Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Einstein (war ein schlechter Schüler)

Wie die Nachlässigkeit eines Biografen dazu führte, dass das Wissenschaftsgenie als Ausrede für durchtriebene SchülerInnen taugt.

Von Toni Keppeler

Negativbeispiele können bisweilen die Hoffnung erhalten. Zum Beispiel bei SchülerInnen, die von schlechten Noten geplagt werden. Sie können sich sagen, dass auch mit einer miesen Qualifikation längst noch nicht alles vorbei ist; dass sie selbst noch im schlechtesten aller ihrer Schulfächer den Nobelpreis gewinnen können. Albert Einstein, das Wissenschaftsgenie schlechthin, hat es scheinbar vorgeführt: 1896 machte der im schwäbischen Ulm geborene und in München aufgewachsene junge Mann sein Abitur. Im Zeugnis stand hinter dem Fach Physik eine glatte Sechs. Jedes Kind in Deutschland weiss, dass eine Sechs die schlechteste aller Noten ist. 25 Jahre später erhielt Einstein den Nobelpreis im Fach Physik. Übrigens nicht für seine Relativitätstheorie, sondern für die Entdeckung des Gesetzes des fotoelektrischen Effekts, bei dem es um die Wechselwirkung zwischen Photonen und Materie geht.

Auch sonst ist einiges bekannt über den jungen Albert Einstein: dass er erst mit drei Jahren zu sprechen begann, dass er in der Schule aufmüpfig war, sogar rebellisch, dass er immer wieder in Konflikt geriet mit der strengen schulischen Zucht im Deutschen Kaiserreich und dass ihn der Direktor des Luitpold-Gymnasiums zu München deshalb höchstselbst und öffentlich beschimpft habe. Kurzum: Der Mann, der später das physikalische Weltbild grundsätzlich verändern sollte, kann bis heute durchtriebenen SchülerInnen als Ausrede herhalten, wenn sie den Eltern schlechte Noten und rügenswertes Betragen beichten müssen. Schaut doch her: Der Einstein, der war noch viel schlimmer. Und aus dem ist auch noch was geworden. Die gutbürgerlichen Eltern erinnern sich, dass dieses Genie noch im hohen Alter ungekämmt durch den Tag ging und allen die Zunge herausgestreckt hat. Und ja, da war was, von wegen er sei ein schlechter Schüler gewesen. Kann man da dem eigenen Nachwuchs noch böse sein?

Weil aber das Verhältnis zwischen Eltern und ihren halbwüchsigen Kindern von Wahrheit geprägt sein soll und nicht von Lüge, muss diese Wahrheit hier dargelegt werden: Albert Einstein war kein schlechter Schüler, im Gegenteil. Schon früh ist er mit herausragenden Leistungen in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern aufgefallen, galt als Zahlengenie und war nur in Sprachen und Sport nicht ganz so gut. In seiner Freizeit las er Bücher über Physik und wollte schon als Fünfzehnjähriger Universitätsprofessor werden, natürlich für Physik. Wie kommt dann die schlechteste aller Noten gerade in diesem Fach in sein Abiturzeugnis?

Ganz einfach: Einstein hat nie das Abitur gemacht. Seine Eltern sind vorher weggezogen, nach Mailand. Albert sollte eigentlich bis zum Abitur in München bleiben, aber da war dieser Konflikt mit dem Rektor des Luitpold-Gymnasiums. Der junge Mann nahm Reissaus, folgte den Eltern nach Mailand und wurde von dort in die Schweiz geschickt, um an der für damalige Verhältnisse sehr liberal geführten Kantonsschule Aarau die Matura abzulegen. Das hat er auch getan.

Nun weiss jedes Kind in der Schweiz, dass eine glatte Sechs die beste aller Noten ist, und eine solche stand im Maturazeugnis von Albert Einstein hinter dem Fach Physik. Es ist einfach so, dass die Zahlenfolge im schulischen Bewertungssystem in der Schweiz gerade umgekehrt ist wie in Deutschland. Man muss das nicht wissen. Auch einer von Einsteins ersten Biografen wusste das nicht und kannte nur das deutsche Notensystem.

Man mag einwenden, dass eine – nach des Biografen Verständnis – so ungewöhnliche Note Anlass zu einer kleinen Recherche hätte sein müssen. War sie aber nicht. Die Sache war wohl einfach zu kurios. Und was wäre eine dicke Biografie ohne das eine oder andere köstliche Schmankerl. Das Dumme ist nur: So etwas prägt sich viel besser ein als jedes Detail der Relativitätstheorie und wird wieder und wieder kolportiert.

Eine andere Eigenheit Albert Einsteins scheint dagegen zu stimmen: dass er ständig links und rechts verwechselt habe. Das freilich bezieht sich nur auf die räumliche Orientierung des Genies. Politisch wusste er immer, wo er stand: links (vgl. «Profit statt Bedarf», online nicht verfügbar).

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