Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Denkt eigentlich auch jemand an die Inhalte?

Keine «52 besten Bücher» mehr: SRF 2 Kultur setzt seine langjährige Literatursendung ab – und niemand weiss, was diese ersetzen soll.

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Die Ungewissheit – sie ist im Moment die konstante Begleiterin aller Kulturschaffenden. Jede organisierte Veranstaltung kann kurzfristig wieder abgesagt werden, jeder Aufwand also umsonst gewesen sein.

Ausgerechnet in solchen Zeiten kommt nun eine Hiobsbotschaft aus der Medienbranche: Vergangene Woche verkündete SRF-Direktorin Nathalie Wappler die neuen Sparvorgaben für die nächsten zwei Jahre und die weiteren Schritte zur Transformation im Rahmen von «SRF 2024». Teil dieser Transformation ist die Streichung der wöchentlichen Literatursendung «52 beste Bücher» auf SRF 2 Kultur – einer rund dreissig Jahre alten Sendung, in der einE JournalistIn fast eine Stunde mit einer Autorin oder einem Autor über ihr beziehungsweise sein Buch spricht.

Krise der Literaturkritik

Im selben Jahr, in dem Tamedia in Zürich die Kulturredaktion als eigenständiges Ressort abgeschafft und ins Ressort «Leben» integriert hat und die NZZ ihre Kulturredaktion verkleinert, erregen diese Neuigkeiten Besorgnis. «Für mich ist die Entwicklung ein Zeichen für die grundsätzliche Krise der Literaturkritik: Wir als Autorinnen und Autoren haben keinen Platz mehr», sagt die Autorin Melinda Nadj Abonji. «Die Frage ist ja immer: Wer spricht? Und ausgerechnet die Sendung, in der Autorinnen und Autoren selber zu Wort kommen, wird nun gestrichen.» Mit 23 weiteren Schweizer AutorInnen forderte sie in einem Brief die SRF-Direktorin Wappler dazu auf, den Entscheid, «52 beste Bücher» zu streichen, nochmals zu überdenken.

Stossend findet Nadj Abonji vor allem, dass nicht kommuniziert wird, was neu geplant ist: «Was bedeutet das für uns Kulturschaffende, wenn SRF relevante Sendungen kippt, aber offenlässt, was kommt?», fragt sie und stellt fest: «Diese Mitteilung hinterlässt ein ungutes Gefühl.» Das sei in unsicheren Zeiten wie diesen besonders schwierig. «Ich will nicht ausschliessen, dass das, was kommt, gut ist. Aber wir wissen ja nicht, was es sein wird.»

Tatsächlich muss ja Veränderung nicht per se schlecht sein, und nur weil eine Sendung seit dreissig Jahren über den Äther gelaufen ist, muss sie das nicht zwingend noch weitere dreissig Jahre tun. Doch die zentrale Frage ist: Wie wird die inhaltliche Auseinandersetzung mit Literatur auf SRF 2 Kultur in Zukunft aussehen? Welche neuen Formate und Programme sind geplant?

Auf Nachfrage schreibt Susanne Wille, Abteilungsleiterin Kultur bei SRF, per Mail: «Die konkrete Formatentwicklung haben wir im Transformationsprojekt ‹2024› bewusst ausgeklammert. Den Entwicklungsauftrag werde ich demnächst erteilen, damit sich die Teams an die Arbeit machen können. Mit dem neuen Betriebsmodell von SRF werden wir auch in der Angebotsentwicklung neue Wege gehen und in interdisziplinären Teams arbeiten, damit wir von Anfang an alle Faktoren mitdenken.»

Während man sich beim Transformieren also auf strukturelle Aspekte fokussiert, die sich wegen der Digitalisierung und der veränderten Mediennutzung des Publikums aufdrängen, blieb die inhaltliche Auseinandersetzung offenkundig auf der Strecke: Statt neue Inhalte zu entwickeln, die dann auf den unterschiedlichen Kanälen – linear oder auf Abruf – ausgestrahlt werden können, scheint sich SRF in seinem organisatorischen Umbau zu verlieren.

Treffend stellt der Verband der Autorinnen und Autoren der Schweiz (A*dS) in einem offenen Brief fest: «Insgesamt fehlt dem A*dS neben den technischen Aspekten eine inhaltliche Präzisierung, wofür der Service public in der heutigen Situation steht.» Deswegen hat auch der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband eine Unterschriftensammlung gegen die Einstellung der Sendung gestartet. In der Begründung heisst es: «Da es keine weiteren Informationen und Konzepte zu diesem neu aufgestellten Literaturangebot gibt, steht zu befürchten, dass Literatur und Bücher im SRF künftig unter den Tisch fallen werden.»

Konzentriert und unaufgeregt

Laut Susanne Wille besteht diese Gefahr jedoch nicht: «Gespräche mit Autorinnen und Autoren gehören ebenso zu einem ganzheitlichen Literaturangebot wie die Buchbesprechung oder die Literaturdebatte.» Generell sei festzustellen, dass sich die Radionutzung verändere, sagt Wille: «Wir schauen uns deshalb genau an, welches literaturaffine Publikum wir über welche Kanäle und in welcher Form am besten erreichen können. In einem ersten Schritt möchten wir darum mehr darüber erfahren, was das literaturinteressierte Publikum von uns genau erwartet.»

Vielleicht kommt SRF ja am Ende darauf zurück, dass das literaturinteressierte Publikum genau eine Sendung wie «52 beste Bücher» will: ein konzentriertes und unaufgeregtes Gespräch mit einer Autorin oder einem Autor. Ein Format übrigens, das sich auch prima in die digitalen Kanäle transformieren liesse.

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