Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Schöne neue Arbeitswelt

Von Eva Pfister

Der Müller redet ja wie Brenner! Wer zum ersten Mal einen Krimi von Raphael Zehnder liest, ist verblüfft über die Ähnlichkeit mit den Büchern von Wolf Haas. Die vertrauliche Ansprache: «Ja, da fühlst du dich steif und ungelenk, wenn du den Kollegen von der Spezialeinheit in Aktion begegnest» – wie Polizist Benedikt Müller einmal seufzt. Aber während die Erzählstimme den Brenner zu einer eher gemütlichen Figur macht, verbreitet sie bei Zehnder Hektik, als hätte sie keine Zeit, um Sätze zu vervollständigen. Das kann auch am Thema liegen: «Müller und der Mann mit Schnauz» bewegt sich im Milieu von WerberInnen und PolitikerInnen. Die sind alle saumässig unter Druck, weil sie sich verkaufen müssen. Dem Regierungsrat Rüttimann ist dies nicht gelungen, die nächste Wahl wird er verlieren. Schuld daran ist seinem Empfinden nach eindeutig die Kommunikationsagentur König, Herzog, Papst und Bischoff, vor allem der Seniorpartner Jörg-Olaf Bischoff, denn der hat ihm eingeredet, im Wahlkampf auf dieses «Europa-Dings» zu setzen. Nun ist aber Bischoff der Mann mit Schnauz, der zu Beginn des Buchs schon als Leiche daliegt, ermordet kurz vor einem Motivationsmeeting, und darum ist Rüttimann einer der Verdächtigen. Einer von vielen. Die MitarbeiterInnen der Agentur wären alle ausreichend motiviert gewesen, Bischoff umzubringen, denn dieser – kokaingetrieben – jagte sie unbarmherzig in immer neue Projekte, neue Verkaufsmethoden, neue Effizienz.

Da ist manches satirisch überspitzt, aber Zehnder gelingt eine furiose Schilderung der schönen neuen Arbeitswelt, in der sich jedes Produkt – auch die Polizeiarbeit – nach aussen vermarkten muss, mit immer raffinierteren Mitteln und strafferen Hierarchien im Innern. «Und weil sie deinen Lohn zahlen, weisst du, sie haben recht und fühlen sich im Recht, recht zu haben. Dir bleibt nichts übrig, als zu fressen, was sie in deinen Napf tun.»

Im Rahmen der 3. Zürcher Kriminalnacht im Theater Rigiblick wird aus «Müller und der Mann mit Schnauz» vorgetragen, Zehnder moderiert mit. Freitag, 8. Mai 2015, und Samstag, 9. Mai 2015, jeweils um 20 Uhr. www.theater-rigiblick.ch

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