Pop: Sopilka und Trembita für die Freiheit

Nr. 43 –

In der Sowjetunion galt traditionelle ukrainische Musik als ländlich und provinziell. Im Angesicht des Krieges holen sie ukrainische Bands in die Popgegenwart.

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Es ist schwer zu übersehen, dass die Kulturszene in der Ukraine zu einem aktiven Teil des Krieges geworden ist, den das Land seit dem russischen Angriff vor über dreieinhalb Jahren führen muss. Musiker:innen geben Konzerte, um Geld für humanitäre Hilfe oder die Armee zu sammeln, Clubbetreiber:innen spenden Medikamente oder Drohnen für die Front, die Initiative «Books to the Front» versorgt Soldat:innen mit Lesefutter.

Aber es ist eben auch ein Krieg um die Kultur. Ähnlich wie zu Sowjetzeiten will das imperiale Russland die Ukraine kulturell unterdrücken. So wird in den Schulen in den besetzten Gebieten etwa die ukrainische Sprache verboten und russische Propaganda gelehrt.

Widerständig konnotiert

Eine Reaktion darauf ist auch die Renaissance der ukrainischen Folkmusik, die seit einigen Jahren vielerorts zu beobachten ist. Viele erfolgreiche Bands – Dacha Bracha, Onuka, Go_A oder Shchuka Ryba – speisen Elemente aus traditioneller Musik in Elektropop, Jazz oder Rock ein, indem sie zum Beispiel polyfone Gesänge oder traditionelle Instrumente wie die Bandura (Laute) oder die Sopilka (Flöte) einsetzen.

«Vielen ukrainischen Bands, die zeitgenössische Musik spielen, hört man die Prägung durch die ukrainische Tradition an, etwa in der Melodieführung», sagt Witali «Bard» Bardetski. Der Musikjournalist und Autor aus Kyjiw hat das Drehbuch zum Film «Mustache Funk» über den widerständigen ukrainischen Pop der siebziger Jahre geschrieben. Der jüngere Pop trage zur Identitätsbildung bei, sagt er. «Wir wollen unsere eigene Kultur wiederentdecken, wie wohl jedes Land, das kulturell kolonialisiert wurde.» Einst dominierte eine sowjetische Folklore, das Ukrainische sollte dagegen rückständig und provinziell erscheinen.

Wenn man von ukrainischem Folk spricht, muss man eigentlich von vielen verschiedenen Musiktraditionen sprechen: jener der Kosak:innen, der Huzul:innen, der Krimtatar:innen, der jüdischen Bevölkerung. Dass sich die in der Ukraine lebenden Bevölkerungsgruppen demselben Staat zugehörig fühlen, hat auch mit einer gemeinsamen Unterdrückungsgeschichte zu tun, die teils bis in die Zeit des zaristischen Russland zurückreicht. Folk ist in der Ukraine darum oft positiv und widerständig konnotiert. Der verkitschte Folk dagegen ist unter Musikliebhaber:innen in der Regel verpönt, er wird als «sharovary» oder «Scharowarschtschyna» bezeichnet, ein Begriff, der auf alte kosakische Kleidung anspielt. Gemeint ist damit die stereotype Darstellung einer ländlichen und bäuerlichen Kultur, die für moderne oder postmoderne Einflüsse undurchlässig ist.

Die Ukraine, die seit 1991 wieder unabhängig ist, klingt also anders, je nachdem, wohin man reist. Die zentralen und östlichen Landesteile sind für ihre jeweilige Gesangskultur bekannt, die Chöre der (oft älteren) Frauen tragen häufig Wyschywankas, traditionelle Kleidung mit Stickmustern. Ganz anders, oft temporeicher, rhythmischer, klingt die Musik der Huzul:innen, die in den Karpaten zu Hause sind. Akkordeons und das huzulische Alphorn, die Trembita, sind wichtige Instrumente. Im Westen sind wegen des jüdischen Einflusses Polka und Klezmer populärer. Für einen Überblick über verschiedene Genres lohnt sich ein Besuch der Website des «Polyphony Project» (polyphonyproject.com), das Folktraditionen aus allen Regionen der Ukraine archiviert.

Vom sowjetischen Erbe lösen

Seit der Unabhängigkeit und der Öffnung hin zum Westen geht es den Musiker:innen eher um eine Verbindung von Alt und Neu, um einen Folk-Pop-Soundclash, als um Wiederherstellung. Als Vorreiter:innen dürfen hierbei Dacha Bracha gelten, die sich 2003 in Kyjiw gegründet haben und auch weiter westlich in Europa bekannt sind. Einer der grossen Hits der Band, «Vesna» (2009), feiert den Frühling mit angedeuteten technoiden Beats, «Monakh» (2016) verbindet Trip-Hop mit Folk, «Karpatskyi Rap» (2014) wiederum Hip-Hop mit Melodien aus den Karpaten. Auch im Auftritt orientieren sich Dacha Bracha an ukrainischem Brauchtum, so sollen ihre flauschigen schwarzen Mützen einst beim niederen Adel auf dem Gebiet der heutigen Ukraine beliebt gewesen sein.

Auch die Band Onuka aus Kyjiw, 2013 gegründet und eine der populärsten des Landes, baut traditionelle Elemente in ihren Elektropop ein. «Zenit» (2019) etwa ist durch polyrhythmische Drums und Flöten und durch die tribalistische Ästhetik des dazugehörigen Videos deutlich von Folktraditionen beeinflusst. Ähnlich bei Go_A, die Folk und Electronica verbinden. Selbst bei Alyona Alyona, der vielleicht bekanntesten Rapperin des Landes, finden sich Folkeinflüsse.

Einigkeit durch Musik

Dass im ukrainischen Pop Elemente aus diesen Traditionen auftauchen, ist nicht neu – doch hat zunächst die Annexion der Krim 2014 und dann der russische Angriffskrieg seit 2022 die Hinwendung zu einer als ukrainisch empfundenen Kultur beschleunigt. Zugleich haben sich viele Künstler:innen der ukrainischen Sprache zugewandt. «2014 war ein sehr wichtiger Moment für die ukrainische Kultur. Viele begannen, Ukrainisch statt Russisch zu sprechen, und lösten sich vom sowjetischen Erbe», sagt Ganna Gryniva. Die Musikerin und Sängerin lebt in Berlin, aufgewachsen ist sie nahe von Kyjiw. Auf ihren Alben «Dykyi Lys» (2020), «Home» (2022) und «Kupala» (2023) spielt Gryniva ukrainische Lieder in jazziger Form. Seit mehr als zehn Jahren reist sie in die ukrainische Provinz, um Volksmusik direkt in den Dörfern aufzuspüren und aufzuzeichnen.

Gryniva hat auch «Plywe katscha» neu interpretiert, ein tiefmelancholisches traditionelles Lied, das 2014 als Hymne für die getöteten Maidan-­Demonstrant:innen populär geworden war. Auch das Volkslied «Kalyna», das seit Beginn des russischen Angriffskriegs eine ähnliche Bedeutung erlangt hat, hat sie mit ihrem Quintett adaptiert. Gryniva sieht Musik als Möglichkeit, die Bevölkerung im Angesicht des Krieges zu einen: «Musik existiert ja nie nur um ihrer selbst willen, sondern erzählt davon, wie Menschen zusammenleben und leben wollen, wie sie über die Welt denken, welche Werte, Normen und auch Mythen sie teilen.»

Polyfoner Gesang trifft auf Postrock

Das Folkrevival ist auch eine Wiederaneignung. Lange war gerade die traditionelle Gesangskultur unter Popaffinen nicht gerade hip – vielleicht auch, weil man gefürchtet hatte, dem Kremlnarrativ einer angeblich ländlich-provinziellen Kultur zu entsprechen. Heute wendet man das Traditionelle ins Progressive, indem man es in neue Kontexte setzt. Selbst bei den «Fusion Jams», einer der angesagtesten Jazzveranstaltungen Kyjiws, spielt Folk eine Rolle. Und Bands für chorale Musik wie Shchuka Ryba kooperieren mit Avantgarde- und Jazzensembles, sodass polyfone Gesänge zuweilen auf Prog- und Postrock treffen.

«Es ist schwierig zu sagen, dass Krieg etwas Gutes hat», sagt Musikjournalist Bardetski. «Aber wenn er etwas Gutes hat, dann, dass wir gerade herausfinden, wer wir sind, wo wir herkommen und wo unser Platz in der Welt ist.» So dient all diese Musik auch der Selbstvergewisserung. Und sie vermittelt aufs Dringlichste, dass es ein «Zurück ins russische Reich» nicht geben kann.