Nr. 16/2005 vom 21.04.2005

Wenn Mode Sünde ist

Strafe fürs Tragen falscher Klamotten? Das gab es in früheren Zeiten ebenso wie «metrosexuelle» Männer. Ein Rundgang durch Basels Modegeschichte.

Von Corinne Buchser

David Beckham lackiert sich die Nägel, trägt Diamantohrringe und Haarspangen, einen Sarong oder den Slip seiner Frau. Auch Robbie Williams und Brad Pitt zeigen gerne ihre feminine Seite. In den Medien wird ein «neuer» Männertyp zelebriert: der metrosexuelle Mann (der Begriff wurde 1994 erstmals verwendet und setzt sich aus den Wörtern «metropolitan» und «heterosexual» zusammen). Männer wie Beckham, Pitt oder Williams also, die mit ihrem extravaganten Lebensstil keinen Wert auf ein maskulines Rollenbild zu legen scheinen und von der modischen Ausrichtung her nicht zwischen Frau und Mann unterscheiden.

Wie neu ist der neue Mann? Nicht sehr, wie der Basler Frauenstadtrundgang «Samt und Seide» zeigt: Alles schon da gewesen. Auch die Herren des Ancien Régime, das unter dem Sonnenkönig Louis XIV seine Glanzzeit erreichte, schienen sich äusserlich nicht unbedingt vom weiblichen Geschlecht abheben zu wollen. Im Gegenteil: Geschminkt und gepudert, mit Perücken, Seidenstrümpfen und hochhackigen Schuhen wirkten sie alles andere als männlich. Weshalb sollten sie auch: Sie wollten sich ja in erster Linie vom Volk abgrenzen.

Klassentrennung

Die Mode als Mittel zur Klassentrennung führt wie ein roter Faden durch die Geschichte. So auch in Basel: An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert wurden hier gar Kleiderordnungen eingeführt, um gewisse Klassenunterschiede zu erhalten. «Dass jedermann besonders die Weibspersonen allen überflüssigen Pracht [...] von sich legen. Zumahlen die Dienstmägd, als welche man bisher in der Kleydung von der vornehmsten Leuten Töchter bald nicht mehr unterscheiden können, besagter Reformation gemäss sich verhalten und deren Sachen, so ihnen verbotten, [...] guter Marterkrägen, [...] hoch absätziger Schuhen u. dgl. müssigen und enthalten.» Die Stöckelschuhe, heute fester Bestandteil der weiblichen Garderobe, waren damals ein Privileg der reichen Damen.

Das lange Strafregister über Kleidungsdelikte zeigt aber: Die Frauen liessen sich nicht so einfach daran hindern, sich nach der neusten Mode zu kleiden. Und manch eine wusste sich auch zu wehren: Auf die Beschuldigung, einen grossen Marder getragen zu haben, vermeinte des Schusters Ehefrau, den kleinsten der Stadt zu besitzen - tatsächlich wurde in der Schweiz nirgends so viel Pelz getragen wie in Basel.

Weiberspeck und Kinderarbeit

Die Modeströmungen früherer Jahrhunderte stehen im Kontrast zum heutigen Modediktat: Während sich die Frauen heute mit Diäten herumschlagen und sich in Fitnesszentren abrackern, um in die engen H-&-M-Klamotten zu passen, banden sie sich Mitte des 16. Jahrhunderts im Stil der von strenger Steife geprägten spanischen Mode wulstartige Hüftpolster - so genannten Weiberspeck - unter die Röcke.

Ein Modetrend bescherte Basel grossen Reichtum: das Seidenband, mit dem im 18. Jahrhundert Kleider, Schuhe und vor allem die grossen, ausladenden Hüte verziert wurden. Die Seidenbandfabrikanten, die die Stadt am Rheinknie zu einem wichtigen Wirtschaftsstandort machten, stammten aus begüterten Kaufmannsfamilien wie den Sarasin oder Forcart, die während der Gegenreformation aus Oberitalien, Frankreich, Flandern und den Niederlanden ins reformierte Basel geflüchtet waren. Doch vom florierenden Geschäft mit der Seide profitierten nicht alle gleichermassen: In den Fabriken arbeiteten - bis zur Mechanisierung der Seidenbandweberei - insbesondere Frauen und Kinder als billige Arbeitskräfte. Auf Druck von Streiks wurde 1869 in Basel ein Fabrikgesetz erlassen, das immerhin den Zwölfstundentag und ein Verbot der Kinderarbeit festhielt.

Chemie statt Seide

Nach dem Ersten Weltkrieg erlag die Seidenbandindustrie den Launen der Mode: Der Luxusartikel Seidenband war in der Nachkriegsmode, die einfach und preisgünstig sein musste, nicht mehr gefragt. So lebte Basel fortan nicht mehr von der Mode, sondern von der aufkommenden Chemieindustrie.

Zu dem Zeitpunkt, wo sich Basel von der Mode und dem Seidenband verabschiedete, wurden in unserem Kulturkreis allmählich die Hosen für die Frau salonfähig. Doch während sich die Herren des Ancien Régime kurzerhand weiblicher Kleiderstücke bemächtigt hatten, war es für die Frauen kein Leichtes, die Hosen - seit je Symbol für Potenz und Überlegenheit - zu erobern. Denn: Mit der Französischen Revolution wurde die starke Klassentrennung des Ancien Régime durch eine starke Geschlechtertrennung ersetzt (so sah beispielsweise der Aufklärer Jean-Jacques Rousseau die Frau aufgrund ihrer Natur auf die Rolle als Mutter und Hausfrau beschränkt). Die Ablehnung gegen den Prunk und die Verschwendung der Monarchie, die sich auch in der Mode des Adels gespiegelt hatten, war gross. Der bürgerliche Mann wurde mit einem Modeverbot belegt, die Mode wurde höchstens noch als eine Sünde der Jugend und der Frau toleriert. Die Folge: Die Unterscheidung zwischen Frauen- und Männerkleidung war nie so streng wie im bürgerlichen 19. Jahrhundert. Doch mit dem Aufkommen des Frauensports und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wo die Männer an der Front standen und die Frauen zur Erledigung der Männerarbeit die Hosen anhatten, war der Siegeszug der Hose für die Frau - und damit die Emanzipationsbewegung - nicht mehr aufzuhalten. Spätestens mit der Diva Marlene Dietrich, die sich in den dreissiger Jahren mit Hosenanzug, Zylinder und Zigarette in der Öffentlichkeit zeigte, sind wir wieder bei der Vermischung maskuliner und femininer Wesenszüge angelangt. Nur: Damals sprach man nicht von Metrosexualität, sondern von einem Skandal.

Frauenstadtrundgänge
Um die Erkenntnisse zum Thema Frau aus der Universität hinaus an die Öffentlichkeit zu tragen, engagieren sich zahlreiche Studentinnen und Wissenschaftlerinnen unterschiedlichster Fachrichtungen an den Frauenstadtrundgängen - oft auch ehrenamtlich. Frauenstadtrundgänge wollen dazu beitragen, den männerzentrierten Blick auf die Geschichte zu hinterfragen. Auf anschauliche und witzige Art vermitteln sie Frauen- und Geschlechtergeschichte und ermöglichen es den TeilnehmerInnen, Schweizer Städte mit einem anderen Blick neu zu entdecken. Der erste Frauenstadtrundgang fand 1989 in Basel statt. Seither haben diverse andere Städte die Idee aufgegriffen. Den Frauenstadtrundgängen Basel, Zürich und Zug wurde im März vom Verein Feministische Wissenschaft Schweiz der FemPrix 2005 verliehen. Weitere Informationen: www.femmestour.ch. Öffentliche Rundgänge zum Thema «Samt und Seide. Frau, Kleidung und Mode im historischen Basel» gibt es am 8. Mai, 12. Juni, 21. August und 24. September. Kontakt: Verein Frauenstadtrundgang Basel, Bernoullistrasse 28, Postfach 1406, 4001 Basel, Tel. 061 267 07 64, E-Mail: Frauen-Stadtrundgang@unibas.ch

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