Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Wider die biografische Illusion

Beharren auf dem Selbsterlebten: Verknappt und verdichtet erzählt der Norweger Tomas Espedal in seinen Romanen «Wider die Kunst» und «Wider die Natur» stets aus seinem eigenen Leben.

Von Erich Keller

Eigentlich hätte Tomas Espedal bloss darauf verzichten müssen, dem Erzähler seinen eigenen Namen zu geben – die beiden Texte wären lange Erzählungen, stimmige kleine Romane geworden. In «Wider die Natur» wird der Erzähler durch zwei gescheiterte Beziehungen in eine tiefe Krise gestürzt. Zwei Todesfälle stehen im Zentrum von «Wider die Kunst»: der seiner ehemaligen Partnerin Agnete und der seiner Mutter. Dies liesse sich gut zur Fiktion modellieren. Doch Espedal beharrt auf der eigenen Lebensgeschichte. Seine Bücher sind komplexe Texthybride aus dem nicht zu kartografierenden Gebiet, das jenseits von Roman und Autobiografie liegt, zwischen Prosa und Lyrik, Reportage und Essay.

Liturgie des Liebesunglücks

Erfahrung ist das Produkt von Arbeit, von dieser Prämisse geht Espedal aus. Mit sechzehn Jahren noch schien alles vorgezeichnet: Er würde bis zur Pensionierung in der Fabrik arbeiten, so wollten es die Eltern. Doch: «Schon früh stand mir vor Augen, dass ich nicht arbeiten wollte», heisst es im ersten Buch, «Wider die Natur». Im zweiten, «Wider die Kunst», schreibt Espedal über den Grossvater, dieser sei eigentlich in der Arbeit verschwunden. Darum will er Autor werden.

Die andere Arbeit nennt er Liebesarbeit. Er lernt die Schauspielerin Agnete kennen, folgt ihr ins norwegische Hinterland, wo sie, man kann es nicht anders sagen, Familie betreiben will – ein naives Zurück zur Natur mit Hausgeburt, Garten und allem, was dazugehört. Espedal wird Vater, Agnete Feministin, nun will sie im Friedenscorps nach Nicaragua. Er folgt ihr, bis die beiden auch dieses Experiment abbrechen müssen. Zurück in Oslo löst sich die Familie auf, womit die Liebesarbeit endet und die Fabrikarbeit weitergeht.

Dieser Strang wird in «Wider die Kunst» aufgenommen, dem Buch, das Espedal unter dem Eindruck des späteren Krebstods Agnetes und dem Ableben seiner Mutter geschrieben hat. In Rückblenden erkundet er darin radikal subjektiv seine Familiengeschichte und wie er vom besessenen Leser zum Schriftsteller wird. Selten ist eine andere Stimme als die eigene zu vernehmen, etwa als er und sein Vater beim Fussballspiel auf der Tribüne sitzen. Sie lachen. Er lässt den Vater sagen: «Im Grunde habe ich immer die falschen Entscheidungen getroffen.» In «Wider die Natur» lesen Espedal und seine Freundin Janne gemeinsam einen Band der monumentalen Autobiografie Karl Ove Knausgards, den Espedal persönlich kennt. Sie sind fassungslos. Dass der sich solche Offenheit traut!

Janne lernte Espedal kennen, da war er bereits 48, sie halb so alt wie er. Die beiden verliebten sich. Die Schwere seiner eigenen Erfahrungen prallt auf die Leichtigkeit im Leben Jannes, ihren Erfahrungshunger, was die Leidenschaften befeuert und den Kokon des Einzigartigen um sie webt. Stück um Stück wird aber klar: Dieser ungleich verteilte Stoff – man kann ihn Leben oder auch Erfahrungsaufschichtung nennen – treibt sie umso stärker auseinander, je näher sie sich kommen. Erfahrungen, Wünsche, Träume, das ist nichts, womit man in einer Beziehung Handel treiben kann. Janne zieht resigniert aus der gemeinsamen Wohnung aus, lässt Espedal zurück. Sie sitzt ihm nun als Erinnerung wie ein Alb auf der Brust, was der Autor in eine Liturgie des Liebesunglücks verwandelt, wie man sie kaum je gelesen hat.

Männer der Post-68er-Generation

All das erzählt Espedal nie linear. Es ist, als ob er gegen das berühmte Diktum des Soziologen Pierre Bourdieu anschreibe, dass alles biografische Erzählen Illusion erzeuge. Illusion, weil jede dieser Geschichten dem Leben die höhere Weihe in Form von «Sinn» verleihe. Am verräterischsten die Metapher vom Lebenslauf; kein Leben gleiche einem Lauf von Punkt A nach B, sondern sei in Wahrheit unzusammenhängend. Will heissen: Niemand hält wirklich das Steuer in der Hand, ob das Leben nun geradlinig oder im Zickzackkurs verläuft.

Gewiss sind das ernst zu nehmende Einwände, gehört es doch zu den erschütterndsten Erfahrungen, zu akzeptieren: Man führt sein Leben nicht in einem Cockpit sitzend. Doch heisst das nun, dass man keine Biografien mehr erzählen sollte? Natürlich nicht, denn Konstruktion hin oder her, wir alle leben in einem sozialen Raum, in dem sich über das eigene Leben nur nachdenken lässt, wo es mit dem anderer vergleichbar wird.

Überhaupt: Knausgard und Espedal. Erzählt Ersterer ausufernd (was ihm den Vorwurf einbringt, Langeweile zu produzieren, siehe WOZ Nr. 40/2015), stülpt sich Espedal beim Erzählen nach innen, verdichtet, verknappt. Nicht immer zum eigenen Vorteil. Sein Lebensbericht wird zu einem grossen Drama, es fehlt ihm das, was doch biografisches Grundnahrungsmittel ist – das Gewöhnliche, Bedeutungsarme.

Und doch zeugt das Werk beider Schriftsteller von einer gemeinsamen Erfahrung. Einer, die in den Büchern nirgends ausgesprochen wird: Es sind die Versuche zweier Männer (und Väter) der Post-68er-Generation, sich selbst darüber klar zu werden, was es bedeutet, «Mann» zu sein. Wie Schatten gehen in ihren Texten die Männer alten Schlags um – harte, dem Alkohol oder Schweigen verfallene Typen, deren Söhne der Zeiten wegen anders ticken als sie selbst. Diesen Generationenbruch machen Knausgard und Espedal auf ihre Weise sichtbar, mit unterschiedlichen Mitteln.

Der Autor liest in Solothurn am Sa, 7. Mai 2016, um 13 Uhr.

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