Nr. 10/2011 vom 10.03.2011

Die Blume im Mund

Von Pedro Lenz

In diesen Tagen ist ein Buch mit dem sportlichen Titel «Stadionwurst» herausgekommen. Schon vor Wochen war gerüchteweise zu vernehmen, in besagtem Buch werde die Bratwurst vom Wurststand des SC Brühl im St. Galler Paul-Grüninger-Stadion als beste Stadionwurst der Schweiz gerühmt. Dieses Gerücht hat weiter westlich, im Berner Wankdorfstadion, tagelang für heisse Köpfe gesorgt. Bekanntlich gibt es ja in der Schweiz eine Wurstfaustregel, die besagt, dass die Wurstmasse von Westen nach Osten immer feiner püriert wird. Die Waadtländer Saucisson hat zum Beispiel eine viel gröbere Struktur als die Kalbsbratwurst in der Ostschweiz. Und weil die Waadt den Bernern näher ist als die Gallusstadt, gleicht die in Bern so beliebte YB-Wurst eher einer Saucisson als einer Olma-Wurst.

In der Bundesstadt hat die YB-Wurst, die übrigens nicht auf dem Grill gebraten, sondern im Wasser gekocht wird, längst Kultstatus erlangt. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass die YB-Fans nur schwer verstehen können, weshalb ihnen die Fans des SC Brühl kulinarisch überlegen sein sollen. Die YB-Wurst ist nämlich viel mehr als einfach eine Wurst. Sie ist ein Relikt aus schweren Zeiten, eine Art Memento mori. Wer in den bösen Krisenjahren des Berner Sportclubs die YB-Spiele in der Abstiegsrunde der damaligen Nationalliga B verfolgte, hatte wenig zu lachen. Das alte Stadion war morsch, die YB-Mannschaft war hüftsteif und die wenigen ZuschauerInnen, die noch zu den Spielen gingen, kämpften ständig gegen eine innere Leere, der nur mit einer saftigen, fettigen YB-Wurst beizukommen war. Inzwischen geht es den Young Boys sportlich und finanziell wieder wesentlich besser. Die schwarzen Wolken über dem Berner Fussballhimmel haben sich verzogen. Aber die Wurst, die während einiger Jahre als natürliches Antidepressivum diente, hat ihren Ehrenplatz in den Herzen der YB-Fans halten können. Wie seinerzeit Günter Netzer auf dem Rasen, hat die YB-Wurst im Bauch die Eigenschaft, sich völlig unverhofft aus der Tiefe des Raums bemerkbar zu machen. Selbst die schwer abwaschbaren Fettspritzer, die sich beim herzhaften Biss in eine YB-Wurst im Umkreis von geschätzten zehn Metern auf die Kleidung der Nebenleute verteilen, vermögen dem ausgezeichneten Ruf dieses Spitzenerzeugnisses der fleischverarbeitenden Zunft nichts anzuhaben.

Einmal, in der vergangenen Spielzeit, war ich Ohrenzeuge einer Wurstdebatte zwischen Anhängern des FC St. Gallen und YB-Fans. Die Fans der Grün-Weissen beklagten sich über die ungenügende Qualität der Kalbsbratwurst im Berner Stadion. Die Bratwurst sei ohnehin bedeutungslos, erklärten die Einheimischen. Wer etwas von Würsten verstehe, wähle die YB-Wurst. Das möge vielleicht ein Argument sein, aber wenn sie in Bern schon eine Kalbsbratwurst im Angebot hätten, heisse das noch lange nicht, dass sie so schlecht sein müsse, entgegnete ein Wurstesser mit verwaschenem Zellweger-Trikot. Die Debatte über die Frage, was eine gute Wurst ausmache, zog sich weit über die Halbzeitpause hinaus. Der kulturell-kulinarische Austausch schien fast genauso hart umkämpft zu sein wie das Meisterschaftsspiel weiter unten.

Es solle ihm einmal jemand erklären, meinte ein YB-Fan, was an einer St. Galler Bratwurst so weltbewegend sei, dass alle St. GallerInnen immer derart stolz von ihrer Bratwurst erzählten. Das könne er ihm genau sagen, meinte hierauf ein junger Ostschweizer mit ausgeprägt poetischem Talent: Wenn er in eine richtig gute St. Galler Bratwurst hineinbeisse, dann entfalte sich in seinem Gaumen ein Geschmack, als wachse ihm in Sekundenschnelle eine fein duftende Blume im Mund.

Wer das Wunder der wachsenden Blume im Mund noch nicht selbst erlebt hat, sollte nun also, gemäss dem Fachbuch «Stadionwurst», das Paul-Grüninger-Stadion im St. Galler Krontal aufsuchen.

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