Nr. 13/2005 vom 31.03.2005

Wie hilft der Wald?

Interview: Sina Bühler und 
Bettina Dyttrich

Warum ist Waldpädagogik so im Trend?
Es kommt mir ein bisschen so vor, als ob die Eltern den Kindern im Vorschulalter Natur einimpfen wollten. Sozusagen als Gegengewicht zur normalen Schule, die immer mehr Gewicht auf intellektuelle Fähigkeiten legt.

Ältere Schüler und Lehrlinge schickt man dann zum Arbeiten in den Bergwald ...
Ja. Dabei stehen aber mehr die gemeinsame Arbeit, das gemeinschaftliche Leben in einfachen Verhältnissen sowie die Umweltbildung im Vordergrund. Wer einen Lawinenschutzwald über einem Bergdorf pflegt, begreift, warum eine intakte Umwelt wichtig ist. Mode ist auch, Manager- und Teamschulungen in den Wald zu verlegen. Ich bezweifle jedoch, dass es dort um den Wald geht. Wichtig ist wahrscheinlich die fremde und ungewohnte Umgebung.

Was kann der Wald Kindern beibringen?
Ich glaube nicht, dass der Wald Kindern etwas beibringt. Kinder bringen sich alles selber bei, brauchen aber eine anregende Umgebung. Im Wald gibt es viel zu sehen, fühlen, hören, riechen. Der Bewegungsapparat und das Gleichgewichtsgefühl werden gefordert. Alles wichtige Dinge, um sich selber spüren zu können. Ich bin überzeugt, dass Kinder, die früh alle ihre Sinne brauchen, aufnahmefähiger und aufmerksamer sind.

Arbeiten Sie selber auch im Bereich Waldpädagogik?
Ich biete Waldführungen zu verschiedenen Themen an, zum Beispiel zu Tierspuren oder essbaren Wildpflanzen. Sie sind aber eher für Erwachsene geeignet, weil sie vor allem Wissen vermitteln. Mein persönlicher Zugang zur Waldpädagogik kommt davon, dass ich viel Zeit mit dem Sohn meiner Freundin im Wald verbringe. Ich könnte mir vorstellen, mehr zu diesem Thema zu tun. Bisher habe ich einmal für das Projekt Kerbholz einen Tag gestaltet.

Kerbholz?
Im Kanton Bern können Kinder, die in der Schule dauernd stören, bis zu drei Monate aus der Schule ausgeschlossen werden. Kerbholz ist eine Waldschule, die solche Kinder aufnimmt. Die Kinder sind in Begleitung von Sozialpädagoginnen und -pädagogen jeden Tag im Wald. Sie müssen sich ihre Unterkünfte selber bauen, kochen gemeinsam, führen ein Tagebuch. Sie beschäftigen sich stark mit ihrem sozialen Verhalten.

Wie kann der Wald schwierigen Kindern und Jugendlichen helfen?
Ich denke, für die schwierigen Kinder ist es gut, dass der Wald sie nicht mit versteckten Botschaften von Werbestrategen bombardiert. Bäume haben kein Interesse daran, Kinder an ein markenbewusstes Verhalten zu gewöhnen. Im Wald sind Kinder auch keine zukünftigen Arbeitskräfte, die gewisse Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt mitbringen müssen. Der Wald gibt den Kindern vor allem Zeit, sich mit sich selbst zu konfrontieren: Soll ich mir im Regen eine eigene Hütte bauen? Soll ich sie mit anderen Kindern zusammen bauen, oder soll ich ein schwächeres Kind aus seiner Hütte vertreiben? Was sind die Folgen davon? Wenn es kalt ist, nützt es nichts, beleidigt rumzusitzen und böse zu sein, weil niemand ein Feuer angezündet hat. Aber man kann selber ein Feuer anzünden.

Was hat der Wald Ihnen selber beigebracht?
Er hat mir gezeigt, dass alles zusammenhängt. Ich, meine Umwelt, die Natur, die Gesellschaft mit ihrer Politik und Wirtschaft. Ich habe auch gelernt zu beobachten. Wer mit dem Wald nachhaltig arbeiten möchte, muss ihn möglichst gut verstehen. Das lernt man nicht in Lehrbüchern.

Sind Sie als Kind auch oft in den Wald gegangen?
Zuerst kam ich auf Sonntagsspaziergängen in den Wald. Ich glaube, ich mochte diese Spaziergänge gar nicht. Als ich etwa zehn war, suchte ich nach Enttäuschungen Trost im Wald. Ich versteckte mich alleine im Dickicht oder hinter dicken Bäumen. Ich fühlte mich geborgen im Wald. Manchmal verfolgte ich heimlich Spaziergänger ...

Warum denn das?
Ich fühlte mich als Beschützer meines Waldes und wollte sichergehen, dass ihn niemand verletzt. Seither bin ich mit dem Wald emotional sehr stark verbunden. Eine Woche ohne Waldbesuch, und ich fühle mich unwohl.

Hätten Sie selber gerne den Waldkindergarten besucht?
Ja, ich bin sicher, ich hätte mich im Waldkindergarten wohl gefühlt. Ich war als Kind eine etwas seltsame Mischung aus Zappelphilipp und Träumer. Ich hätte bestimmt viel profitieren können.

Daniel Marti, 32, ist freischaffender Förster. Ihn interessiert weniger der einzelne Baum als der Wald als Kollektiv.

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