Nr. 12/2005 vom 24.03.2005

Arbeitgeberin SBB?

Interview: Sina Bühler

Sie sind freischaffend. Warum?
Es gibt nur sehr wenige Stellen als Förster. Ausserdem möchte ich ungern in die Mühle kommen, in welcher Förster oft sind. Sie haben extrem viele Vorgesetzte: Der Kanton, die Gemeinde, Naturschutz, Jäger und Waldbesitzer – alle wollen mitreden. Man braucht sehr viel soziales Gefühl, um die unterschiedlichen Forderungen zu vereinen.

Und das haben Sie nicht?
Ach, mir reicht es dann manchmal, ich bin nicht immer diplomatisch.

Welche Aufgaben übernehmen Sie denn?
Eigentlich solche, die vom Staat vernachlässigt werden. Aber momentan muss ich mir die Kontakte im Kanton Zürich erst aufbauen, bisher war ich in Bern tätig. Danach finde ich vielleicht Aufgaben in der Privatbeförsterung. Statt dass Gemeinden einen eigenen Förster haben – weil sie zu wenig Wald haben, als dass sich das lohnen würde –, bekommt ein Privatunternehmer ein Mandat.

Eine Auslagerung also.
Genau. Es gibt aber auch Förster, die arbeiten beim Naturschutz. Und freischaffende Förster helfen beim Forstinventar. Alle zehn Jahre werden Stichproben gemacht, um zu sehen, wie ein Wald gewachsen ist. Für die SBB beispielsweise, das ist eine grosse Arbeitgeberin.

Die Bahn?
Ja, sie besitzt sehr viel Wald, den Eisenbahnlinien entlang, das ist dort extrem wichtig. Zur Lärmdämpfung und um vor Lawinen und Steinschlag zu schützen.

Und Stadtbäume fällen?
Damit verdiene ich am ehesten noch Geld. Ich komme zum Einsatz, wenn ein Baum in einem Garten nicht einfach mit dem Kran gehoben und abgeschnitten werden kann. Dann klettere ich rauf und mache das.

In diesem Zürcher Garten sind die Bäume über hundertjährig. Ist das typisch?
Das sieht man in besseren Vierteln oft. Oder in ehemals besseren Vierteln. Das ist Ausdruck der Vorliebe für englische Gärten, der Verherrlichung der Natur. Heute stimmt das nicht mehr, weil man dem Ideal nicht mehr nachhängt. Es sollte grosse und kleine Bäume haben, Büsche, die in allen Jahreszeiten blühen. In diesem Garten sind die grossen Eiben sehr dominant.

Der Totenbaum.
Ja, es heisst, wer unter einer Eibe einschlafe, wache nicht mehr auf. Sie wird heute noch oft auf Friedhöfen gepflanzt. Sie ist extrem giftig und wurde früher als Waffenholz verwertet. Es ist ein dunkler Baum, und die Eibenwälder waren zwielichtig. Sie galten als Orte des Übergangs, die den Kelten sehr wichtig waren. Sie dachten, es sei die Grenze zwischen dem Götterreich und dem Menschenreich. Das wurde auch immer wieder auf Bäume übertragen. Die Eibe ist prädestiniert dafür und wird sehr alt.

Aber die heutigen Friedhöfe sind kaum keltischen Ursprungs.
Bäume spielen in fast jeder religiösen Vorstellung eine Rolle. Die Religionen haben gewechselt, und es wurden einfach neue Vorstellungen in die bestehenden Bäume projiziert. Es war eigentlich wurst, ob es Kelten oder Christen waren, die Bäume haben die Leute magisch angezogen. Es gibt viele alte Kultplätze bei Bäumen. Unter Linden beispielsweise, die bis 1910 als Gerichtsplatz genutzt wurden.

Damit man die Leute daran aufhängen konnte?
Das gabs auch. Aber die Linde ist der Baum, der bei den Germanen Freya zugeteilt wurde. Sie war unter anderem die Schutzpatronin des Rechts. Und bei der Christianisierung war es schwierig, auf die alten Götter zu verzichten. Man baute also Kirchen auf die Kultplätze, oder man teilte oft einfach Bäume neuen Heiligen zu. Zum Beispiel bekam die heilige Brigitte oder Birgit – als Nachfolgerin der germanischen Berga – die Birke.

Und wir haben heute noch Tannenbäumchen.
Viele Bräuche sind erhalten geblieben. Das Osterbäumchen und der Maibaum beispielsweise. Maibräuche, die es heute noch gibt: Die jungen Männer stellen ihrer Angebeteten über Nacht eine bis zu fünf Meter hohe Fichte auf. Und wenn sie herausfindet, wer es war, dann gehen sie miteinander zum Znacht. In der Försterschule hatte ich ein paar Kollegen aus dem Emmental, die das noch gemacht haben. Oder die Pfingstbräuche im Aargauischen: Männer verkleiden sich als Monster und wickeln sich mit Ästen ein. Das hat sich alles über Jahrtausende gehalten.

Daniel Marti, 32, arbeitet als selbständiger Förster. Mit Stadtbäumen und 
-gärten hat er nicht viel zu tun, er sieht lieber einen ganzen Wald als lauter Bäume.

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