Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Ein Pakt des Schweigens

Zehn Jahre nach «Ohio» legt Ruth Schweikert einen neuen Roman vor. «Wie wir älter werden» erzählt Familiengeschichten über drei Generationen hinweg: von Liebe, Untreue, Lügen und jugendlicher Rebellion.

Von Eva Pfister

Keine ausgeklügelte Sprachartistik, dafür klar, knapp und mit Tempo: Schriftstellerin Ruth Schweikert. Foto: Andreas Labes

Erstaunlich, welche Netze wir knüpfen, wenn wir aufwachsen: wie sich das Umfeld von Mutter, Vater, Geschwister ausweitet, wenn Freundinnen dazukommen und deren Angehörige, später die Kinder und ihre Freunde, die Partnerinnen und ihre Familien, dazu die Nachbarn und irgendwann auch die Ärztinnen.

Ruth Schweikert konzentriert sich in ihrem neuen Roman «Wie wir älter werden» nicht auf die Hauptpersonen, sondern erzählt auch kleine und kleinste Geschichten von Nebenfiguren, die, wie im Leben, für eine kurze Zeit zu Hauptfiguren werden. So wie Andrea, eine Freundin der Protagonistin Kathrin, die an Krebs stirbt, was Schweikert auf wenigen Seiten in einer berührenden Lebensgeschichte entfaltet. Bei Andreas Beerdigung trifft Kathrin Menschen, denen sie lange nicht begegnet ist, und sie beobachtet, wie alle immer wieder den Kopf wenden, um einander anzusehen, «so dass sich während der ganzen Zeremonie ein dichter werdendes Netz von Blicken über die Anwesenden spannte, kürzere und längere Linien, die sich zu Dreiecken, Vierecken und Vielecken formierten, als versuchten sie alle, miteinander in Beziehung zu treten».

Unwissende Halbschwestern

Es ist dieses Beziehungsnetz, wie sie es hier als Spiel der Augenblicke schildert, das Ruth Schweikert fasziniert und das sie in ihrem Roman vielfältig knüpft. Ausgangspunkt sind zwei Familien, die auf eigene Weise miteinander verbunden sind: Jacques zeugte nicht nur mit Ehefrau Friederike Kinder, sondern auch mit seiner Geliebten Helena. So ist Kathrin fast gleichzeitig mit Sabine auf die Welt gekommen, von der sie erst viele Jahre später etwas erfahren wird, wie auch von ihrer anderen Halbschwester Iris.

Kathrin und Iris sind die beiden Personen, aus deren Blickwinkel die Familiensaga hauptsächlich erzählt wird. Beide haben in der Gegenwart des Romans schon Enkel, aber Rückblenden führen in die Kindheit, die beide Frauen als unsicher und brüchig in Erinnerung haben: «An jenem Dienstagnachmittag, an dem sie plötzlich weiss, dass ihr Vater tot ist, ist Kathrin Brunold vier Jahre und neunundneunzig Tage alt – auch das weiss sie. Sie steht im Elternschlafzimmer vor seinem Kleiderschrank; links sind die Tablare mit den Socken, Unterhosen und Hemden, rechts hängen die Anzüge aus feinster Schurwolle, schwarze, graue und blaue, dicht aneinandergedrängt wie die Schafe im Stall.» Es wird sich herausstellen, dass ihr Vater damals nicht tot war, sondern im Gefängnis – der Anwalt war für ein Jahr wegen Betrug verurteilt worden. Den Kindern erzählte Friederike, dass er in Genf sei, um Französisch zu lernen. Aber die Tochter wusste, dass da etwas nicht stimmte, denn Französisch konnte der Vater ja.

Lügen

Kathrins Halbschwester Iris wächst mit Mutter Helena und deren Mann Emil in der Ostschweiz auf. Dass er nicht ihr leiblicher Vater ist, ahnt sie nicht. Aber dass die Ehe ihrer Eltern von Hemmungen und Distanz geprägt ist, merkt sie, als sie bei ihren SchulkameradInnen erlebt, wie anders das Familienleben auch sein kann. Da gehen die Eltern vertraut, manchmal sogar zärtlich miteinander um; beim Essen wird gescherzt und diskutiert.

Zwei Paare, in Treue und Untreue miteinander verstrickt, schliessen im Jahr 1964 einen «Pakt des lebenslangen Schweigens zum Schutz ihrer Kinder, die in intakten Familien aufwachsen sollten, in denen alles seine Richtigkeit hatte, vor Gott und der Welt und den Nachbarn». Dass die Kinder dennoch etwas mitbekommen von den Lügen, auf denen die Familien basieren, beschreibt Ruth Schweikert sensibel, nicht als Anklage, sondern mit grosser Einfühlung in die Verwirrung und die Rebellion der Töchter – mehr als die der Söhne, die Nebenfiguren bleiben. Ebenfalls am Rand erzählt sie auch von Miriam, Emils einziger leiblicher Tochter, die schön, klug und begabt war, bis sie eines Tages begann, alle Lebenspläne, Zuwendungen und das Essen zu verweigern.

Grenzen des Verstehens

Aber wie kam es zu den Verstrickungen und zum Pakt des Schweigens? Warum heiratete Helena plötzlich Emil, den sie kaum kannte, während sie mit Jacques doch eine längere Studentenliebe verband? Warum setzt Jacques dreissig Jahre lang das Verhältnis mit ihr fort (pünktlich jeden ersten Montag des Monats um 18 Uhr)? Warum verlässt er dann unvermittelt Friederike und zieht für neun Jahre mit Helena zusammen – und warum kehrt er ebenso überraschend zu seiner Frau zurück? Und warum verzeiht sie ihm?

«Unsere Geschichten nähren sich aus dem, was wir nicht verstehen.» Diesen Satz stellt Ruth Schweikert einem Kapitel voran, und obwohl sie über ihre Figuren und deren Beweggründe viel erzählt, erscheint es beim Lesen doch, als würde sie ihnen bewusst ihr Geheimnis lassen. Einmal zitiert sie aus Georg Büchners Drama «Dantons Tod» (1835): «Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.» Im Unterschied zu lebenden Menschen wäre eine Romanautorin ja dazu in der Lage, wenn sie einen allwissenden Erzählstandpunkt einnähme. Schweikert erzählt zwar aus vielen wechselnden Perspektiven, aber sie bricht ihren Figuren nicht die Schädeldecken auf, sondern lässt die – oft schmerzhaften – Grenzen deutlich werden, die ein Kind von seinen Eltern, eine Mutter von ihren Kindern trennen. Grenzen des Verstehens, die in den Kindern unerwartete Verhaltensweisen hervorrufen, denen wiederum die Eltern hilf- und ratlos gegenüberstehen.

Friederike kam mit neunzehn Jahren aus Deutschland in die Schweiz und muss sich von ihrer Tochter Kathrin inquisitorische Fragen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs stellen lassen. Dabei war sie 1940 gerade einmal zehn Jahre alt, als ihr Vater fiel. Sie lag mit einer Lungenentzündung im Bett, die Mutter brachte ihr seinen letzten Brief, verschwieg ihr aber lange seinen Tod. Friederike fühlte sich damals im Stich gelassen: Schon mit ihrer Generation beginnt also dieser Verrat der Väter, die einfach verschwinden, aus welchen Gründen auch immer. Später muss Kathrin ihrem Erstgeborenen vermitteln, dass sein Vater für ihn nicht da sein kann, auch wenn man ab und zu sein Bild in der Zeitung sieht. Während der von seinem Kind einfach nichts wissen wollte, stirbt der Lebensgefährte von Iris unvermittelt und lässt sie auf einer halb verfallenen irischen Farm zurück, betäubt von Schmerz und überfordert mit ihren drei Kindern. In diesem Moment wird Liam, noch keine sieben Jahre alt, erwachsen und übernimmt Verantwortung. Später wird er so viel Muskeltraining betreiben, dass sein Herz zu stolpern beginnt.

Ruth Schweikert betreibt keine ausgeklügelte Sprachartistik. Auch wenn ihre Sätze lang und ihre Geschichten verschachtelt sind, schreibt sie klar und knapp, das macht Tempo, und der Roman zieht einen schnell in seinen Bann. Samt all den Episoden und Nebenfiguren wie etwa dem Hausarzt Timur Bezgiav, der als Flüchtling aus Tschetschenien gekommen ist und nach sechs bangen Jahren als Asylbewerber endlich sein Medizinstudium hat abschliessen können. Mittlerweile «verdiente er genug, um die kleine Familie zu ernähren, die er sich ausmalte». So, mit einem Halbsatz, weckt Ruth Schweikert die Neugier auf die nächste Lebensgeschichte.

Schweikert liest an den Solothurner Literaturtagen am Freitag, 15. Mai 2015, um 15 Uhr im Landhaussaal.

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