turning Point USA hat gar eine lachhafte Gegenveranstaltung mit Kid Rock organisiert). Die rund 45 Millionen Menschen in den USA, die Spanisch als Muttersprache haben, sollen zum Verstummen gebracht werden. Es klingt wie eine direkte Entgegnung darauf, wenn Bad Bunny am Schluss seiner Show ausruft: «Seguimos aquí», wir sind immer noch hier.

Am Sonntag übte Bad Bunny keine explizite politische Kritik – er liess die mit Bedeutung aufgeladene Show, die sich vordergründig als Fest der Liebe präsentierte, für sich sprechen. Da war einmal die Kulisse, in der er ein Medley seiner Songs spielte: eine kleine Landschaft als plakative Hommage an Puerto Rico, mit Zuckerrohrplantage, Getränkestand, Nagelstudio, einem typischen farbigen Haus. Aber auch Strommasten funkten da, als Erinnerung an die marode Infrastruktur, und die puerto-ricanische Flagge war etwas heller gefärbt, ein Verweis auf die Unabhängigkeitsbewegung der Insel.

Ricky Martin ist zurück

Einmal taucht auf der Bühne gar leibhaftig die Betreiberin eines legendären puerto-ricanischen Social Club in New York auf. Die Metropole ist ein zentraler Ort der puerto-ricanischen Community und spielt auch auf dem Album «Debí tirar más fotos» eine wichtige Rolle. Es feiert die musikalische Tradition Puerto Ricos: Dembow, Jíbaro oder Salsa – und natürlich Reggaeton. Daran knüpft Bad Bunny, der durch einen innovativen Umgang mit dem Genre bekannt geworden ist, am Super Bowl an: An einer Stelle lässt er eine Collage dreier Reggaetonklassiker in seinen Song «Eoo» übergehen.

An Reggaeton, diese Tanzmusik mit dem druckvollen Beat, erinnern auch die versammelten Flaggen Lateinamerikas: Das Genre wurde bei seinem Durchbruch zu Beginn der nuller Jahre als panlateinamerikanische Popmusik vermarktet. Mit Reggaeton avancierte das kleine Puerto Rico zur globalen popmusikalischen Kraft. Und da war ausserdem: Ricky Martin! Das Jugendidol von Bad Bunny hat am Super Bowl einen kurzen Gastauftritt, auf weissem Plastikstuhl vor Bananenbaum, und sitzt somit quasi im Albumcover von «Debí tirar más fotos».

Martins Hit «Livin’ la vida loca» war 1999 die Initialzündung zur «Latin Explosion» im Pop. Heute wird, ob es Trump gefällt oder nicht, auf dem Popboulevard selbstverständlich Spanisch gesprochen. Es ist eigentlich schwer zu überhören.