Nr. 05/2017 vom 02.02.2017

Kraft macht schlapp

Ein Candide im Silicon Valley: Jonas Lüscher ist zurück mit einem klugen, komischen und politischen Roman, der den digitalen Ideenmarkt von heute mit der Geburt des Neoliberalismus verknotet.

Von Daniela Janser

Wo der Marktoptimist in Jonas Lüschers Roman beim Rudern im Schlick versinkt: Bair Island mit dem Silicon Valley im Hintergrund. Foto: Smith Collection, Getty

Jonas Lüschers eigenwillige Spezialität ist es, die verwirrte Welt da draussen durch das Visier abweisender und abschweifender Männer zu filtern. Das tat der vierzigjährige Schweizer Autor schon in seinem vielgerühmten Erstling «Frühling der Barbaren» (2013). Da schickt er den Fabrikerben Preising in eine tunesische Wüstenoase und lässt ihn einer steinreichen Partygesellschaft beim Zusammenbrechen zuschauen. Londoner BankerInnen feiern eine Hochzeit nach allen Regeln der Ausschweifung und Prahlerei, und während sie noch ihren Rausch ausschlafen, regnen per SMS die Kündigungen herein: Das britische Bankensystem ist kollabiert, der Staat bankrott, und vor den Toren des Luxushotels bricht gerade der Arabische Frühling aus. Auf Spaziergängen im Garten einer psychiatrischen Klinik erzählt Patient Preising einem Kurschatten diese Geschichte, «aus der sich etwas lernen» lasse, wie er betont. Aber was?

Die verdampften Alternativen

Die Frage, ob er mit «Frühling der Barbaren» eine Parabel zur Finanzkrise von 2008 geschrieben habe, wies Lüscher in Interviews zurück. Literatur handle von Einzelfällen, nicht von Finanzkrisen. In seinem neuen, lang erwarteten Roman «Kraft» ist dieser Einzelfall der Tübinger Rhetorikprofessor Richard Kraft und seine selbstverschuldete Lebenskrise. Das abstrakte grössere Ganze, das diesen Einzelfall diesmal einhüllt, reicht vom Dotcom- und App-Firmament des Silicon Valley bis zurück zu den Anfängen der Deregulierung in den achtziger Jahren, als die real existierenden Alternativen zum Kapitalismus scheinbar widerstandslos verdampften.

Das Schlingern des ironisch benannten Kraft und der herrschenden Marktideologie wird nun konkret zusammengezurrt in einem Wettbewerb, den ein Silicon-Valley-Milliardär ausgeschrieben hat, unter dem zähnebleckenden Titel: «Optimismus für das neue Jahrtausend». Dabei soll die Frage beantwortet werden, warum die Welt, «wie auch immer sie ist», tipptopp ist und wie man sie trotzdem noch verbessern könnte. Die Ausschreibung ist mit einer Million Dollar dotiert und scheint wie geschaffen für die eher seltene Spezies eines marktliberalen Geisteswissenschaftlers wie Kraft, der bereits als Student für Margaret Thatcher und Ronald Reagan schwärmte.

Zitate und Schnipsel

Jetzt sitzt der verschuldete einstige Starakademiker im Hoover Institute der Stanford University und brütet erfolglos über der Wettbewerbsfrage, die ihm seine zweite Scheidung finanzieren soll. Aus angelesenen Philosophiezitaten und Weltanschauungsschnipseln versucht er verzweifelt, eine überzeugende Antwort zusammenzuleimen. Gleichzeitig kann man Lüschers eigenen Roman als virtuosen Negativbescheid zum Zwangsoptimismus dieser sprichwörtlichen Millionen-Dollar-Frage lesen: Nein, die Welt ist nicht gut, so wie sie ist. Und sie noch weiter zu «verbessern» – sprich: profitabler zu machen –, könnte ihr und uns den Rest geben.

Jonas Lüscher, der sich in einer Rede auch schon explizit gegen das schriftstellerische Einigeln in mundwarmer Gemütlichkeit und für das politische Engagement geäussert hat, führt diesen Beweis nicht mit dem Mahnfinger oder dem Zweihänder, sondern mit seiner zweiten Spezialität: dem literarischen Zitat. Wenn er seinen trotz aller Gelehrsamkeit erstaunlich blauäugigen Richard Kraft aus Tübingen bis ins Silicon Valley und weiter nach San Francisco schickt und ihn unterwegs immer mehr Ungemach erleben lässt, erinnert das an Voltaire: Der französische Aufklärer und Skeptiker hatte naives Fortschrittsdenken schon 1759 in seiner pessimistischen Novelle «Candide oder der Optimismus» der Lächerlichkeit preisgegeben.

Gleichzeitig wandelt Kraft auf den Spuren der naiven Mae Holland, die in der Horrorparabel «The Circle» (2013) des US-Autors Dave Eggers bei einem diabolischen Konzernriesen zwischen Google, Apple, Facebook und Twitter anheuert und sich dabei in den neuen digitalen Arbeitswelten regelrecht auflöst. Auch in Lüschers Gegenwartssatire macht Kraft Bekanntschaft mit aktuellen Forschungsprojekten aus dem Umfeld der Stanford University: das Nahrungsmittelersatzgetränk Soylent, dank dem man kein Essen mehr zubereiten muss und so mehr Zeit zum Arbeiten hat; künstliche Inselreiche ausserhalb staatlicher Hoheitsgewässer; eine App, die den Traffic von Liveübertragungsplattformen steigern soll.

Kraft, dieser alte Verfechter des Marktoptimismus, kommt angesichts von dessen konsequenter kapitalistischer Weiterentwicklung an der kalifornischen Küste ins Staunen und Straucheln – und geht dabei buchstäblich unter: Da mietet sich der Hobbyruderer – wie Mae Holland in «The Circle» – ein Skiff, mit dem er zuerst fast im Schlick versinkt und schliesslich von einer Flutwelle weggerissen wird, sodass er ohne Boot, nackt und auf allen vieren kriechend nur knapp dem Tod entkommt. Lakonisch eingeklammert ist dieses Ruderkapitel mit den Sätzen: «Kraft rudert gerne» und «Kraft weint».

Um den Roman zu mögen, muss man ein Flair für das Aufspüren solcher literarischer Verwandtschaften haben. Weitere Verweise hat Lüscher in den Mottos versteckt, die als doppelte Böden zu den Kapiteln funktionieren. Wer will, kann da zwischen einem Zitat aus der Hefemutterlaugen-Dissertation der FDP-Ikone Hildegard Hamm-Brücher, einer Hiob-Passage aus der Lutherbibel und einem Ausruf aus dem Science-Fiction-Film «The Martian» ein cleveres Netzwerk aus Hinweisen und Pointen freilegen.

Hannelore Kohl auf der Tribüne

Neben derlei Schatzsuchen muss man auch den philosophischen Gedankengängen folgen wollen, die der ehemalige Philosophiedoktorand Lüscher vor uns ausbreitet. In seinen weniger überzeugenden Passagen wirkt «Kraft» wie ein Mischwesen aus Trivialroman und Dissertation. Man darf aber auch nicht ungeduldig werden, wenn die Geschichte lange bei der hitzigen Bundestagsdebatte von 1982 verweilt, als Helmut Schmidt per Misstrauensvotum gestürzt und von Helmut Kohl als Bundeskanzler abgelöst wurde. Kraft sitzt da als Zuschauer auf der Bonner Tribüne, zusammen mit seinem ungarischen Freund Istvan, der sich als Dissident gebärdet, aber eigentlich nur während einer Schachmeisterschaft in Westberlin von seinem ungarischen Team im Hotel vergessen wurde.

Auf derselben Tribüne sitzen Kohls Frau Hannelore und dessen Söhne. In ihrer sichtlichen Resignation und Abneigung angesichts von Kohls Wahl, die Lüscher beschreibt, ist ein psychologischer Schlüssel verborgen, der sich auch auf seine eigene Hauptfigur anwenden lässt. Denn auch Krafts Frauen haben ein solches «Geheimwissen» – einen illusionslosen Blick auf Kraft, seine verblendete Welt und sein endloses Geschwafel, wie es im Roman mehrfach heisst. Sie durchschauen all das, was er selber stur verdrängt: zu seinem eigenen Verderben, dem seiner Umgebung und der ganzen liberalen Wirtschaftsordnung, deren literarischer Statthalter Kraft ist.

Das Blendwerk der Schwafler

Gleich im ersten Satz des Romans konfrontiert Lüscher Kraft mit einem noch viel verhängnisvolleren Schwafler. Direkt gegenüber seines Arbeitsplatzes hängt ein Porträt des ehemaligen US-Verteidigungsministers Donald Rumsfeld. Ihm hat ja Slavoj Zizek schon vor Jahren vorgerechnet, dass die Verbrechen von Abu Ghraib das verdrängte Unbewusste der US-Intervention im Irak seien, eine notwendige Kehrseite des Geredes von Demokratie und Freiheit als uramerikanischen Werten. Im letzten Teil seines Romans lässt Lüscher dann die brandaktuellen «demokratisch gewählten Despoten» und die «neue Salonfähigkeit des Rassismus und der Bigotterie» auftauchen, als weitere Kehrseiten der neoliberalen Medaille und als Totengräber der Politik.

Hinter der oft ungemein witzigen Oberfläche des Romans «Kraft» und hinter dem schwätzerischen Blendwerk mancher seiner Figuren lauert also das ignorierte Unbewusste, das zu seiner Zeit unerbittlich sein Recht einfordert. Denn für Kraft gilt dasselbe wie für die Hauptfigur von Lüschers Erstling «Frühling der Barbaren», die am Ende in der Psychiatrie landete: Das Unbewusste meldet sich in der unaufhaltsamen Rückkehr des Verdrängten. Damit lässt sich auch das bestürzend folgerichtige Ende des neuen Romans verstehen, das wir hier selbstverständlich nicht verraten wollen.

Lesungen in: Zürich, Schiffbau Box, Freitag, 17. Februar 2017, 20 Uhr; Zug, Bibliothek Zug, Samstag, 18. Februar 2017, 20 Uhr; Bern, Zentrum Paul Klee, Sonntag, 19. Februar 2017, 11 Uhr.

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