Durch den Monat mit Daniel Marti (Teil 3) : Im Wald überleben?

Nr.  11 –

Am kommenden Montag ist der «Tag des Waldes». Wie wird gefeiert?
In der Deutschschweiz anscheinend gar nicht. Nur in der Westschweiz gibt es eine Rally durch den Lausanner Stadtwald – dort wurde der Waldtag mit dem Sportjahr kombiniert. Es gibt halt etwas gar viele «Tag des ...».

Was erhofft man sich denn davon?
Sensibilisierung. In den siebziger Jahren hat man damit begonnen. Und das Interesse schlief nach einigen Jahren wieder ein. Dann fand in den Achtzigern ein Revival statt, als es dem Wald ganz, ganz mies ging. Heute ist der Anlass anscheinend wieder vergessen.

Diese riesige Eiche im Wald bei Dielsdorf überlebt seit langem.
Sie ist die grösste, die ich kenne, und schätzungsweise 400-jährig. Der ganze Baum hat zirka vierzig Kubikmeter. Ein relativ grosser Baum hat normalerweise nur fünf Kubikmeter. Diese Eiche ist ein Naturdenkmal und steht unter Heimatschutz.

Sie steht ganz frei.
Ja, die Stelle wirkt wie ein Kultplatz. Vor etwa zehn Jahren kamen ein paar lustige Vögel auf die Idee, sie könnten die zwanzig Bäume darum «ringeln». Dazu haben sie von der Rinde rundherum ein Stück abgehauen, und die Bäume sind gestorben.

Wer war das?
Man weiss es nicht. Vielleicht irgendwelche «Neodruiden». Gesund ist es aber nicht, denn die Eiche hat sich ja während 400 Jahren an das Verhältnis mit den umliegenden Bäumen gewohnt. Seither besteht die Gefahr, dass der Baum einfach umkippt.

Gibt es eigentlich Menschen, die in den Schweizer Wäldern leben?
Ja, immer wieder. Es gibt keine eigentliche Handhabe, um das zu regeln, aber sie werden meistens vertrieben.

Könnte man im Wald einfach so überleben?
Eher nicht, weil uns das Wissen fehlt. Und ausserdem lebten wir schon in der Steinzeit nicht nur vom Wald, sondern auch vom Handel. Im dichten Wald fühlen sich die Leute übrigens gar nicht wohl, ist mir aufgefallen. Das hat wohl damit zu tun, dass wir früher eher Steppenbewohner waren; dass wir Licht und Fläche benötigten und die Gefahr von weitem sehen wollten. Die Wälder wurden heller, als im Mittelalter das Jagdrecht der Herrschaften formuliert wurde und man begann, die Wälder zu gestalten. Es brauchte freie Sicht, und in die freigeschlagenen Schneisen trieben dann die Helfer das Wild.

Werden die Wälder heute nur nach wirtschaftlichem Nutzen angelegt?
Aus dieser Eiche kann man keinen Nutzen mehr ziehen. Aber grundsätzlich ist alles gemanagt. Man will Aufwand und Ertrag abschätzen. Nur sind die wenigsten Wälder auch wirklich ertragreich. Mit der Globalisierung der Waldwirtschaft ist der Holzpreis zusammengebrochen.

Warum bewirtschaftet man dann weiter?
Ökologisch ist es immer noch sinnvoll, Rohstoffe zu nutzen, die nah sind. Man versucht, darauf zu reagieren und die Holzerei zu vereinfachen. Einige Exponenten der Forstwirtschaft möchten auch Kahlschläge wieder ermöglichen, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Kahlschläge fördern die Bodenerosion und verschlechtern das lokale Klima. Allerdings macht die Natur selber auch immer wieder Kahlschläge. Lothar, der Sturm, hat das eindrücklich vorgeführt.

Kahlschlag ist das Einzige, was wirtschaftlich funktioniert?
Nein, es gibt auch Dauerwälder, die gleichzeitig alte und junge Bäume haben. Das Holzen darin ist eine Herausforderung. Es kann nicht einfach mechanisiert werden. Und die Holzmenge, die pro Hektar anfällt, ist natürlich pro Eingriff kleiner, die Holzqualität aber meistens höher. Früher wollte man, dass alle Funktionen – Naturschutz, Erholung, Schutz vor Naturgefahren – von der Holzerei geregelt werden. Das funktioniert im Moment nicht mehr, vor allem nicht mit der Konkurrenz aus dem Ausland. Nun wird industrialisiert, das finde ich eine gefährliche Tendenz.

Aber die Schweizer Holzwirtschaft hängt an diesem Rohstoff.
Es gibt ungefähr 7300 Waldarbeiter und nochmals 73 000 Leute in der ganzen Holzwirtschaft. In der Schweiz werden sieben Millionen Kubikmeter Holz verbraucht, fünf Millionen davon werden in der Schweiz geholzt. Wenn man nur das nutzen würde, was nachwächst, könnte man eigentlich den gesamten Bedarf mit einheimischem Holz decken. Und die Grundsätze der Nachhaltigkeit würden das eigentlich auch bedingen. Es wird nicht genügend Holz geschlagen, und der Wald ist deshalb überaltert.

Daniel Marti, 32, ist Förster. Der grösste Baum, den er kennt, ist eine Eiche. Sie steht in einem Wald bei Dielsdorf, gleich neben der Agglomerationsgemeinde Regensdorf, in der er aufgewachsen ist.