Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

Wie aus der Dachdeckerin eine Polybauerin wurde

Unsere Berufe verändern sich, werden dienstleistungsorientierter und komplexer. Ein Berufsberater erklärt, wie sich die Berufsbilder gewandelt haben – und was das für unsere Identität bedeutet.

Von Adrian Soller

Illustration: Marcel Bamert

«25», sagt er nach einer Weile und löst seinen Blick wieder von der Zimmerdecke. 25 seien es bestimmt gewesen, 25 Weiterbildungen in den vergangenen 15 Jahren. «In meinem Beruf», sagt der gelernte Dachdecker und Polier, «geht halt nichts ohne Weiterbildung.»

Was für Martin Steinmeier, Angestellter der Scherrer Gebäudehüllen AG, gilt, gilt offenbar für die meisten SchweizerInnen. Gemäss dem Bundesamt für Statistik bilden sich jährlich fast achtzig Prozent der ständigen Wohnbevölkerung zwischen 25 und 64 Jahren weiter. Und auch die Schweizer Berufsberaterstatistik zeigt, dass «lebenslanges Lernen» mehr als ein Schlagwort ist: Jede dritte Person, die im vergangenen Jahr eine Berufsberaterin um Rat bat, war erwachsen.

«Unsere Gesellschaft verändert sich ständig», sagt Franz Müller, Berufs- und Laufbahnberater des Berufsinformationszentrums Zug. Er spricht von technischen, sozialen und gesetzlichen Entwicklungen. Die Berufe, so Müller, müssen sich diesen sich wandelnden Lebenswirklichkeiten anpassen. Als klassisches Beispiel nennt er die Folgen der Erfindung des Computers. In den neunziger Jahren sei wegen dieser Entwicklung nicht nur der Beruf «Informatiker» entstanden; die Digitalisierung, sagt der 58-Jährige, habe fast alle Berufsbilder verändert. Der Journalist musste weg von der Schreibmaschine, die Zeichnerin weg vom Reissbrett. Und der Schriftsetzer musste nicht nur weg vom Blei – er musste weg von seinem Beruf.

Der Beruf des Schriftsetzers verschwand – und ein anderer Beruf entstand an seiner Stelle: der des Polygrafen. Der technische Fortschritt liess schon immer Berufe verschwinden und neue entstehen. So löste der Carrosseriesattler den Autosattler ab, die Mechatronikerin ersetzte die Automechanikerin. Allein in den letzten acht Jahren änderte das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) fast die Hälfte aller Bezeichnungen der Berufslehren mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ). In kürzester Zeit ist so in der Schweiz jeder zweite Beruf verschwunden.

Die grosse Fusion

«Den Dachdecker gibt es nicht mehr», sagt Martin Steinmeier im Pausenraum seines Arbeitgebers, «wir heissen jetzt Polybauer.» Die Berufslehre des Dachdeckers, so der 44-jährige Lehrmeister, ist zusammengelegt worden mit der Ausbildung des Flachdachbauers, des Fassadenbauers, des Fassadenmonteurs, des Gerüstmonteurs, des Bauisoleurs sowie des Storenmonteurs.

Berufsberater Müller bestätigt, dass in den vergangenen Jahren viele berufliche Grundbildungen verschmolzen seien. So seien die Berufe der Elektro- und Maschinenmechanikerin nun im Beruf Polymechaniker aufgegangen – und der Bäcker-Konditor fusionierte mit dem Konditor-Confiseur zum Bäcker-Konditor-Confiseur.

Steinmeier und seine KollegInnen arbeiten längst nicht mehr nur mit Ziegeln. Heute installieren Polybauer vor allem Fotovoltaikanlagen und Warmwasserspeicher. Auch die Materialien zur Dichtung und Wärmedämmung sind weiterentwickelt worden, seit Steinmeier die Lehre abgeschlossen hat. Wörter wie «Minergie» und «energetische Beratung» gehören mittlerweile zum Alltagsvokabular der PolybauerInnen.

Die Umwelttechnik treibe die Berufswelt derzeit an, sagt Müller. Jüngst sind auf der höheren Berufsbildungsstufe verschiedene Umweltfachrichtungen entstanden. Neu kann neben der Natur- und Umweltfachkraft oder der Umweltberaterin auch Energieberater und «Projektleiter Solarmontage» gelernt werden. In der beruflichen Grundbildung ist bis anhin zwar nur ein neuer Beruf entstanden, die Recyclistin. Dennoch haben die technischen Entwicklungen und die wirtschaftlichen Anreize im Umweltbereich grossen Einfluss auf die Berufslehren. Nicht zuletzt, weil der Bundesrat mit seinem Masterplan «Cleantech» alle Berufe ökologischer ausrichten will.

Für alles ein Diplom

Ein weiterer Trend ist die Tertiarisierung. «Es gibt kaum einen Beruf in der Schweiz, der heute nicht dienstleistungsorientierter arbeitet als noch vor zehn Jahren», sagt Müller. Die neu entstandene Lehre als «Fachkraft Kundendialog» sei ein Beleg dafür. Und nicht nur dafür: Dass es für den Beruf des Callagents nun einen eidgenössisch anerkannten Abschluss gibt, zeigt noch etwas anderes: die Professionalisierung.

«In der Schweiz sind Diplome wichtiger als in anderen Ländern», so Müller. Die Berufserfahrung zähle zwar auch hierzulande viel – besitze aber ohne Diplom nicht allzu viel Wert. Deshalb gibt es eine klare Tendenz: Kein Beruf ohne Abschluss. Eine angehende Fitnessinstruktorin kann heute eine Lehre als «Fachkraft Bewegung und Gesundheit EFZ» abschliessen. Ob angehende Bühnentänzerin oder Hauswart, heute «Fachkraft Betriebsunterhalt» genannt – auch sie müssen eine reguläre Lehre mit EFZ absolvieren.

Weil solche Abschlüsse in der Gesellschaft wichtig sind, sind sie es auch für die persönliche Identität. In der Schweiz fühlen sich nicht jene als Bäcker, die Brote backen – sondern jene, die Bäcker gelernt haben. Und das führt zu einem hohen Bildungsdruck: «Will ein Arbeitnehmer in der Schweiz seine Identität bewahren», so Müller, «muss er sich ständig weiterbilden.»

In Müllers Beratungsstunden kommen auch Erwachsene, die das nicht gemacht haben. Ihnen bleibt die Möglichkeit, den Beruf zu wechseln, oft verwehrt, weil der Abschluss fehlt. «Ein neuer Beruf bedeutet immer auch eine neue Identität», sagt Müller, «eine Identität, die man in einem Prozess erlangt, der meist längere Ausbildungen mit sich bringt.»

Was bin ich?

«Ich weiss nicht, was ich bin», habe ihm einmal ein Mann in einer Beratungssitzung gesagt. Der gelernte Elektroinstallateur hatte jahrelang in sozialen Projekten gearbeitet – ohne einen Abschluss im sozialen Bereich. Als er schliesslich die Stelle wechseln musste, fühlte er sich weder als Sozialpädagoge noch als Elektroinstallateur.

Auch für die Lehrstellensuchenden ist es schwieriger geworden, sich mit einem Beruf zu identifizieren. «Die Berufe sind heute weniger erlebbar als früher», sagt Müller. Ob Zeichnerin, Banker oder Journalistin: Die verschiedenen Arbeiten am Computer unterscheiden sich – von aussen betrachtet – kaum.

Letztlich beeinflusst nicht nur die Professionalisierung und Tertiarisierung, also die steigenden Aus- und Weiterbildungsansprüche und die zunehmende Bedeutung des Dienstleistungsbereichs, unsere berufliche Identität. Auch der rasche Wandel der Technik fordert unser berufliches Selbstverständnis heraus. Selbst wer sein Leben lang im gleichen Betrieb tätig bleibt, muss seine Identität laufend anpassen, sich ständig neu erfinden.

Martin Steinmeier bereitet diese permanente Suche keine Mühe. Dem Lehrmeister gefällt es, sich immer wieder mit neuen Materialien zu beschäftigen, neue Techniken zu erlernen und sich bislang unbekannte Berufsfelder zu erschliessen. Doch eines fällt Steinmeier dann doch schwer: sich mit der Berufsbezeichnung «Polybauer» zu identifizieren. Fragt man ihn, den Lehrmeister, nach seinem Beruf, sagt er: «Dachdecker.»

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