Nr. 25/2015 vom 18.06.2015

Wenn der Satellit das Glück steuert

Von Florian KellerMail an Autor:in

Sechs Planeten, zwei Monde, im Anhang ein Glossar von fast dreissig Seiten: Als Wort- und Weltenschöpfer spielt Leif Randt in seinem dritten Roman, «Planet Magnon», im ganz grossen Massstab. Wenn er dazu noch eine saurierähnliche Nutztierart erfindet, sieht man sich gar in die intergalaktische Fauna von «Star Wars» versetzt. Viel aufregender als solche popkulturellen Versatzstücke sind jedoch die gesellschaftspolitischen Ideen, die Randt in seiner fernen Galaxis ausbreitet.

Auf den ersten Blick ist das eine durchaus utopische Gesellschaft: Das Prinzip der Nation ist durch lose Kollektive abgelöst worden, die bürgerlichen Codes der Liebe wurden zugunsten einer pragmatischen Unverbindlichkeit entsorgt. Und als umfassende Behörde waltet eine im All kreisende Software namens «ActualSanity», die für Frieden und allgemeinen Wohlstand sorgt. Das Glück wird also per Satellit verwaltet, und man ahnt schon: Was uns hier als literarische Utopie einer guten Welt erreicht, erweist sich womöglich auch nur als freundliche Form einer Dystopie.

Von diesem Verdacht lässt sich auch Marten anstecken, ein Musterschüler des Dolfin-Kollektivs, das sich dem Ideal der postpragmatischen Freude verschrieben hat. «PostpragmaticJoy» heisst das in Randts neuzeitlichem Jargon, gemeint ist ein angestrebter Schwebezustand, der den Gegensatz zwischen Nüchternheit und Rauscherfahrung aufhebt. So leben die Dolfins ihr seltsam wohltemperiertes Glück, bis eine neue Gruppierung mit mysteriösen Anschlägen auf sich aufmerksam macht. Es ist das Kollektiv der gebrochenen Herzen, das sich die unerhörte Freiheit herausnimmt, unglücklich sein zu dürfen.

Randt nimmt die sogenannte Wohlstandsgesellschaft beim Wort, um zu zeigen, wie die Utopie vom guten Leben an ihre Grenzen stösst: Was fehlt uns, wenn uns nichts mehr fehlt? Vom galaktischen Massstab soll man sich also nicht abschrecken lassen: «Planet Magnon» ist ein Roman, der weit draussen im All einen verblüffenden Spiegel für unsere Gegenwart aufspannt. Und Liebeskummer wird zum politischen Störfall.

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