Nr. 04/2005 vom 27.01.2005

Wir haben alle eine Wunde

Interview: Armin Köhli

WOZ: Sie wollten - als in der Schweiz lebender irakischer Schriftsteller - für die irakische Nationalversammlung kandidieren.

Ali al-Shalah: Ich wollte auf einer Liste von Kulturschaffenden antreten. Unsere Idee war, dass die Kulturschaffenden und die Akademiker im Irak ihre Rolle spielen sollen. In der Zeit von Saddam Hussein haben Analphabeten das Land besetzt. Jetzt soll sich der Irak öffnen. Mit den traditionellen Führern aus den grossen Familien und Dörfern würde sich das Land rückwärts orientieren.

Wir haben unsere Chancen genau diskutiert. 28 Personen wollten auf dieser Liste kandidieren. Künstler, Schriftsteller, Theaterleute, alles. Dann haben wir gemerkt, dass es in dieser Zeit nicht einfach ist, den Wahlkampf zu organisieren.

Diese Liste von Kulturschaffenden und Akademikern gibt es jetzt nicht?

Nein. Ich persönlich hatte noch eine andere Möglichkeit. Ich hätte auch auf der grössten schiitischen Liste antreten können, auf der auch Islamisten kandidieren. Denn ich stamme aus einer grossen schiitischen Familie. Und man kennt mich auch als Schriftsteller. Doch nur für elf Monate wollte ich das nicht tun.

Die Amtszeit der Nationalversammlung dauert ja nur elf Monate, danach soll es eine richtige Parlamentswahl geben. An sich ist das Vorgehen richtig: Ein Akademiker oder ein Kulturschaffender - egal wer - soll einen vorderen Platz auf einer der grossen Listen einnehmen und dadurch sicher gewählt werden. Das ist besser, als dass wir, eine kleine Gruppe, eine eigene Liste machen und die für uns abgegebenen Stimmen nutzlos sind, weil keiner gewählt wird. Jetzt sind zwei Akademiker auf der grossen schiitischen Liste 169 untergekommen, auf sicheren Plätzen. Diese Liste wird die Wahl gewinnen. Da können wir unsere Stimme direkt einbringen. Dann sind wir nicht eine kleine Minderheit im Parlament, auf die niemand hört.

Leben diese beiden Kandidaten im Irak oder im Exil?

Im Irak. Von den 28, die ursprünglich kandidieren wollten, leben ausser mir noch andere nicht im Irak. Die Übrigen sind in Bagdad.

Wir organisieren jetzt eine Liste für die nächste Wahl. Wir wollen grösser werden, mit mehr als hundert Kandidaten und Kandidatinnen.

Werden Sie bei der nächsten Wahl antreten?

Ja, sicher. Ich weiss noch nicht, wie das gehen wird, falls ich gewählt werde. Ob ich zurückgehe oder nicht. Das Wichtigste ist die Liste, nicht meine persönliche Kandidatur. Wenn zehn, zwölf von uns gewählt würden, wäre sowieso alles anders. Wir müssten als Gruppe arbeiten und brauchten zum Beispiel ein Büro in Bagdad. Wenn nur zwei oder drei gewählt werden, müssen sie mit denen zusammenarbeiten, die uns nahe stehen.

Ist die Wahl vom 30. Januar ein richtiger Schritt? Oder verstärkt sie nur die Spaltungen zwischen den Volksgruppen?

Diese Wahl entscheidet, ob der Irak ein Staat bleibt oder nicht. Viele Leute sagen, wir müssen ja nicht unbedingt zusammenbleiben. Nicht nur die Kurden sagen das. Auch Schiiten in den drei reichen Städten im Süden sagen das.

Es ist wichtig, dass möglichst viele Leute wählen gehen. Es geht um die Zukunft des Iraks. In Bagdad zum Beispiel gibt es Aufrufe zum Wahlboykott, weil eine kleine radikale Gruppe von Sunniten glaubt, sie müssten besser als Christen oder Schiiten, also als die Andersgläubigen, behandelt werden. Wenn sich diese Ideen durchsetzen, können wir den Irak vergessen.

Die Frage ist nicht Sunniten oder Schiiten. Die Frage ist: Vergangenheit oder Zukunft. Gerade wir Kulturschaffenden sollten nicht die Vorurteile und die Vorwürfe der Leute auf der Strasse wiederholen. Wir haben alle eine Wunde. Wir sehen, wie das Blut aus der Wunde fliesst. Aber wir sollten nicht immer nur auf das Blut starren, wir sollten die Wunde heilen.

Was bedeutet die Wahl für Sie persönlich?

Sie zeigt einen Weg, wie wir unser Leben zusammen organisieren können. Als Iraker. Und wie wir einander akzeptieren können - nicht durch Waffen, sondern durch die Wahl. Das ist eine neue Kultur für den Irak.

Die Wahl bedeutet nicht nur den Entscheid, wer Präsident wird, sondern welches System wir haben werden. Wie funktioniert diese Gesellschaft? Heute gibt es keine Fotos des Präsidenten mehr in den Strassen. Unter Saddam waren zwanzig an jeder Ecke. Die Leute müssen lernen, dass der Präsident wechseln kann, aber das Land bleibt.

Sie können hier in der Schweiz nicht wählen?

Nein. Die meisten Iraker und Irakerinnen hier gehen nach Deutschland, mit dem Bus nach Mannheim. Dort gibt es ein Wahlzentrum. Ich selber gehe nach Damaskus in Syrien. Das ist nahe von Bagdad, da kommen und gehen die Leute, da gibt es alle Informationen. Da treffe ich auch Freunde.

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