Bosnien: «Die beste Zeit meines Lebens»

Nr. 3 –

Bosnien Die Chefredaktorin Senka Kurtovic kritisiert die heutige Struktur des Staates und erinnert sich an den Krieg, der vor zehn Jahren endete.

WOZ: Zum Ende des Jahres ist die Amtszeit von Paddy Ashdown zu Ende gegangen, der als «Hoher Repräsentant» faktisch Bosnien regiert. Welche Bilanz ziehen Sie aus seiner Arbeit?

Senka Kurtovic: Zwar ist Bosnien kein Protektorat, aber wir leben in einem Land, das völlig unter der Herrschaft der Internationalen Gemeinschaft steht. Paddy Ashdown konnte in Bosnien tun und lassen, was er wollte. Er konnte Politiker ver- und absetzen, die Regeln ändern und neue Politiker auf bedeutende Posten heben. Sein grösster Fehler war zu glauben, mit den nationalistischen Parteien Politik machen zu können. Die bosniakische SDA, die serbische SDS und die kroatische HDZ haben den Krieg begonnen. Wie sollen sie eine Zukunft für Bosnien schaffen?

Sie haben Bosnien oft als «Frankensteins Monster» bezeichnet, das mit heisser Nadel gestrickt worden sei. Auch zehn Jahre nach dem Friedensvertrag von Dayton ist Bosnien noch immer ein Flickwerk.

In unserem Land ist die Macht verteilt auf eine Staatsebene, eine Ebene der beiden Landesteile, der Entitäten, eine kantonale und eine kommunale Ebene. Wir haben unzählige Regierungen und unzählige Machtposten. So sieht kein ernst zu nehmender Staat aus.

Ist die föderale Struktur Bosniens ein Problem für das Land?

Allein in der Föderation Bosnien und Herzegowina, dem Landesteil der Kroaten und Bosniaken, haben wir zehn kantonale Bildungsministerien. Wen interessiert da der Bildungsminister der Föderation? Niemanden. Das ist ein grosses Problem des Daytoner Abkommens, unserer Verfassung und unserer Gesetzgebung. Es gibt keine seriöse Politik auf Staatsebene. Wir haben drei Präsidenten! Einen für die Serben, einen für die Kroaten und einen für die Bosniaken ...

Wie müsste eine Staatsreform Ihrer Meinung nach aussehen?

Mein Bild von Bosnien geht von einer Staatsebene aus. Meinetwegen soll es wirtschaftliche Regionen geben, aber keine getrennten Landesteile, keine Kantone und keine nach Nationalität getrennten Gruppen. Wir sind ein kleines Land, wir brauchen unser Land nicht zu unterteilen, das ist Unsinn. Die Föderation ist die Region der Kroaten und Muslime, und die Republika Srpska ist die Region der Serben, das ist nicht gut. Als Erstes brauchen wir ein gemeinsames Schulsystem. Es gibt noch immer Schulen in Bosnien, wo die Kinder das gleiche Gebäude durch verschiedene Türen betreten und auch in den Klassenzimmern getrennt werden. Die kroatischen Schüler sitzen bei den Kroaten, lesen kroatische Bücher, lernen die kroatische Sprache und eine kroatische Geschichte. Die muslimischen Bosniaken gehen in bosniakische Schulen, lernen Bosnisch, lesen bosnische Bücher, lernen eine bosniakische Geschichte und so weiter. Sie spielen zusammen, gehen aber getrennt zur Schule. Mit der Zeit werden die jungen Menschen anfangen, sich zu hassen. Weil sie verschiedene Auslegungen ihrer Geschichte lernen und unterschiedliche «Wahrheiten» über den vergangenen Krieg.

Haben Sie manchmal Angst vor einem neuen Krieg in Bosnien?

Nein. Ich bin mir ganz sicher, dass es keinen neuen Krieg geben wird. Die internationale Gemeinschaft hat viel zu viele Interessen in Bosnien, als dass sie einen neuen Krieg zulassen würde.

Wie bewerten Sie die Berichterstattung ausländischer Medien über Bosnien? Gerade war der zehnte Jahrestag des Friedensvertrags von Dayton ein Thema, im Juli jährte sich das Massaker von Srebrenica zum zehnten Mal ...

... und ab und zu gibt es noch das Thema Terrorismus, ansonsten sind wir nicht mehr interessant. Dabei ist Srebrenica keine Geschichte für einen Tag. Man könnte jeden Tag eine Geschichte über Srebrenica schreiben. Aber auch Srebrenica ist nur ein Spielzeug. Ein paar Wochen spielst du damit, und dann lässt du es wieder liegen.

Sie haben gesagt, das Ziel Ihrer Arbeit sei, Normalität zu schaffen, sowohl während des Krieges als auch heute. Kann man überhaupt von Normalität in Bosnien sprechen?

Ja, natürlich. Das ist der Grund, weshalb ich in Bosnien bin und nicht in den USA, Britannien oder sonst wo. Es gibt hier viele normale Menschen, die sich nicht um Religion und Nationalität kümmern. Deshalb bin ich auch so glücklich in Sarajevo. Meine Freunde sind normale Menschen - Serben, Kroaten und Muslime. Und auch meine Familie ist eine ganz normale Familie. Mein Vater ist Muslim, meine Mutter war kroatische Christin. Meine Tanten sind teils Musliminnen, teils Christinnen, und wir leben sehr gut zusammen. Auch die Kinder meiner Freunde sind ganz normale Kinder. Sie wissen alles über Fussball, Kino, Musik, und sie scheren sich nicht um Religion oder Nationalität. Das ist gut für Bosniens Zukunft.

Ist Sarajevo ein Ort, der ein normales Leben möglich macht?

Ja, absolut. Sarajevo ist eine magische Stadt. Wir haben viele gute Festivals. Die Berge sind sehr nah, das Meer ist nicht weit ..., wir sind glücklich in Sarajevo. Es gibt hier noch eine Art von Vorkriegsleben, das wir erhalten haben. Es wird oft vom Sarajevo Spirit geredet, das ist ein sehr grosses Wort, aber Sarajevo hat wirklich eine besondere Stimmung.

Sie haben während des Krieges im Bunker des zerstörten Redaktionsgebäudes der Zeitung «Oslobodjenje» gearbeitet. War Ihre Arbeit auch eine Art Flucht vor dem Krieg?

Sicherlich. Sie war für mich der Weg zum Überleben. Ein Psychoanalytiker hat mir kürzlich gesagt: «Sie sind sehr normal.» Und ich sagte: «Ja, dank ‹Oslobodjenje›.» Natürlich war es eine schlimme Zeit, aber ich bin jeden Morgen aufgewacht, hatte einen Kaffee und meine Zeitung. Ich hatte meine Freunde bei mir und meinen Job. Ich habe mit diesen Menschen zusammen gearbeitet, gegessen, gelacht und geweint, und wir fühlten uns sicher. Zudem war die Zeit des Krieges eine gute Zeit für die Zeitung. Wir waren die einzige Zeitung in der Stadt, und wir wussten, dass die Leute auf uns warteten. Weil wir ihnen ein Stück Normalität brachten, ein Stück gewöhnliches Leben. Und das war sehr wichtig.

Hatten Sie nie Angst? Haben Sie nie am Sinn Ihrer Arbeit gezweifelt?

In Kriegszeiten, während einer Belagerung, kannst du deine Zeit damit verbringen, in deinem Zimmer zu sitzen und nichts zu tun. Meine Mutter wurde im Oktober 1992 vor ihrem Haus getötet. Sie unterhielt sich mit einer Nachbarin, und dabei verlor sie ihr Leben. Soldaten verteidigen im Krieg ihr Land. Irgendetwas musst du im Krieg verteidigen. Vielleicht ist es eine Art Instinkt, zu fühlen, ich muss etwas tun. Wenn du nichts tust, wirst du ängstlich wie ein Huhn. Alle paar Minuten schlug in Sarajevo eine Granate ein. Wenn du nichts unternimmst, wirst du verrückt davon. Viele meiner Freunde fingen an, zu malen oder zu kochen. Im Krieg ist Arbeit das Beste, was es gibt.

Was für ein Gefühl ist es, von der Arbeit einer Kriegsredaktorin wieder in den normalen Redaktionsalltag zurückzukehren?

Die Leute sind immer sehr erstaunt, wenn ich sage, dass die Zeit während des Krieges die beste Zeit meines Lebens war. Weil du immer nur für diesen einen Tag lebst, und an diesem Tag lebst du dein Leben in vollen Zügen. Wir haben damals jede Nacht Partys gefeiert, denn vielleicht bringt dich schon morgen jemand um. Das war ein merkwürdiges Leben. An dem Tag, als das Friedensabkommen von Dayton unterzeichnet wurde - es war sehr spät in der Nacht, wir sassen zusammen und tranken schlechtes Bier -, sagte eine Kollegin und Freundin von mir: «Das ist das Ende des Krieges.» Wir fingen an zu weinen, und gleich darauf mussten wir lachen. Ich weiss bis heute nicht: War es, weil der Krieg vorbei war? Oder lag es am schlechten Bier?

Sie versuchen, Emotionen aus Ihrer Arbeit herauszuhalten. Wenn Sie über die Zeit während des Krieges sprechen, wirken Sie dennoch sehr emotional.

Ja, das ist merkwürdig. Damals auf dem Marktplatz in Sarajevo, als ich mitbekam, wie eine Granate viele Menschen tötete, kam ich zurück in die Redaktion und erzählte, was ich gesehen hatte. Zuerst wollte mir niemand glauben, so schrecklich war es. Ich arbeitete den ganzen Tag, und erst als ich abends schlafen ging, musste ich plötzlich anfangen zu weinen. Nach zehn oder zwölf Stunden. Viele Menschen in Krisensituationen kennen das. Du versuchst, deine Emotionen wegzusperren, sie einzuschliessen. Weil du keine Zeit hast, emotional zu sein, schwach zu sein, Angst zu haben. Weil die Situation eine starke Person fordert. Die Zeit des Krieges war eine schlimme Erfahrung, aber andererseits auch eine gute.

Weil sie Sie stark gemacht hat?

Ich weiss nicht. Vor ein paar Jahren konnte ich einen Film sehen, ein Buch lesen oder Musik hören, die mich an den Krieg erinnerte, und es hat mich kalt gelassen. Heute sind meine Freunde und ich viel verletzbarer. Wenn wir zum Beispiel Lieder aus der Zeit des Krieges hören, diesen patriotischen Mist. Während des Krieges haben wir diese Musik zum Spass gehört und uns darüber lustig gemacht. Aber wenn wir sie heute hören ... Manchmal kommt es vor, dass du morgens nichts ahnend das Radio anmachst, und dann plötzlich kommt so ein blödes Lied, und du fängst an zu weinen. Viele unserer Freunde wurden im Krieg getötet. Meine Freunde und ich treffen uns ab und zu, um gemeinsam zum Friedhof zu gehen. Danach gehen wir in ein Café und reden über unsere Freunde. Jeden Tag gibt es irgendetwas, das uns an die Vorkriegszeit erinnert - Bücher oder Fotos oder Kleidung. Und dann werden wir schwach. Ich weiss nicht, was es ist. Vielleicht eine Art von Frustration, vielleicht eine Krankheit.


Senka Kurtovic wurde 1967 in Sarajevo geboren. Sie studierte Philosophie und Soziologie. Seit 1987 arbeitet sie bei der Tageszeitung «Oslobodjenje», zuerst im Lokalteil, später im Politikressort. Von 1996 bis 2001 war sie Korrespondentin für den Radio- und TV-Sender Voice of America in Sarajevo, seit Mai 2001 ist sie Chefredaktorin von «Oslobodjenje». Die Zeitung war mit einer Auflage von rund 80000 Exemplaren vor dem Krieg die grösste Tageszeitung Bosnien-Herzegowinas. Während der Belagerung von Sarajevo von 1992 bis 1995 erhielten die RedaktorInnen im Luftschutzbunker des zerstörten Gebäudes den Redaktionsbetrieb aufrecht und produzierten täglich ihre Zeitung. Wegen Papiermangel wurde das Blatt bisweilen an das Gebäude plakatiert. Nach dem Krieg konnte «Oslobodjenje» ihren Ruf als unabhängiges, kritisches Sprachrohr beibehalten, verlor jedoch stark an Auflage.