Nr. 17/2020 vom 23.04.2020

Das Gedächtnis der Frauenbewegung

Das Archiv der Gosteli-Stiftung sammelt Nachlässe und Unterlagen von Frauenverbänden, die Fachbibliothek wird rege genutzt. Nun steht die Zukunft der wichtigen Institution auf dem Spiel.

Von Miriam Suter

Gegen das Vergessen: Marthe Gosteli 2002 in ihrem Archiv, das sie 1982 gegründet hatte. Foto: Valérie Chételat

Das Archiv zur Geschichte der schweizerischen Frauenbewegung in Worblaufen hat seine Türen vorübergehend geschlossen – zumindest fürs Erste. Das Coronavirus macht auch vor der archivierten Schweizer Frauenbewegung nicht halt: Bereits die Veranstaltung zur Wiedereröffnung nach der Sanierung, die am Weltfrauentag hätte stattfinden sollen, musste abgesagt werden.

Wie lange das Archiv aufgrund des Virus geschlossen bleiben muss, ist ungewiss. «Im Moment gehen wir davon aus, dass wir in die Kategorie der Kultur- und Freizeiteinrichtungen gehören, die erst am 8. Juni wieder öffnen dürfen», sagt Archivleiterin Silvia Bühler. «Wir sind aber noch in Abklärung mit dem Archivarenverband und anderen Archiven.» Für die Betreiberinnen ist jedoch ebenso unklar, wie lange sie nach dem Lockdown überhaupt werden offen bleiben können. Denn dem Archiv geht das Geld aus; es ist dringend auf finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand angewiesen.

Gerettete Dokumente

Gegründet hat das Archiv 1982 die Bernerin Marthe Gosteli, die sich seit den sechziger Jahren stark in der Schweizer Frauenbewegung engagiert hatte. 2017 verstarb sie, gut ein halbes Jahr vor ihrem 100. Geburtstag. Gosteli, einst Vizepräsidentin des Bundes Schweizerischer Frauenvereine (heute Alliance F), sei es mit dem Archiv um das Erinnern gegangen, sagt Bühler. «Ende der siebziger Jahre zogen sich viele Frauen, die ihre Epoche gesellschaftlich oder wirtschaftlich geprägt hatten, zurück, und es bestand die Gefahr, dass Unterlagen entsorgt würden», erzählt sie. Es gab keine gesetzliche Grundlage, die staatliche Archive verpflichtet hätte, die Unterlagen der Frauenverbände zu übernehmen.

«Frauenverbände waren schon lange vor der Einführung des Stimm- und Wahlrechts 1971 politisch und gesellschaftlich aktiv», sagt Bühler. «Und sie waren vor allem auf lokaler Ebene stark vertreten. Ihre Unterlagen dokumentieren die eigentlichen Anfänge der Schweizer Frauenbewegung.» Bei der Gründung des Archivs stand Gosteli die Professorin Beatrix Mesmer vom Historischen Institut der Universität Bern beratend zur Seite. Heute gilt das Archiv als Gedächtnis der Schweizer Frauenbewegung.

Wer das Haus in Worblaufen betritt, gelangt durch einen kleinen Vorraum in Räume mit deckenhohen, vollen Regalen. Das Archiv ist in drei Abteilungen gegliedert. Zum einen werden hier Unterlagen von Vereinen und Verbänden aufbewahrt, etwa von der Schweizerischen Gesellschaft Bildender Künstlerinnen. Gegründet wurde dieser Verband 1902, weil der Männerberufsverband bis zur Einführung des Frauenstimmrechts keine Frauen aufnahm. Sie durften auch nicht an nationalen Kunstausstellungen teilnehmen. Der Verband besteht bis heute.

Den zweiten grossen Teil bilden die persönlichen Nachlässe – ein bunter Querschnitt durch Frauenleben: «Hier gibt es eine grosse Bandbreite an Nachlässen von Frauen, die sich während der letzten 200 Jahre in Politik, Bildung, Wissenschaft oder Kultur eingesetzt haben», erklärt Bühler. Man findet etwa den persönlichen Nachlass der Bernerin Marie Boehlen, eine der ersten Politikerinnen und erste Jugendanwältin der Schweiz, die das Strafrecht modernisiert hat. Oder denjenigen von Gertrud Lutz-Fankhauser, die in den fünfziger Jahren Delegationsleiterin der Unicef war und in den sechziger Jahren als Vizepräsidentin des Hilfswerks amtete. «Sie war übrigens auch eine treibende Kraft hinter den Rettungsaktionen für verfolgte Juden ihres Mannes Carl Lutz während des Zweiten Weltkriegs», ergänzt Bühler.

Den dritten Teil des Archivs bildet die Fachbibliothek: Hier steht neben Standardliteratur und den Ergebnissen der Forschenden, die mit den Unterlagen des Archivs arbeiten, auch eine Sammlung von Zeitungsausschnitten. Eine Berner Journalistin fing 1923 an, Berichte zu sammeln und Dossiers zusammenzustellen. Heute sind über 10 000 Ausschnitte im Archiv gelagert.

Ein bisschen Platz hats noch

Das Archiv wird rege genutzt: Studentinnen von Universitäten und Hochschulen aus der ganzen Schweiz schauen vorbei, Journalisten recherchieren hier, GymnasiastInnen schreiben ihre Maturaarbeiten: «Als der Film ‹Die göttliche Ordnung› in den Kinos lief, erlebten wir einen regelrechten Ansturm von jungen Menschen, die ihre Abschlussarbeiten über die Schweizer Frauenbewegung schreiben wollten», erzählt Bühler. Das Archiv wird aber auch etwa von Präsidentinnen von Frauenverbänden genutzt, die Unterlagen für Jubiläumsausstellungen suchen. «Wir sind so etwas wie ihr Gedächtnis», sagt Bühler.

Ein bisschen Platz hat es noch im Archiv. Alle paar Jahre schickt ein Verband einen Karton voller Unterlagen; es melden sich Nachkommen von Frauen, die das gesellschaftliche Leben der Schweiz geprägt haben, oder Mitglieder von Vereinen, die sich auflösen und ihren Nachlass dokumentiert wissen wollen. Ablehnen müsse sie nur selten etwas, sagt Bühler: «Aber wir übernehmen nicht jedes private Fotoalbum. Die Unterlagen müssen historisch relevant und von gesellschaftlichem Interesse sein.» Was vom Archiv aufgenommen wird, bleibt für immer dort.

Doch das Archiv kämpft mit Problemen: Neben dem Platz wird langsam auch das Geld knapp. Ohne finanzielle Unterstützung könne das Archiv den Betrieb noch etwa zwei Jahre aufrechterhalten, sagt Bühler: «Es braucht aber auch Investitionen über den Status quo hinaus.» Konkret planen die Betreiberinnen des Archivs etwa den Aufbau einer Infrastruktur für die Sammlung und Vermittlung von digitalen Dokumenten.

2017, kurz nach Gostelis Tod, reichten fünf Nationalrätinnen, darunter Alliance-F-Präsidentin Kathrin Bertschy, die auch die Gosteli-Stiftung präsidiert, ein Postulat ein, das Mittel für die Institution und deren Erhalt fordert. Im Mai 2019 folgte der Postulatsbericht des Bundesrats mit drei Lösungsvorschlägen, darunter der einer subsidiären Finanzierung. «Das wäre für uns die beste Lösung», sagt Bühler. «Ein Teil des Geldes käme vom Bund und vom Kanton Bern, der Rest von Frauenorganisationen und Privaten. Und eine kleine Eigenwirtschaftlichkeit besteht ja auch noch.» Die Stiftung hat deshalb im Juni 2019 ein Gesuch um Bundesgelder gemäss Forschungsgesetz eingereicht. Noch ist nichts entschieden; voraussichtlich berät das Parlament das Geschäft in der Herbstsession.

Falls das Archiv der Gosteli-Stiftung keine Finanzierung erhält, muss es spätestens 2022 schliessen. Was mit den Nachlässen, der Bibliothek und den restlichen Unterlagen dann geschieht, ist völlig offen. Im schlimmsten Fall ginge ein entscheidender Teil der dokumentierten Schweizer Frauenbewegung verloren: «Aber ohne uns ist die Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts schlicht nicht vollständig», sagt Bühler. Schliesslich wird im Archiv nicht nur die Frauenbewegung dokumentiert, sondern mit ihr auch die Geschichte der endgültigen Demokratisierung der Schweiz: «Das ist ein sehr wichtiger Teil der Schweizer Identität.»

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