Nr. 04/2018 vom 25.01.2018

Das Schweigen brechen

Von Geri Krebs

Zuneigung, ja Liebe zum kommunistischen China hat in der Schweiz eine lange Tradition. Es beginnt damit, dass sie 1950 eines der ersten Länder war, die das Regime von Mao Zedong diplomatisch anerkannten. Jahrzehnte später waren es Leute wie Christoph Blocher oder Johann Schneider-Ammann, die als Pioniere wirkten, was Geschäfte und Freihandelsabkommen mit dem Reich der Mitte angeht. Im Rahmen dieser immer innigeren Beziehung hat in den letzten Jahren auch der Schweizer Dokumentarfilm seine Faszination für China entdeckt: von Christoph Schaubs Architekturfilm «Bird’s Nest» über Michael Schindhelms Sammlerporträt «The Chinese Lives of Ueli Sigg» bis zu «The Chinese Recipe», Jürg Neuenschwanders Hymne auf den chinesischen Unternehmergeist.

Neben solchen Chinaapologeten gibt es einen Regisseur, der sich schon viel länger und ausschliesslich mit China befasst, stets mit einem sehr kritischen Fokus auf die Zustände im Riesenreich: Luc Schaedler. Seiner Liebe zu China ist der Zürcher Ethnologe seit seinem ersten Kinofilm, «Made in Hong Kong» (1997), treu geblieben: in «Angry Monk» (2005) über Repression und Widerstand in Tibet und zuletzt auch in seinem Filmessay «Watermarks» (2013) über den Zusammenprall von Tradition und Moderne. Was dort bereits anklang, steht nun in «A Long Way Home» im Zentrum: die totale Verdrängung einer jüngeren Vergangenheit, die von extremer Gewalt und Unterdrückung geprägt ist.

Schaedler dringt hier tief in die Abgründe eines verbrecherischen Regimes vor, dessen Abscheulichkeiten in China bis heute totgeschwiegen werden – wer sie dennoch anspricht, muss mit Strafen rechnen. Der auch formal äusserst gelungene Film porträtiert vier Künstler und eine Künstlerin, und man weiss nicht, worüber man mehr staunen soll: über den Mut der Beteiligten oder über die Fähigkeiten des Regisseurs, unglaubliche Zeugnisse von Zivilcourage und Risikobereitschaft vor die Kamera zu bekommen. Da ist Schriftsteller Ye Fu, der bis 1989 Polizist war, ehe er nach dem Massaker von Tiananmen den Dienst quittierte; wenig später landete er für Jahre im Gefängnis, weil er Aktivisten der Demokratiebewegung zur Flucht verholfen hatte. Oder da ist die Tänzerin Wen Hui, die sich noch heute schämt, dass sie als Kind von Maos Kulturrevolution begeistert war, und die überzeugt ist, dass die Gewalterfahrungen von damals in den Körpern der ChinesInnen von heute gespeichert sind.

«Der Nazifaschismus und der russische Kommunismus sind schon tot, aber die kommunistische Partei Chinas ist immer noch an der Macht»: Das sagen die Gebrüder Zhen und Qiang Gao, zwei bildende Künstler, anlässlich einer Ausstellung vor den verfremdeten Porträts von Hitler, Stalin und Mao – und dass das jemand im China von heute ausspricht, hat man wohl noch nie zuvor in einem Film erleben können.

In: Solothurn, Landhaus, Fr, 26. Januar 2018, 15 Uhr, und Di, 30. Januar 2018, 9.30 Uhr. Ab 1. März 2018 im Kino.

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