Nr. 47/2021 vom 25.11.2021

Erst Focaccia, dann Klassenkampf

Das autonome Hafenarbeiterkollektiv Calp blockiert Waffenlieferungen in Kriegsgebiete und setzt damit seine strukturelle Macht an einem entscheidenden Scharnier des Kapitalismus ein. Was lässt sich davon lernen? Ein Erkundungsbesuch.

Von Anna JikharevaMail an Autor:in (Text) und Camillo Pasquarelli (Fotos), Genua

Als die ersten Reifen brennen, ist es gerade mal kurz nach sieben. Rauch steigt über der Hafenzufahrt am Ponte Etiopia auf, der kalte Wind bläst Russ über die Strasse. Hinter der Tankstelle geht am Horizont die Sonne auf.

Einige Dutzend Männer unterschiedlichen Alters haben sich an diesem Montagmorgen auf dem Platz eingefunden, dazu ein paar wenige Frauen. Ihr Ziel: eines der Hafentore zu blockieren. In den nächsten Stunden stossen immer neue Arbeiter dazu, am Schluss werden es weit über hundert sein. Autos, die das weitläufige Gelände verlassen wollen, zwingen die Aktivisten freundlich, aber mit Nachdruck zur Umkehr, auch die Polizei ist längst da, hält sich allerdings im Hintergrund. Es ist nicht das erste Mal, dass das Hafenarbeiterkollektiv Collettivo Autonomo Lavoratori Portuali (Calp) in Genua für Aufruhr sorgt.

José Nivoi, schwarze Funktionsjacke, über die Stirn gezogene Kapuze und schwarze Sonnenbrille, so etwas wie das öffentliche Gesicht der Gruppe, geht mit einem seiner Mitstreiter die letzten Details durch. Zwischendurch leuchten Pyros auf. In einem kleinen Karren werden derweil immer mehr Reifen herangeschafft und auf der Strasse hinter Plastikbarrieren platziert, um den sich bereits stauenden Lkws und Autos den Weg zu versperren. Maurizio, genannt «Mauri», eines der rund zwanzig aktiven Mitglieder des Calp, giesst mit einer solchen Seelenruhe Benzin über Gummi und Holzpaletten, als befände er sich auf einem frühherbstlichen Spaziergang. Als die Flammen lodern, breitet sich auf dem Gesicht des Mittfünfzigers, der seit mehr als zwei Jahrzehnten im Hafen arbeitet, ein schelmisches Grinsen aus.

Auch wenn die Geschichte des Calp, das Erbe, auf das sich das Kollektiv beruft, viel weiter zurückreicht: Entstanden ist die Gruppe in ihrer jetzigen Form vor rund zehn Jahren. In der arabischen Welt fegten die Protestbewegungen damals ein Regime nach dem anderen weg, in New York bauten die Aktivist:innen von Occupy Wall Street gerade ihre Camps auf. Mitte Oktober 2011 machten Menschen auf der ganzen Welt ihrem Ärger über die Macht der Banken und die Auswüchse der Finanzmärkte Luft. Und in Rom gingen weit über 100 000 Personen gegen die Sparpläne der Berlusconi-Regierung und den Einfluss Brüssels auf die Strasse. Die Demo endete mit Wasserwerfern, Tränengas und vielen Verletzten.

Auch eine Gruppe Hafenarbeiter war für den Protesttag aus Genua in die Hauptstadt gereist. «Die kollektive Erfahrung war sehr inspirierend, fast schon episch», erzählt Nivoi. Auf dem Heimweg sei die Idee entstanden, sich neu zu organisieren, weil sie sich vom CGIL, dem grössten Gewerkschaftsbund des Landes, nicht vertreten fühlten.

Von Anfang an sei es ihnen auch darum gegangen, ihr Ringen um bessere Arbeitsbedingungen im Hafen mit anderen Kämpfen zu verbinden. Deshalb blockieren sie Waffenlieferungen und machen auf die Situation Geflüchteter an Europas Grenzen aufmerksam. Der italienische Staat verfolgt die Gruppe für ihre Tätigkeit, der Papst hingegen lud sie für ihr Engagement zur Audienz. Wer sind diese Leute, in welcher historischen Tradition stehen sie? Und kann ihre Strategie auch über den Hafen von Genua hinaus ein Vorbild sein?

Das Erbe der Partigiani

Nach ein paar Stunden ist die Blockade am Hafentor vorbei, die Männer ziehen auf einen nahe gelegenen Platz weiter, wo sich bereits Hunderte Menschen versammelt haben: Die Basisgewerkschaften haben an diesem 11. Oktober landesweit zum Generalstreik aufgerufen – für die «Vereinigung der Kämpfe», gegen die Draghi-Regierung und die «Padroni», wie in der Ankündigung zu lesen ist. Durch Genua marschieren an diesem Tag über 4000 Personen: Gesundheitspersonal, das die fatalen Sparmassnahmen beklagt; Aktivist:innen, die an die Toten im Mittelmeer erinnern; Arbeiter:innen, die sich dagegen wehren, dass die Coronakrise auf ihrem Rücken ausgetragen wird. Einen «vollen Erfolg» wird Nivoi, der als Vertreter des Basisgewerkschaftsbunds USB den Streik mitorganisiert hat, den Tag später nennen.

Besonders stört die Leute das in Italien «Green Pass» genannte Covid-Zertifikat. Es beschränkt nicht bloss den Zutritt zu Bars oder Theater auf Geimpfte, Genesene oder Getestete, sondern soll neu auch den Zugang zum Arbeitsplatz regeln. «Der Staat trägt die Verantwortung dafür, dass es in den Spitälern zu wenige Betten gibt, also müsste er ehrlicherweise eine Impfpflicht einführen», sagt Nivoi. Mit der Zertifikatspflicht und den teuren Coronatests werde die Verantwortung aber aufs Individuum abgewälzt. «Wir setzen uns für Freiheit, Würde und ein gutes Leben ein», ruft ein älterer Herr bei einer der Ansprachen ins Mikro, seine Stimme überschlägt sich. «Tutti uniti», alle gemeinsam.

Einen Tag vor dem Generalstreik. José Nivois Auto schlängelt sich die Strasse hoch, Kurve um Kurve wird der Kessel von Genua hinter der Heckscheibe immer kleiner. Der 36-Jährige ist bester Plauderlaune, erzählt von einem Partisanendenkmal, in dessen Nähe sich das heutige Ziel befindet: eine Ausflugsbeiz, in der sich ein paar Calp-Leute treffen, weil einer von ihnen bald heiratet. Die Gedenkstätte am Benedicta-Kloster erinnert an ein dunkles Kapitel der italienischen Geschichte: Im April 1944 ermordeten Einheiten von Wehrmacht, Sicherheitspolizei und faschistischen Streitkräften dort an der Grenze zwischen Ligurien und dem Piemont fast 150 Personen, um sich an den Partigiani zu rächen.

Der Bezug auf deren Widerstandskämpfe ist Nivoi und seinen Kollegen wichtig, verorten sie sich politisch doch in jener antifaschistischen Tradition, deren Zentrum der Norden Italiens lange war und noch immer ist. Eine fast schon mystische Bedeutung nimmt für sie deshalb auch ein Tag im Frühsommer 1960 ein, der sich auch ins kollektive Gedächtnis der Genues:innen eingebrannt hat. Damals brachte die Wut über einen anstehenden Kongress der neofaschistischen Partei MSI die ganze Stadt auf die Strasse: Gewerkschafter und Kommunistinnen, Studentinnen, Hafenarbeiter und ehemalige Mitglieder der Resistenza. Insgesamt 100 000 Menschen, denen es nach langen Strassenschlachten schliesslich gelang, die schwer bewaffnete Staatsgewalt zurückzudrängen.

Vor dem Restaurant wird Rotwein in die Gläser gegossen und eine grosse Papiertüte voller Focaccia herumgereicht – das Fladenbrot, eine Genueser Spezialität, darf bei keiner Calp-Aktion fehlen. Anschliessend wartet ein ausgiebiges Mittagessen auf die Truppe: Vitello tonnato und Selleriesalat mit Trüffelsauce, frittierte Pilze und Gorgonzolagnocchi. Dazwischen Prosecco und Wein, später Grappa. Die Stimmung an der langen Festtafel in der Mitte des holzgetäfelten Saals ist ausgelassen. Ricardo Rudino, den alle bloss «Il Vecchio» (Der Alte) nennen, präsentiert stolz Videos vergangener Aktionen, in denen oft Feuerwerk und Pyros eine Rolle spielen. Die Freude am Zündeln ist ihm deutlich anzusehen.

Die Calp-Leute zelebrieren Treffpunkte wie das Lokal in den Bergen oder Tafelrunden wie die heutige auch als politische Praxis: Klassenkampf und ein gutes Leben gehören für sie zusammen. «Wir sind zuerst Freunde und dann Kameraden oder Arbeiter», erklärt Rudino, so etwas wie die moralische Instanz der Gruppe, ihren Zusammenhalt.

Die Letzten in der Kette

Rosario, der im Hafen als Kranfahrer arbeitet, zeigt in einer Zigarettenpause das Foto eines Containers auf seinem Handy. Dieser sei abgestürzt und hätte dabei fast einen Kollegen erwischt. «Das Sicherheitsprotokoll wird oft nicht eingehalten», beklagt er. 2009 war ein Arbeiter ums Leben gekommen, was bei vielen im Hafen wütende Proteste hervorrief – und schliesslich zu neuen Schutzregeln führte. Weil heute alles immer schneller gehen müsse, sei die Sicherheit aber weiterhin oft nicht gewährleistet. Wo ein Schiff früher in sechs Stunden beladen wurde, müssten heute vier reichen. Entsprechend gebe es viele Unfälle und Verletzungen, sagt Mauri. «Jeden Tag weisst du, dass etwas passieren, du sogar sterben kannst: eine konstante Gefahr.»

Neben den Kämpfen, die das Calp als Teil des Basisgewerkschaftsbundes USB führt, hat sich das Kollektiv auch einem anderen Ziel verschrieben: dem Bestreiken von Schiffen, die Waffen oder militärisches Gerät in Kriegsgebiete transportieren. Damit sind sie Teil einer Bewegung, die in den letzten Jahren immer mehr Häfen auf der Welt erfasst hat.

Die «Bibi Bar» ist kaum mehr als ein einfacher, blau-gelb gestrichener Container zwischen mehrstöckigen Kreuzfahrtschiffen und Hafenkränen und so etwas wie die eigentliche Schaltzentrale des Collettivo. Am Tag nach dem Streik sitzt José Nivoi auf einem der weissen Plastikstühle und erzählt davon, wie er und seine Kollegen der mächtigen Waffenindustrie die Stirn bieten. Seine zwei Handys vibrieren ununterbrochen, ständig kommt jemand Bekanntes vorbei, die Sonnenbrille setzt er auch jetzt nie ab. Vor ein paar Jahren hätten sie realisiert, dass Genua dem internationalen Waffenhandel als Umschlagplatz diene. «Wir begriffen, dass die Waren, die den Hafen passieren, Teil eines grösseren Systems sind: Es reicht von den Universitäten über die Industrie bis zum Transport übers Meer.»

Der Hafen sei in dieser Kette der letzte Punkt, an dem die Lieferungen noch gestoppt werden können. «Es kann ja nicht sein, dass wir unsere Häfen für Waffenexporte öffnen und sie dann für jene schliessen, die später vor den Folgen dieser Waffen fliehen», empört sich Nivoi. «Schliesst die Häfen für Waffen und öffnet sie für Geflüchtete»: Getreu ihrem Motto hat sich die Gruppe mit Seenotrettungscrews wie der Sea-Watch zu einem Netzwerk zusammengeschlossen. «Ich will kein Blut an meinen Händen, es ist auch eine ethische Frage», fasst der Aktivist zusammen.

Ricardo Rudino, der «Alte», meint: «Du bist entweder dafür oder dagegen, es gibt keinen Mittelweg.» Er sieht in diesem Engagement auch einen Arbeitskampf. «Die Arbeiter müssen kontrollieren können, was sie verladen», sagt der 57-Jährige und klopft zur Betonung der Aussage mit der Serviettenbox heftig auf den Tisch. Schliesslich gehe es auch um die Sicherheit: In Genua reichen die Häuser nah an den Hafen heran; wenn eine Ladung explodiert, liegt die halbe Stadt in Schutt und Asche. «Zwischen der Stadt und dem Hafen gibt es historisch enge Verbindungen, Arbeiter wie Bürger müssen wissen, ob Kartoffeln oder Waffen den Hafen passieren.»

Im maritimen Kosmos

Auch die Biografien der Calp-Leute sind eng mit dem maritimen Kosmos verknüpft. Nivoi, der aus einer kommunistischen Arbeiter:innenfamilie stammt, fing mit 21 Jahren an, im Hafen zu arbeiten. Nach der Trennung seiner Eltern hatte der Vater ihn immer wieder auf Treffen seiner Gewerkschaft mitgenommen, was ihn für das Thema sensibilisiert hat. Ricardo Rudino wiederum ist seit siebzehn Jahren im Hafen beschäftigt, zurzeit als Einweiser am Fährenterminal.

Ein Symbol dieser Verflechtungen ist auch die Compagnia Unica Lavoratori Merci Varie (CULMV), ein relativ einzigartiges Gebilde, das sich wohl am ehesten als eine Mischung aus Selbstverwaltung, Gewerkschaft und Zunft beschreiben lässt. Der Genfer Regisseur Alain Tanner hat der Compagnia mit seinem Film «Les Hommes du port» einst ein Denkmal gesetzt. Mitte des 14. Jahrhunderts, als die Seerepublik Genua florierte, gründeten die «camalli» (Lastenträger) genannten Arbeiter, die für das Be- und Entladen der Schiffe zuständig waren, die Compagnia de Caravana, die Jahrhunderte Bestand haben sollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging daraus die CULMV hervor.

Damals wie heute wird die Mitgliedschaft von Vater zu Sohn übertragen – und die kämpferische Tradition so konserviert. Bis zur Teilprivatisierung des Hafens war die Compagnia für dessen Betrieb zuständig: Sie beschäftigte die Arbeiter, kümmerte sich aber auch um soziale Anliegen. Eine Art grosse Familie, wie die Protagonisten von Tanners Film zu Protokoll geben: gelebte Solidarität.

Umfasste die einst stolze Arbeitervertretung in den siebziger Jahren noch bis zu 8000 Mitglieder, sind es heute kaum noch 1000, rund die Hälfte aller Hafenarbeiter. War sie früher das einzige auf dem Gelände vertretene Unternehmen, teilen sich heute über ein Dutzend Firmen die Arbeit im Hafen auf. Zum Niedergang beigetragen hat nicht zuletzt das «Gesetz Nr. 84» aus dem Jahr 1994 – eine Privatisierungsoffensive, die den flächenmässig grössten Hafen des Landes völlig umkrempelte. «Früher hatten die Padroni noch eine Beziehung zu ihren Arbeitern, bei Streitigkeiten kamen sie persönlich an die Docks. Das war zwar paternalistisch, aber dennoch menschlich. Heute wissen die Leute gar nicht mehr, wer ihr Chef ist», meint Rudino.

Früher wie heute war der maritime Kosmos auch eine sehr männlich geprägte Welt: Noch immer arbeiten nur wenige Frauen im Hafen, was sich auch in der Struktur der Compagnia spiegelt. Entsprechend hat auch das Calp keine weiblichen Mitglieder.

Die erste erfolgreiche Blockade von Waffenlieferungen findet im Mai 2019 statt – und katapultiert das kleine autonome Kollektiv schlagartig ins Rampenlicht. In jenen Tagen ist ein Schiff der staatlichen saudi-arabischen Firma Bahri nach Genua unterwegs, wo es Stromgeneratoren laden und von dort in den Nahen Osten bringen soll. Die «Bahri Yanbu» hatte in Belgien bereits Munition aufgenommen. Nach einer Recherche des französischen Investigativkollektivs Disclose verhinderten NGOs und Hafenarbeiter in Le Havre einen weiteren Waffendeal. Ähnlich ergeht es dem Schiff dann auch in Genua. «Wir kontaktierten die Hafenbehörde, die uns mitteilte, die Generatoren seien für zivile Zwecke gedacht», erzählt Nivoi, «aber der Stempel auf den Containern bewies, dass es sich um militärische Güter handelte.»

Die Aktivisten vermuten, dass die Generatoren der italienischen Firma Tecnel für Drohnen gedacht sind und im Jemenkrieg zum Einsatz kommen sollen, in dem Saudi-Arabien Partei ist – und mobilisieren zum Streik. Sie berufen sich auf die Verfassung, die festschreibt, dass Italien «den Krieg ablehnt». Und auf ein Gesetz, das Waffenhandel mit Ländern verbietet, die sich im Krieg befinden.

Gemeinsam blockieren Vertreter von CGIL und USB die Schiffsladung, bis die «Bahri Yanbu» unverrichteter Dinge abziehen muss. «Wir haben die Leute dazu gebracht, über den Krieg im Jemen zu sprechen und über westliche Waffenexporte in Konfliktgebiete», erinnert sich Nivoi. Einige Tage später boykottieren Gewerkschafter in Marseille die Ladung eines Schiffs, das ebenfalls nach Saudi-Arabien unterwegs ist. Ähnliche Aktionen finden immer wieder statt: von Spanien bis zur Westküste der USA. Inzwischen arbeitet das Calp mit dem Recherchezentrum Weapon Watch zusammen, das den Arbeitern Hinweise auf geplante Deals liefert.

Erfolgreich sind die Blockaden dabei nicht immer. Als die Gruppe die Beladung eines türkischen Schiffes verhindern will, macht der CGIL nicht mit. Aus Wut darüber kehrt Ricardo Rudino der Gewerkschaft nach Jahren den Rücken: «Die Waffen sollten doch nach Nordsyrien gehen und damit an dschihadistische Gruppen.»

Mittlerweile ist ein internationales Netzwerk entstanden, das Informationen austauscht – und die Waffenlieferungen in Konfliktgebiete immer wieder kritisiert. In Hamburg etwa sammelt ein Bündnis zurzeit Unterschriften für eine Volksinitiative, die Rüstungsgüter aus dem Hafen verbannen will.

Die Männer von Calp sehen ihre Streiks derweil auch in einer historischen Tradition. «Von unseren Vätern haben wir den Internationalismus geerbt», meint Nivoi. Der Hafen von Genua sei schon immer «Zentrum praktischer Solidarität» gewesen – ob im Vietnamkrieg oder bei der Blockade einer Lieferung an die chilenische Pinochet-Diktatur.

Die Soziologin Katy Fox-Hodess forscht an der Universität Sheffield zu internationaler Solidarität zwischen Hafenarbeitergewerkschaften. Die Praxis des «Schiffe verfolgen» reiche weit zurück, sagt sie im Videocall. «Vor über hundert Jahren weigerten sich Hafenarbeiter in England, Waffen zu verschiffen, die für den Bürgerkrieg in der Sowjetunion gedacht waren.» In den dreissiger Jahren hätten sich Arbeiter gegen Lieferungen nach Japan und ins faschistische Italien gewehrt, später gegen niederländische und französische Waffen für Indochina.

Unterstützung vom Papst

Die Blockaden stehen für die potenziell grosse Macht, die Angestellten der Logistikbranche dank ihrer strukturellen Stellung an den Scharnieren des Just-in-time-Kapitalismus zukommen kann: Wenn sie streiken, geraten die globalen Lieferketten rasch ins Stocken. Auch der italienische Soziologe Sergio Bologna, einst Mitglied der linksradikalen Gruppe Potere Operaio, hatte vor einigen Jahren in einem Aufsatz auf dieses Potenzial hingewiesen: «Die Stärke liegt in der Fragilität der Lieferkette.» Entscheidend sei, dass die Hafenarbeiter sich mit linken Akteuren und sozialen Bewegungen verbänden, sagt wiederum Soziologin Fox-Hodess. Nur so könne diese Macht auch reell ausgeübt werden. Ebenso wichtig sei es, sich über den eigenen Hafen hinaus zu vernetzen.

In der «Bibi Bar» ist es Nachmittag geworden. Nivoi gibt die Episode von seinem Besuch beim Heiligen Stuhl zum Besten. «Mehr aus Spass» habe die Gruppe dem Pontifex einen Brief mit der Bitte um eine Audienz geschrieben. Zehn Tage später rief dessen Vertrauter tatsächlich an – und lud sie ein. Die politische Polizei habe den Vatikan vor dem Calp gewarnt, doch Franziskus habe sich davon nicht beeindrucken lassen.

Kurz darauf durfte Nivoi dem Papst die Hand schütteln und ihm ein Calp-T-Shirt überreichen. «Was für eine Ironie, dass gerade er uns unterstützt, dabei gehört die katholische Kirche nicht gerade zu den von uns geliebten Institutionen», sagt er. Franziskus aber habe als einer der wenigen die Verbindung zwischen Waffenhandel und Fluchtbewegungen verstanden.

Unterstützung durch den Papst kann das Kollektiv gerade gut gebrauchen. Dem italienischen Staat ist seine praktische Solidarität schon lange ein Dorn im Auge. Im Februar durchsuchte die Polizei Wohnungen und Treffpunkte, nahm Handys und Dokumente mit – und leitete für die Blockade der «Bahri Yanbu» Ermittlungen wegen der «Bildung einer kriminellen Vereinigung» ein. Bei einer Verurteilung drohen den Aktivisten mehrjährige Haftstrafen.

«Das Absurde ist: Sie klagen uns an, weil wir auf die Einhaltung der Gesetze pochen», findet Nivoi. Angst habe er aber nicht. Viel Zeit, über das Verfahren nachzudenken, das voraussichtlich nächstes Jahr stattfindet, hat er ohnehin nicht. Im Dezember stehen einige der Männer wegen Zusammenstössen mit Polizei und Neonazis vor Gericht. Und auch die Streiks gegen den «Green Pass» beschäftigen die Gruppe weiterhin. Immerhin haben sie erreicht, dass die Unternehmen im Hafen ihren Arbeitern die Coronatests zahlen müssen. Zudem planen Rudino, Nivoi und die anderen zurzeit zusammen mit französischen und griechischen Hafenarbeitern einen internationalen Streiktag, gerade waren sie bei Kollegen in der Nähe von Marseille. Ein paar Wochen nach dem Besuch in Genua schickt Nivoi eine gut gelaunte Kurznachricht: «Ich glaube, die Situation ist gerade wirklich gut.»

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