Durch den Monat mit Daniel Marti (Teil 2) : Urwald in der Schweiz?

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Sind Sie als freischaffender Förster im Wald daheim?
Nicht nur im Wald. Momentan arbeite ich an «Klimaboden Bern», einem Projekt der lokalen Agenda 21, für deren Umsetzung ich gerade 10 000 Franken gewonnen habe. Ich berate Bodenbesitzer, wie sie mehr CO2 binden können – durch Holzbauten und mehr Vegetation. Dann berechne ich, wie viel CO2 ein Wald auf derselben Fläche binden würde. Für die Differenz unterstützen die Bodenbesitzerinnen und -besitzer ein Wiederbewaldungsprojekt in Afrika.

In afrikanischen Wäldern sind Sie also auch daheim.
Teilweise bin ich für NewTree, eine Schweizer Organisation, in Benin tätig. Dort helfen wir Bäuerinnen und Bauern, erschöpfte Felder zu bewalden. Sie müssen garantieren, dass sie die Fläche vor Buschfeuer – einer verbreiteten Bodenbearbeitungsmethode – schützen. Die Bauern können wählen, welche Bäume sie pflanzen möchten, denn sie können den Wald auch nutzen. Das sind im Moment zur Hälfe Cashew-Nüsse, weil sie das essen und verkaufen können. Dann verkauft NewTree in der Schweiz die zusätzliche CO2-Bindung durch die afrikanischen Bäume.

Ist das ein Emissionshandel, wie ihn die flexiblen Mechanismen des Kioto-Protokolls vorsehen?
Nur ein Anfang. Frühestens 2006 wird NewTree von Kioto zertifiziert. Bis dahin entspricht der Kauf unserer CO2-Zertifikate einer normalen Spende, im Rahmen der freiwilligen CO2-Reduktion. Bestehen wir die Kioto-Prüfung, können wir am internationalen Zertifikatehandel teilnehmen.

Ist das nicht ein heikles Geschäft?
Nicht, wenn er nachhaltige Bewaldungsprojekte betrifft. In Benin beispielsweise bindet der Wald nicht nur CO2, sondern liefert auch Brennholz, schützt vor Erosion und bindet Regenwasser. Aber von Kioto wird diese Nachhaltigkeit zu wenig verlangt. Grosse Projekte, die billig Zertifikate generieren, der örtlichen Bevölkerung aber wenig nutzen, werden so bevorzugt. Zum Beispiel die Methanrückgewinnung beim Kohleabbau.

Dazu kommt, dass die CO2-Quellen in den Industrieländern fröhlich weiter ausstossen.
Ja, die Firmen, die Zertifikate kaufen, haben ihr Reduktionsziel nicht erreicht und erkaufen sich den Rest. Solange CO2-Zertifikate so billig sind, ist das ein Problem.

Wir sind hier im Sihlwald. Wären Sie hier als Förster arbeitslos?
Einiges gäbe es schon zu tun, aber weniger als in anderen Wäldern: Der Sihlwald wird seit etwa zehn Jahren sich selbst überlassen. Dadurch entsteht ein Naturwald.

Und das funktioniert einfach?
Ja, das klappt von allein. Der Sihlwald entwickelt sich prächtig.

Wenn das so ist, warum nimmt man nicht mehr Wälder aus der Nutzfläche?
Weil man den Rohstoff, das Holz, nutzen will. Auch hier im Sihlwald ergab das ursprünglich eine grosse und gehässige Kontroverse.

Nur weil das Holz nicht mehr verkauft werden darf?
Der Sihlwald war seit ewig langer Zeit berühmt für seine Buchen. Diese Buchen waren auch als Saatgut weltweit berühmt, schöne Stämme für schönes Holz. Es wäre auch heute noch gut verkäuflich, aber jetzt darf man nicht mehr. Ausserdem ist der Sihlwald gut mit Strassen erschlossen. Die Holzerei ist demnach kostengünstig.

Weshalb wählt man dann genau diesen Wald?
Es ist ein sehr grosses zusammenhängendes Waldstück, und es war bereits relativ naturnah. Und die Stadt ist nicht weit. Man will, dass die Leute erkennen, wie die Natur aussieht, wenn man sie wenig beeinflusst.

Viel sieht man aber noch nicht.
Deshalb gibt es auch noch ein Infozentrum. Im Wald selbst ist das deshalb schwierig, weil zehn Jahre für einen Wald überhaupt nichts sind. Vielleicht sieht man, dass es viel mehr Unterholz hat als beispielsweise im Üetlibergwald.

Und dann wirds zum Urwald?
Aber erst in 1000 bis 2000 Jahren. In der nahen Zukunft werden zuerst die Buchen hoch oben alles abdecken. Und solange kein grosser Baum umfällt, wächst unten nicht viel mehr als vorher. Etwas Ähnliches macht man, wenn man kleinere Baumgruppen in einem Wald, so genannte Altholzinseln, aus der Nutzung nimmt. Viele Tiere, Vögel und Käfer zum Beispiel, leben lieber im alten Holz als im jungen. Und so erreicht man eine hohe Biodiversität, was vom Naturschutz her gesehen sehr wertvoll ist.

Daniel Marti (32) ist freischaffender Förster ohne eigenen Wald. Mit ein Grund, weshalb er die unterschiedlichsten Wälder besucht: den Sihlwald beispielsweise, einen Naturwald, der nicht mehr genutzt wird.