Nr. 43/2020 vom 22.10.2020

«Lieber blutt als kaputt»

Den Schweizer «Tatort» plagen noch immer Minderwertigkeitskomplexe. Aber er ist mutiger geworden. Und das Publikum darf sich über eine hervorragende Entdeckung freuen.

Von Dominic SchmidMail an AutorIn

Direkt nach der heimeligen «Tatort»-Intromelodie wirds laut: «Züri brännt / die alti Wixerstadt / Züri brännt / vor Langwiil ab.» Aufnahmen aus dem legendären Film «Züri brännt», Sachen werfende Studenten, knüppelschwingende Staatsgewalt, Tränengas, Nacktdemonstrationen, Punk, alles vielversprechend.

Gegengeschnitten wird sogleich mit der Velofahrt der neuen Ermittlerin Tessa Ott (Carol Schuler) über dieselben Strassen, wo vor vierzig Jahren Polizisten auf DemonstrantInnen einprügelten. Die Vergangenheit holt die Gegenwart ein, soll das bedeuten, mit brennender Leiche und per Velokurier geliefertem Schädel. Die alte Garde – geläuterte Polizisten wie verbürgerlichte Punks – wird in diesem «Tatort» relativ unzimperlich zum Abschied gebeten. Dass dies ab der fünften Minute in einen relativ unoriginellen Plot verpackt werden muss, ist zwar schade, aber kein Weltuntergang.

Beliebt, weil durchschnittlich

Über die Qualität des eigenen «Tatort» zu lästern, war schon immer eine der Lieblingsdisziplinen der Schweizer Medienkritik. Natürlich konnte die hiesige Ausgabe der erfolgreichsten deutschsprachigen Krimireihe nie so ganz mit den etwas besser spielenden und vor allem besser sprechenden Vertretern aus dem Norden mithalten. Daraus resultierte so etwas wie ein Minderwertigkeitskomplex, der jeden Versuch blockiert, eine eigene Erzähltradition zu entwickeln. Nicht einmal lustig klingendes Schweizerdeutsch will man den ZuschauerInnen aus den grossen Nachbarländern zumuten. Ausserdem ist Stefan Gubser halt leider kein Götz George, und dass der etwas schwergewichtigere Matthias Gnädinger den Kommissar Howald gab, ist auch schon eine Weile her. Friedrich Dürrenmatt war da gerade erst gestorben, und mit diesem mutmasslich das Potenzial, in der Schweiz einen wirklich originellen Krimi zu kreieren.

Andererseits erwartet von einem «Tatort» auch niemand Krimiqualität auf Dürrenmatt-Niveau. Die Beliebtheit des fünfzig Jahre alten Formats beruht vermutlich gerade auf seiner Durchschnittlichkeit: Formal herausstechende Folgen wie etwa jene von Dani Levy in einem Take gedrehte KKL-Folge fanden beim Gewöhnlichkeit gewohnten Publikum nur wenig Anklang. An frühe Experimente wie etwa jenes von 1974, als man den genialen US-amerikanischen Aussenseiterregisseur Sam Fuller an das noch junge Format heranliess, erinnert sich heute kaum noch jemand. Das Versprechen ist ein anderes: Am Sonntagabend setzt man sich auf das bequeme Fernsehsofa, geht zum Grosi oder zu den Eltern und schaut eben den «Tatort» – ohne danach gross in seinem Welt- oder Menschenbild erschüttert zu sein.

Punk und Mani Matter

Jetzt hat man also wieder Zürich angezündet: neue Stadt, neues Ermittlerinnenteam, altes Spiel. Mehr als über den Inhalt der Folge wird darüber diskutiert, wie diese bei den bundesdeutschen KritikerInnen denn ankam (unterschiedlich), ob es für die Schweiz wieder einmal peinlich wurde (wurde es nicht) und ob man sich im Ausland überhaupt für ein Thema wie die Opernhauskrawalle von 1980 interessieren würde.

Statt sich aber über den Hang zum Klischee in einer Schweizer Fernsehproduktion zu ärgern, könnte man sich auch über die Besetzung der beiden ErmittlerInnenposten mit zwei jungen Frauen freuen, die darüber hinaus nicht über ihr Geschlecht definiert werden. Oder darüber, dass die Macherinnen zumindest am Anfang den Versuch wagen, dem «Tatort» so etwas wie eine «punk attitude» einzuflössen. Teilweise glückt das sogar – ausser wenn dann zweimal noch Mani Matter als Ikone herhalten muss.

Freuen kann man sich auch über die Entdeckung der hervorragenden Anna Pieri Zuercher, die zwar aus Bern kommt, aber bislang vor allem in der Westschweiz als Schauspielerin zu sehen war. Zuercher gibt als Isabelle Grandjean den zweiten Part des Ermittlerinnenduos. Nicht zuletzt könnte man sich auch davon ein wenig beeindruckt zeigen, dass der Schweizer «Tatort» sich formal überhaupt nicht mehr vor seinen falschen Vorbildern zu verstecken braucht.

Und wenn ein paar auf Grosis Sofa oder sonst wo sitzende Millennials hier zum ersten Mal von diesen vierzig Jahre zurückliegenden Protesten erfahren und sich daraufhin hoffentlich den originalen «Züri brännt» anschauen – umso besser.

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