Nr. 04/2005 vom 27.01.2005

Sollte der Liter Benzin fünf Franken kosten?

Interview: Susan Boos

WOZ: Philippe Roch, der scheidende Chef des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal), sagt, er wolle künftig «sein spirituelles Verhältnis zur Natur vertiefen». Sie sind als Programmleiter von EnergieSchweiz das ökologische Gewissen des Bundesamtes für Energie. Wie ist Ihr Verhältnis zur Natur?
Michael Kaufmann: Die Natur ist für mich wichtig. Sie ist eigenständig und ein Ort, wo ich mich erhole.

Man wird Sie also nicht unter Apfelbäumen meditieren sehen?
Nein, eher nicht (lacht). Ich geniesse die Natur – aber ehrlich gesagt, ist für mich Architektur, Stadt, Kultur mindestens so inspirierend wie die Natur.

Und wie halten Sie es mit der Spiritualität? Sind Sie aus der Kirche ausgetreten?
Nein, ich bin immer noch Mitglied der protestantischen Kirche und stifte sogar manchmal Kerzen in schönen Kirchen. Ich glaube aber eher an Menschlichkeit, an ein besseres Diesseits, an Humanismus im philosophischen Sinn. Mit religiösen Institutionen kann ich nichts anfangen.

Was war Ihre grösste Niederlage?
Dass es mit der Berner Wochenzeitung «Hauptstadt» nicht geklappt hat. Das war eine persönliche Niederlage, weil ich an eine fortschrittliche Zeitung glaubte. Aber gravierender war die Erkenntnis, dass es in der Medienwelt keinen Platz für eine solche Zeitung gibt.

Was hätte anders laufen müssen?
Solche Projekte haben heute kaum eine Chance. Postmoderne Beliebigkeit ist gefragt. Die NZZ ist noch die einzige Zeitung, die eine klare Haltung hat. Da fühlt man sich herausgefordert und ernst genommen, gerade auch, weil man oft nicht einverstanden ist.

Und die WOZ?
Sicher, die WOZ ist das linke Gegenstück dazu. Was mir aber fehlt, ist eine unabhängige linke Tageszeitung wie die französische «Libération».

Was soll in Ihrem neuen Amt Ihr grösster Erfolg werden?
Ich brauche keinen persönlichen Erfolg. Entscheidend ist, dass ich einen guten Job mache. Ich bin Programmleiter von EnergieSchweiz ... aber letztlich sehe ich das als Teamarbeit. Gemeinsam müssen wir viel für die erneuerbaren Energien und die Energieeffizienz rausholen.

Was Sie tun, ist doch aber Kosmetik. Noch nie war der Energiekonsum in der Schweiz so hoch wie 2003.
Der Fortschritt, den wir mit EnergieSchweiz erzielen, wird durch den Mehrkonsum weggefressen. Die Fahrzeuge erbringen zum Beispiel bei geringerem Energie-Input eine grössere Leistung als früher. Gleichzeitig nimmt das Gewicht der Autos zu, wodurch der Benzinverbrauch wieder steigt. Aber der Faktor 4, den Ernst-Ulrich von Weizsäcker propagiert ...

... die so genannte Effizienzrevolution, wodurch mit Energie sparender Technik der Wohlstand bei halbem Energieverbrauch verdoppelt werden könnte ...
... das ist für mich immer noch ein Zukunftskonzept. Den Leuten muss bewusst werden: Wenn wir den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien nicht rechtzeitig schaffen, können wir den heutigen Lebensstandard nicht halten. Wir müssen jetzt handeln, denn was wir heute in Gebäude oder Kraftwerke investieren, entscheidet, wie unsere Energiesituation in dreissig Jahren aussieht.

Von wegen neue Kraftwerke: Der Ruf nach neuen AKW wird laut. Sie waren AKW-Gegner, wie stehen Sie heute zur Atomkraft?
Ich teile die Position meines obersten Chefs, Bundesrat Moritz Leuenbergers: Die Option AKW ist offen, der Atomausstieg wie das Moratorium wurden 2003 vom Volk abgelehnt. Im Moment lässt sich aber politisch ein neues AKW nicht realisieren, vor allem nicht, solange die Entsorgungsfrage nicht gelöst ist. Die Aufgabe von EnergieSchweiz ist es deshalb, realistische Alternativen vorzubereiten ... Biomasse, Windenergie oder Holzkraftwerke sind im Kommen. Auch die tiefe Geothermie birgt ein enormes Potenzial: In 20 bis 25 Jahren könnte sie die Schweizer AKW ersetzen.

Teuerungsbereinigt würde der Liter Benzin – verglichen mit den 1950er Jahren – fünf Franken kosten. Davon redet niemand mehr.
Doch, der Treibstoffpreis muss ein Thema sein.

Der Liter Benzin sollte also fünf Franken kosten?
Wir reden nicht vom grossen Sprung. Aber die motorisierte Mobilität ist tatsächlich viel billiger geworden, ohne Lenkungsabgabe schaffen wir keine Anreize zur Reduktion. Doch wenn der Liter nur schon fünfzehn bis dreissig Rappen mehr kostete – wie die CO2-Abgabe dies vorsieht –, brächte das viel. Wir müssen heute das tun, was machbar ist.

Michael Kaufmann ist Vizedirektor des Bundesamtes für Energie und Programmleiter von EnergieSchweiz. Er war SP-Grossrat und Inlandredaktor bei der SP-Zeitung «Tagwacht» und Projektleiter und Geschäftsleitungsmitglied des Ökologie- und Planungsbüros Naturaqua PBK.

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