Nr. 17/2020 vom 23.04.2020

Muss das Büsi bald ein Glöcklein tragen?

Sind Hauskatzen eine Gefahr für die Natur? Sollte man auf sie verzichten? Ein Gespräch mit den ForscherInnen von Swild über Beutegreifer, die sich schwer erziehen lassen, und über einen katzenverträglichen Schutz der Wildtiere.

Von Stefan KellerMail an AutorIn (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Sandra Gloor und Daniel Hegglin: «Viele Wildtiere meiden Orte, die für sie eigentlich günstig wären, nur weil da eine Katze lebt. Der wissenschaftliche Begriff dafür ist ‹Landscape of fear›.»

WOZ: Daniel Hegglin, Sandra Gloor, Ihr Verein Swild beschäftigt sich neuerdings mit Hauskatzen. Was ist das Problem?
Sandra Gloor: Katzen sind einerseits wunderbare Stubentiger, andererseits kann ein Grossteil der Katzen in der Schweiz das Haus verlassen und wird draussen zum Beutegreifer. Es gibt zurzeit 1,6 Millionen Katzen in der Schweiz, etwa 1,18 Millionen können ins Freie. Die Katze ist der häufigste Beutegreifer in unserer freien Wildbahn.

Besitzen Sie selber eine Katze?
Gloor: Früher hatten wir immer Katzen, heute nicht mehr. Die Katze gehört aber zu meinen Lieblingshaustieren.

Daniel Hegglin: Im Unterschied zu anderen Beutegreifern leben Katzen in hoher Dichte, und ihr Bestand reguliert sich nicht durch das Beuteangebot. Man könnte sagen: Die Kalorien beziehen sie von zu Hause, das Jagen ist mehr so eine Freizeitaktivität. Jedenfalls haben Katzen eine ganz andere Situation als jene Wildtiere, die wirklich von der Beute leben.

Viele Tierfreunde sind Katzenfreunde. Machen Sie sich nicht unbeliebt bei Leuten, die Swild sonst unterstützen würden, wenn Sie sich kritisch mit Katzen beschäftigen?
Hegglin: Es geht gar nicht darum, dass wir gegen die Katzen Stellung beziehen. Es geht darum, zu erkennen, wo es Probleme gibt und wie die Situation verbessert werden könnte.

Gloor: Wir suchen katzenverträgliche Massnahmen zum Schutz von Wildtieren.

Wie gehen Sie konkret vor, wenn Sie eine derartige Studie beginnen?
Gloor: Zuerst ist es vor allem Literaturarbeit; wir tragen den aktuellen Stand der Wissenschaft zusammen. Diskussionen unter Experten und Expertinnen finden statt. Es braucht einen recht langen Vorlauf, bevor eine Studie in der Praxis anfängt.

Hegglin: Die Vorarbeiten sind mittlerweile abgeschlossen, und jetzt probieren wir bestimmte Mittel aus, die dazu beitragen sollen, dass die Katzen weniger Beute schlagen: beispielsweise Halskrausen, die man ihnen anzieht. Wir sind dabei auf Leute angewiesen, deren Katzen häufig Beute schlagen und die bereit sind, ihnen solche Halskrausen nach unseren Vorgaben anzuziehen.

Woraus besteht die Halskrause, wie soll sie wirken?
Hegglin: Es ist ein Stoffband, relativ bunt, damit die Katze auch von weitem sichtbar wird. Man hat festgestellt, dass Vögel die Katzen dank dieser Halskrause früher wahrnehmen.

Gloor: Ein Sicherheitshalsband. Wenn die Katze damit irgendwo hängen bleibt, dann löst sich der Verschluss. Sie soll sich nicht verletzen.

Wer finanziert das Projekt?
Hegglin: Wir arbeiten hier stark mit der Vogelwarte Sempach zusammen, die an dem Thema natürlich sehr interessiert ist. Wir wollen aber auch Massnahmen ausprobieren, die nicht nur für Vögel wichtig sind, beispielsweise möchten wir untersuchen, was es bei Kleintieren bewirkt, wenn man der Katze ein Glöcklein anhängt.

Haben Sie die Absicht, die Katzen zu erziehen?
Gloor: Uns ist sehr wichtig, dass die Massnahmen katzenverträglich sind. Also können sie nicht auf Erziehung basieren, denn das funktioniert bei Katzen nicht so gut.

Hegglin: Forschungen zeigen aber auch: Es gibt Katzen, die schlagen sehr viel Beute. Und es gibt Katzen, die sind daran nicht so interessiert. Das kann an individuell erworbenen Präferenzen liegen, andererseits hat es wohl genetische Gründe. Diese Veranlagung könnte ein Aspekt sein, wenn man sich eine Katze anschafft.

In manchen Naturgärten fressen die Katzen die Eidechsen und Blindschleichen weg. Kann man die Gärten auch so anlegen, dass Katzen weniger Schaden anrichten?
Gloor: Auf jeden Fall. Kleinere Wildtiere wie Blindschleichen oder Eidechsen brauchen gute Verstecke – Mauern, Ritzen, Steinhaufen, dichte und bis zum Boden stachlige Hecken. So können sie im Notfall fliehen und sich zurückziehen. Zudem gibt es Sicherheitskrausen, die man an Stämmen anbringen kann, damit die Katzen nicht hochklettern. Aber Katzen müssen nicht einmal aktive Beutegreifer sein, um Angst auszulösen, ihre Präsenz allein reicht. Der wissenschaftliche Begriff dafür ist «Landscape of fear», Landschaft der Angst: Viele Wildtiere meiden Orte, die für sie eigentlich günstig wären, nur weil da eine Katze lebt.

Sollte man sich vielleicht zwischen Haustier und Wildtier entscheiden?
Gloor: Haustiere haben eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die Beziehung zur Natur zu verbessern. Es entspricht uns Menschen, dass wir Haustiere halten. Auch für Kinder ist es sehr wertvoll, wenn sie mit Haustieren aufwachsen. Wir müssen uns einfach bewusst sein, dass wir eine Verantwortung dafür haben, was unsere Haustiere tun.

Hegglin: Viele Leute, die Katzen halten, achten sehr auf die Natur. Die Medien fokussieren gerne auf den Konflikt zwischen Katzenhassern und Katzenfreunden. Uns geht es darum, die Ursachen von Problemen zu erforschen und mögliche Lösungen zu entwickeln.

Sandra Gloor (55) und Daniel Hegglin (53) arbeiten als BiologInnen für die Nonprofitorganisation Swild in Zürich, die das Zusammenleben von Wildtieren, Haustieren und Menschen wissenschaftlich erforschen und verbessern will. www.swild.ch

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