Nr. 05/2006 vom 02.02.2006

Zwei Hälften machen noch kein Ganzes

In den Sechzigern war er einer der Exponenten der nonkonformistischen Publizistik, später Büroangestellter, dann arbeitslos. Jetzt hat er über sein Leben ein Buch geschrieben.

Von Fredi Lerch

Ein Wohnblock in Bern-Liebefeld, fünfter Stock, im engen Treppenhaus: Paul Ignaz Vogel wartet vor der Wohnungstür, bittet herein, schliesst die Tür von innen mit dem Schlüssel ab. Eine Zweizimmerwohnung mit kleiner Wohnküche, spartanisch eingerichtet, sehr sauber, an den Wänden echte Gemälde. Durch das trübe Vormittagslicht vor dem Küchenfenster schwebt Schnee. Auf dem Tisch Kaffee und frische Gipfeli. Jung sieht er aus, der 66-jährige Paul Ignaz Vogel, dessen Leben in zwei Hälften zerfällt, die kein Ganzes bilden.

Zur einen Hälfte ist Vogel ein Publizist von zeitgeschichtlichem Rang: 1963 kommt er als politisch interessierter Student aus dem geteilten Berlin zurück, stampft ohne Geld die Zeitschrift «neutralität» aus dem Boden und macht sie in der Deutschschweiz in kürzester Zeit zur ersten Adresse für nonkonformistische Publizistik. Mit der durchschlagenden und entwaffnenden Naivität eines überzeugten Pazifisten fordert er mit seiner Zeitschrift mitten im Kalten Krieg jene liberale Öffentlichkeit ein, die es damals nicht gibt. Bereits in den ersten Ausgaben druckt er Texte des Philosophen Arnold Künzli, des Kommunisten Konrad Farner, des Schriftstellers Max Frisch. Die Zeitschrift lanciert Tabuthema um Tabuthema: die Schweiz im Zweiten Weltkrieg, der Jurakonflikt, die Armee; Waffenhandel, Vietnam, Fremdarbeiter. Im Heft 1/1970 fordert er den Rücktritt des EJPD-Chefs, des Bundesrats Ludwig von Moos (CVP). Zur Begründung dokumentiert er Zitate aus dem bemerkenswert nazifreundlichen und antisemitischen «Obwaldner Volksfreund», den von Moos zwischen 1935 und 1942 als Redaktor verantwortet hat. Von da an gilt Vogel dem Schnüffelstaat als Staatsfeind.

Zur andern Hälfte ist Vogel ein abgestürzter Randständiger: Ab Mitte der siebziger Jahre arbeitet er als Büroangestellter bei der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS). Es folgt eine grosse psychische Krise, während der seine Ehe zerbricht. Später ist er als freier Journalist tätig, und zwischen 1992 und 1998 als Arbeitsloser in verschiedenen Beschäftigungsprogrammen. Von 1998 bis 2004 ist er bei den Gewerkschaften Druck & Papier und comedia für die Betreuung von Arbeitslosen zuständig. Am 1. Juli 2004 wird er pensioniert.

Zwischen diesen beiden Hälften aber klafft ein schwarzes Loch. «Es stimmt», sagt Vogel am Küchentisch, «es hat diesen psychischen Absturz gegeben. Sicher gab es endogene Faktoren, die zu den paranoiden Zuständen führten. Aber es stimmt auch, dass damals die Zustände in der Schweiz paranoid waren.»

Vogel formuliert vorsichtig, erzählt entlang belegbaren Tatsachen, um das schwarze Loch in seiner Biografie einzugrenzen. Tatsache ist: Anfang der siebziger Jahre wird die ökonomische Situation der «neutralität» immer schwieriger. Um sie zu retten, spannt er mit der Sozialdemokratischen Partei zusammen, wird im Oktober 1970 auch Parteimitglied. Anfang 1974 ist die Zeitschrift trotzdem am Ende - «wegen gegenseitigen Desinteresses», wie Vogel sagt: «Die SP wollte die ‹neutralität› nicht kaputt-, sondern bloss vollständig zu ihrem Instrument machen.» Und, fast versöhnlich: «Unterdessen hatte die Neue Linke ihre eigenen Medien - vermutlich war die Zeit der ‹neutralität› einfach vorbei.»

Tatsache ist auch: Über den damaligen SPS-Zentralsekretär Arnold Bertschinger kommt Vogel damals in Kontakt zur rumänischen Botschaft. In seinem Buch «Napf. Eine Gratwanderung im Kalten Krieg» (vgl. Kasten) schreibt er, er habe bald den Eindruck gehabt, «dass zwischen Bern und Bukarest diplomatische Kontakte über Parteikanäle bestehen» könnten. Tatsache ist: Für den April 1972 wird Vogel vom ersten Sekretär der Botschaft zum Besuch von Rumänien eingeladen. Obschon er kein gutes Gefühl, sondern «Angst, instinktiv Angst» gehabt habe, lässt er sich überreden - nicht zuletzt, weil ihn SP-Genossen drängen: Die Einladung sei «eine einmalige Chance», so könne «etwas in Bewegung geraten». Die Rumänienreise selbst beschreibt er in seinem Buch wie einen LSD-Horrortrip. Bis heute geht er davon aus, dass er damals von seinen Gastgebern unter Drogen gesetzt worden ist.

«Tatsache ist», sagt Vogel, «dass ich laut Staatsschutzfichen als ‹neutralität›-Redaktor jahrelang akribisch überwacht worden bin, dass aber meine Fiche 1974 plötzlich abbricht.» Eine Tatsache ist auch der Wortlaut des letzten Ficheneintrags: Vogel sei «seit dem 1.1.74 als Verwaltungsangestellter bei der BLS-Materialverwaltung angestellt. Er hat seinen Verlag ‹neutralität› auf dieses Datum der Unionsdruckerei Luzern übergeben.» Letzteres verweist auf die anlaufende Zusammenarbeit mit der SP. Vogel mag diesen Eintrag nicht kommentieren. Aber Fragen drängen sich auf: Holte die SPS 1974 Paul Ignaz Vogel endgültig aus dem Visier des Staatsschutzes um den Preis, ihn aus der politischen Publizistik des Landes in die Materialverwaltung der BLS abzuschieben, die damals seit Jahrzehnten eine SP-Hochburg war? Und wenn ja: Warum tat sie das?

Und was hat das mit Vogels Rumänienreise zu tun? Tatsache ist: Obschon diese Reise im April 1972 stattfand, also zur Zeit, als Vogel noch als Staatsfeind galt; obschon der Staatsschutz laut Vogels Fichen und Akten zuvor dessen Treffen in der rumänischen Botschaft in Bern akribisch protokolliert hat (wofür Vogel heute Verständnis hat: Seine damaligen Gesprächspartner seien ja tatsächlich keine «Chorknaben» gewesen); obschon Vogel vom rumänischen Botschaftssekretär nach Kloten gefahren und dort beim Einchecken von einem Kantonspolizisten einer Leibesvisitation unterzogen worden ist - davon wie von der ganzen Reise gibt es in seinen Fichen und Akten kein Wort, keinen Hinweis, nichts.

Dabei fand die Rumänienreise statt und war kein LSD-Horrortrip. In seinem Pass gibt es die entsprechenden Stempel. Die Schwarzweissfotos, die er damals nach der Rückkehr in seinem Koffer fand, liegen vor ihm auf dem Küchentisch. Vogel vermutet, dass sie von rumänischen Geheimdienstleuten in sein Gepäck geschmuggelt wurden. Sie könnten allenfalls Werkspionage insinuieren, um ihn bei Bedarf am rumänischen Zoll als Westspion (oder am Schweizer Zoll als Ostspion?) auffliegen zu lassen.

«Nach meiner Abschiebung zur BLS haben mich die ewig gleichen Fragen zermürbt: Warum passierte das alles so, wie es passierte? Was ist wahr, was ist nicht wahr?» Das sei der «exogene Teil» seiner Paranoia, der zu einem Misstrauen gegen alle und alles geführt habe und dem im Schnüffelstaat Schweiz damals an die 900 000 Leute ausgesetzt gewesen seien.

Die Jahre vergingen. Nach dem 16. November 1989 tritt Paul Ignaz Vogel nach neunzehn Jahren Mitgliedschaft aus der Sozialdemokratischen Partei aus. An diesem Tag übermittelt die SPS mit «brüderlichen» Grüssen der Partei Nicolae Ceausescus «die lebhaftesten Glückwünsche» zum bevorstehenden Parteikongress. Einige Wochen später wird Ceausescu während der Weihnachtsrevolution in Rumänien als Diktator von einem geheimen militärischen Sondergericht innerhalb von Stunden zum Tod verurteilt und erschossen.

Im Oktober 1995 erhält Vogel seine Staatsschutzakten. Darin fehlen ausgerechnet die Akten zu einem Ficheneintrag vom 20. Oktober 1971, von denen er sich Aufschlüsse zu seiner Rumänienreise erhofft hat. Schriftlich wird ihm mitgeteilt, diese Unterlagen fehlten, weil durch ihre Aushändigung «wichtige Erkenntnisse aus dem Bereich der Spionageabwehr bekannt» würden. Damit wird zur Tatsache: Im Herbst 1971 war Vogel ins Visier der «Spionageabwehr» geraten.

Zwei Jahre später bleibt Vogel beim Blättern im Staatsschutzberichts 1998 auf Seite 106 hängen: Dort ist von der kürzlichen «Identifizierung eines rumänischen Agentenehepaars in der Schweiz» die Rede, das zwischen «1964 und 1978» «als illegale Agenten des ehemaligen rumänischen Geheimdienstes Securitate» in der Schweiz gelebt habe - unter anderem mit dem Auftrag, «ein Agentennetz aufzubauen».

Von dieser Art sind die Elemente, aus denen sich um das schwarze Loch in

Vogels Biografie eine Geschichte bauen lässt. Zum Beispiel so: Der Antikommunismus der SP war in erster Linie ein gegen Moskau gerichteter Antistalinismus. In dem Mass, in dem Ceausescu nach seiner Machtübernahme 1965 unabhängig von Moskau politisierte,

wurde er den SP-Ideologen zur Symbolfigur eines dritten Wegs ausserhalb des bedrohlichen Warschauer Paktes. Im Schlepptau von SP-Grössen, die deshalb via Botschaft die Kontakte zu Rumänien pflegten, begann Vogel das Interesse der Geheimdienste zu wecken. Für den schweizerischen Geheimdienst hätte er interessant werden können: als Lockvogel, den man zur Rumänienreise ermuntern und nach der Rückkehr beschatten musste, um allenfalls zu vermuteten, aber bisher nicht identifizierbaren Spionen geführt zu werden. Für den rumänischen Geheimdienst war Vogel als Mitglied der rumänienfreundlichen SPS einer, den man allenfalls als Spion gewinnen konnte. Die Drogen könnten dazu gedient haben, den renitenten Pazifisten zu einer Unterschrift zu ermuntern. Tatsache ist: Vogel insistiert heute, ohne danach gefragt zu werden, mit Nachdruck, er habe damals in Rumänien nichts unterschrieben. Und er meint, vieles, was er sage, könne man als paranoiden Wahn abtun: «Bloss - wer hat mich damals nach Rumänien gelockt? Und warum?»

Die Publikation seines Buches sei ein «psychohygienischer Akt» und ein Abschluss, sagt Vogel. Unterdessen hat für ihn längst eine neue Lebensphase begonnen: «Seit 1992, als ich erwerbslos wurde, lebe ich in einer anderen Welt: Heute zähle ich mich zu jenen anderthalb Millionen Menschen - ob Sozialhilfeempfänger, Erwerbslose, Ausgesteuerte, IV-Bezüger oder Migranten und Migrantinnen -, die in diesem Land eine weitestgehend von Ämtern bestimmte Existenz zu führen haben.» Unterdessen hat er diese Gesellschaftsschicht, die als autonomes Netzwerk funktioniere, schätzen gelernt: «Hier herrscht der Umgangston des Kumpels: hart, aber ehrlich. Mit den Gesellschaftslügen,

auf die die Macht angewiesen ist, kommst du hier nicht weit.» Für alle, die sich für die Kumpel in dieser Welt interessieren und engagieren, macht er seinen elektronischen Mediendienst «Hälfte» (vgl. Kasten).

Vor allem, wenn er spitzbübisch lächelt, sieht Paul Ignaz Vogel erstaunlich jung aus. Dabei ist er unterdessen vierfacher Grossvater. Längst hat er zu seiner Exfrau und zu seinen beiden erwachsenen Töchtern einen entspannten Kontakt. Kurz vor dem Abschied, schon unter der Tür, doch noch eine Frage: Warum er seinen Mediendienst «Hälfte» nenne. «Weisst du», sagt er, «heute herrscht in diesem Land eine Hälfte, die in ihren politischen Diskussionen die andere Hälfte - zu der ich gehöre - völlig ignoriert», sagt er. «Darum sind keine politischen Lösungen mehr möglich im Interesse aller gesellschaftlichen Schichten.» Das heisst: Die heutige Schweiz ist eine Gesellschaft, deren Hälften kein Ganzes mehr ergeben.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch