Nr. 45/2016 vom 10.11.2016

Die verkaufte Wahrheit

Steile Karriere eines problematischen Begriffs: Warum die Rede vom postfaktischen Zeitalter die wahre Dimension der Entwicklungen verschleiert.

Von Daniela Janser

Auf einmal reden alle von «post-truth politics». Oder etwas holpriger und auf Deutsch vom postfaktischen Zeitalter. Man kann damit fast alles «erklären» oder zumindest mit einem einheitlichen Etikett versehen, was gerade Stirnrunzeln und Händeringen verursacht: die Kampagnen der SVP, den Brexit, Donald Trumps Karriere sowieso – aber auch den Journalismus einer «Weltwoche» und die Hetz- und Hohnexzesse in den Kommentarspalten und sozialen Medien. Der Befund: Propaganda wird als Wahrheit und Lüge als sachliche Information präsentiert. Fakten spielen keine Rolle mehr oder werden den bewusst geschürten «Ängsten der Bevölkerung» geopfert. Mit den Worten eines AfD-Landesvorsitzenden: «Es geht nicht nur um die reine Statistik, sondern es geht darum, wie das der Bürger empfindet.»

Was beim Lamentieren über den Zerfall der Wahrheit ignoriert wird, ist die Tatsache, dass der scheinbar so treffende Begriff des Postfaktischen selbst irreführend ist. Denn wer behauptet, wir seien in postfaktischen Zeiten angelangt, suggeriert implizit, wir hätten bis vor kurzem noch in einer Ära des Faktischen gelebt. Dass dies nicht stimmen kann, zeigt allein schon die Tatsache, dass der Begriff «post-truth» bereits 2004 in einem Buch des US-Autors Ralph Keyes analysiert und mit Beispielen illustriert wurde. Und schon 2003 präsentierte Colin Powell vor dem Uno-Sicherheitsrat seine faktenfreie «Beweisführung», dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitze.

Wer ist schuld am Schlamassel?

Als noch weiter reichende Reflexion empfiehlt sich der neue, knapp dreistündige Dokumentarfilm «Hypernormalisation» des Briten Adam Curtis. Der als thesenstarker Archivmaulwurf bekannte BBC-Journalist zieht darin kühne, breit verästelte Verbindungslinien von den siebziger Jahren bis in die Gegenwart. Er leitet her, dass die Politik der Lügen und Gerüchte nicht aus dem Nichts in diese Welt gekommen ist und dass selbstverständlich nicht nur «das Internet» am postfaktischen Schlamassel schuld ist, sondern auch das von der US-Regierung seit Jahrzehnten praktizierte «perception management»: eine von höchster Stelle implementierte Technik der Wahrnehmungsmanipulation.

So wurde etwa der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi mehrfach ohne jeden stichhaltigen Beweis als Erzfeind vorgeführt und dann wieder zum Alliierten umcodiert – je nachdem, was den USA gerade am besten half, die eigene fehlgeleitete Politik im Nahen Osten zu verschleiern oder zu stützen. Gleichzeitig sollte verhindert werden, dass jemand ernsthaft die Systemfrage stellt. Oder dass auffliegt, wie die vermeintliche Stabilität der «freien Welt» auf einem zynischen Theater beruht, das uns manch orchestrierten Schein als Wahrheit und Notwendigkeit verkauft.

Der starke Mann und das Chaos

Auch dem «Putinismus» und einem seiner Architekten, Wladislaw Surkow, widmet Curtis einen Erzählstrang. In dieser Spielart des Postfaktischen falle auf, dass das Dickicht der Allianzen besonders undurchschaubar sei. Auf wessen Seite kämpfen die Russen in Syrien und warum? Sind sie überhaupt noch dort oder bereits wieder weg? Es gehe Putin weniger darum, einen Krieg zu «gewinnen», sondern darum, eine grundlegende Konfusion anzuzetteln. Diese Strategie der Destabilisierung provoziere den Ruf nach dem starken Mann, der wieder Ordnung ins Chaos bringe.

Doch Curtis macht nicht bloss klar, dass Politik schon längst postfaktisch ist, sondern dass alles noch viel gravierender sein könnte. «Perception management» bedeutet, dass Lügen nicht nur als Wahrheit verkauft, sondern auch als solche akzeptiert werden. In letzter Konsequenz wird dabei das gesamte Unterscheidungsvermögen zerstört: Wenn es kaum mehr möglich ist zu sagen, was wahr und was falsch ist, glaubt man auch zusehends, dass das eigentlich egal sei. So verschwindet das Bewusstsein für die Unterscheidung selbst, das bei herkömmlichen Manipulationen immerhin noch vorhanden ist. Verschwimmt aber die Wahrnehmung als Ganzes, so tritt die von Curtis diagnostizierte «Hypernormalisierung» ein: ein verrückter Ausnahmezustand in den Köpfen als Regel und Realität und kein Weg zurück aus den Schlacken der verglühten Vernunft.

Wenn Curtis recht hat, steht zu befürchten, dass ein postfaktisches Ungeheuer wie Trump nur schriller Auswuchs eines viel grösseren und älteren Problems ist.

Den Film «Hypernormalisation» kann man gratis auf Youtube (www.youtube.com/watch?v=-fny99f8amM) sehen.

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