Nr. 25/2005 vom 23.06.2005

Spektakel mit Albert

Das Historische Museum Bern zeigt Albert Einstein in einer grossen Ausstellung. Manchmal wäre weniger mehr.

Von Urs Hafner

Einstein ohne Ende: Obschon bereits die Hälfte des Jubiläumsjahrs verstrichen ist (vor hundert Jahren stellte der Physiker die spezielle Relativitätstheorie auf), steht der für eine breite Öffentlichkeit bestimmte Höhepunkt erst jetzt an: Das Historische Museum Bern hat die «weltweit grösste Ausstellung zum Leben und Werk des genialen Physikers» eröffnet.

Einsteins Leben: Das Werk biografisch zu erschliessen, leuchtet zwar ein; schliesslich gilt auch für naturwissenschaftliche Resultate, dass sie nicht einfach «objektiv» sind, sondern den Erkenntnisbedingungen ihrer Zeit und der Subjektivität ihres Autors unterworfen. Vordergründig wird Einstein nicht als Ikone präsentiert, sondern schlicht als Mensch: mit seinen Schweissfüssen und Schulschwächen, mit seiner patriarchalen Polygamie und seinen Hobbys (Geigenspiel und Segelschiff). Dennoch gerinnt er trotz dieses persönlichen Zugangs einmal mehr zum Mythos. Gleich zur Einstimmung erfährt man: Einstein trug keine Socken (wegen der Schweissfüsse), Einstein hatte seine Einfälle an der Violine, Einstein verstand mit dreizehn Jahren Kant, Einstein arrangierte seine Frisur! Die raffiniert verspiegelte Treppenhalle treibt die Mythologisierung auf die Spitze: Zu entrückten Geigenklängen erscheint und verschwindet Einsteins Konterfei, schwarzweiss, farbig, zweifach gespiegelt, mehrfach, dutzendfach, oben, unten, hinten. Die Relativität von Zeit und Raum im Angesicht und als Ausgeburt des Genies?

Der Physiker wird nicht nur im Rahmen seiner Familie und Lebensstationen präsentiert, sondern auch im Kontext seiner Zeit. Die Ausweitung des Biografischen auf Geschichte, die Verschränkung von Individuum und Sozialem wirken ebenfalls einleuchtend. Was aber hat die riesige Abbildung des römischen Titusbogens, der die Niederschlagung eines jüdischen Aufstandes siebzig vor Christus zeigt, mit Einsteins Leben zu tun? Seine Wurzeln in der Antike zu suchen, nur weil er Jude war, wirkt reichlich überzogen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Geschichte hier primär nach einem Attraktivitätspotenzial ausgewählt wurde. Weil Einstein in München und in den wilden zwanziger Jahren in Berlin und ab 1932 in New York lebte, sieht man unter anderem ein Originalfass des Münchner Oktoberfests, in zeitgenössischen Dokumentarfilmen den Bau des Chrysler Buildings in Manhattan, einen Walt-Disney-Trickfilm, in einem nachgebauten Kinosaal Marlene Dietrich im «Blauen Engel», Naziuniformen, «Mein Kampf», Erschiessungen an der Ostfront, Häftlinge aus Auschwitz, die Atombombe über Hiroshima und im Panoramablick die total zerstörte Stadt. So wie Einstein zum Mythos gerinnt, gerinnt Geschichte zur blossen Staffage. Oder wie es eine Ausstellungsführerin für eine Schulklasse formuliert: «Einstein ging nach Amerika, weil ihm der erstarkende Rechtsradikalismus keine Zukunftschancen bot.»

Auch der Einsteins Arbeit gewidmete Teil der Ausstellung ist seltsam unausgewogen. Gerne würde man erfahren, wie das Funktionieren der Atombombe, die Einstein vordachte (und, wie ihm nachträglich bewusst wurde, zu wenig konsequent zu verhindern versuchte), mit E = mc 2, der «berühmtesten Formel der Naturwissenschaften», zusammenhängt. Doch im entsprechenden Raum dokumentieren bloss T-Shirts und Cartoons den mythischen Gehalt der Formel und dürfen die Bernischen Kraftwerke, eine der HauptsponsorInnen der Ausstellung, Werbung für die Sicherheit des AKW Mühleberg machen; Einsteins auf Englisch vorgetragene Erklärung, inwiefern Masse gleich Energie sei, wirkt zwar auch wegen des starken schwäbischen Akzents charmant, bleibt aber nicht zuletzt dieses Akzents wegen unverständlich.

Das Desinteresse an der Formel kontrastiert mit der Sorgfalt, die für die Darlegung der speziellen Relativitätstheorie aufgewendet wird. Wer die Anstrengung nicht scheut und sich die Zeit nimmt, kann die revolutionäre Einsicht, dass Zeit und Raum zum Standpunkt der Betrachterin relativ sind, einigermassen nachvollziehen. Naturwissenschaft wird hier nicht autoritär und einschüchternd präsentiert; die Physik kommt zur Geltung, und die an der Sache Interessierten kommen auf ihre Rechnung. Hier wäre mehr Geschichte bereichernd gewesen, aber nicht Welt-, sondern Wissenschaftsgeschichte; war und ist die Bedeutung der Relativitätstheorie, die diese als Zugpferd der Königsdisziplin Physik im 20. Jahrhundert auch für die Geisteswissenschaften und die Künste hatte, nicht immens?

So sachlich die spezielle Relativitätstheorie sich in Bern präsentiert, so ausufernd stellt sich die allgemeine Relativitätstheorie dar: Plötzlich findet sich der Besucher in kosmologischen Gefilden wieder und erblickt auf einer Grossleinwand zu sphärischen Klängen staunend Bilder, die noch niemand gesehen haben soll, sieht auf die Milchstrasse hinab und schwebt durch andere Sonnensysteme; Wissenschaft schlägt um in Mystik. Die Präsentation des von Nasa und Esa entwickelten Lisa-Satellitensystems wiederum, das im nächsten Jahrzehnt die Gravitationswellen im All messen soll, bezweckt wohl auch, die Akzeptanz der modernen Physik zu erhöhen, welche die Führungsrolle an die Biowissenschaften verloren hat.

Einstein ohne Ende und für alle: Die Ausstellung will möglichst vielen BesucherInnen gefallen, zu vielen und unbedingt. Wem die vielen Highlights zu bunt werden, der oder die kann versuchen, in einem schwarzen Loch zu verschwinden oder durch ein Wurmloch zu fliehen.

Historisches Museum Bern: «Albert Einstein (1879-1955)». Erwachsene 24, Kinder 12 Franken. Bis 17. April 2006.

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