Nr. 09/2006 vom 02.03.2006

Warum Schwamendingen?

Interview: Sina Bühler und 
Armin Büttner, Foto: Ursula Häne

Susann Sitzler: «Ich verfasse keine PR-Texte.»

WOZ: Sie ziehen für zwei Monate von Berlin nach Zürich Schwamendingen. Haben Sie Angst?
Susann Sitzler: Nein, im Gegenteil: Ich freue mich auf Schwamendingen.

Wie sieht Schwamendingen denn in Ihrem Kopf aus?
Ich hab es nicht nur im Kopf – ich war im Herbst schon mal für zwei Tage dort. Ich war überrascht, wie vielfältig es ist. Zwar gibt es mit dem Schwamendingerplatz die typische Schweizer Vorstadtkreuzung mit Zweckbauten aus den siebziger Jahren: Coop, Migros, eine Bank. Auf der anderen Seite sind Teile von Schwamendingen auch sehr ländlich – im positiven Sinn.

Was ist überhaupt der Grund für Ihren temporären Wohnsitzwechsel?
Eines Nachmittags im letzten Frühjahr rief mich ein Nikola Grkovic vom Gewerbeverein Schwamendingen an. Er hatte mein Buch «Grüezi und Willkommen – Die Schweiz für Deutsche» gelesen. Der Gewerbeverein feiert 2007 sein fünfzigjähriges Bestehen, und Grkovic hatte nach der Lektüre meines Buchs das Gefühl, ich sei die Richtige, um zu diesem Anlass etwas gegen die Vorurteile gegenüber Schwamendingen zu tun. Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, für eine Weile zu kommen und dann ein Buch über den Stadtteil zu schreiben, wie ich ihn sehe.

Und Sie waren sofort begeistert?
Ich war zuerst abweisend, weil ich keine PR-Texte verfasse. Dann haben wir geklärt, dass ich es mir unter einer Bedingung vorstellen könnte: Wenn ich inhaltlich vollkommen unabhängig arbeiten kann. Das Thema selbst hat mich sofort interessiert – herauszufinden, woher diese kollektive Abscheu kommt und was es mit der Metapher «Schwamendingen» auf sich hat.

In «Grüezi und Willkommen» kommt die Schweiz ja nicht nur gut weg. Wieso hat man trotzdem Sie 
gefragt?
Das, was ich dort beschreibe, ist nicht per se negativ. Ich schaue mir die Mentalität bloss genau an und versuche nicht, das Ambivalente auszusparen. Ich glaube, dass die Initianten des Schwamendingenprojekts darauf vertrauen, dass ihr Quartier einem nüchternen, auch kritischen Blick standhalten kann.

Wer sind denn die anderen Initianten?
Hinter dem Projekt stehen ganz verschiedene Leute: aus dem Gewerbe, aus Vereinen und anderen gesellschaftlichen Gruppen und Private aus dem Quartier und von ausserhalb. Sie haben Geld gegeben, weil sie das Quartier mögen. Es schmerzt sie, dass es von aussen nur negativ wahrgenommen wird.

Mit der Zahl der Geldgeber steigt aber auch die Zahl der Ansprüche …
Meine Bedingung war, wie gesagt, dass es sich um eine unabhängige, journalistische Arbeit handelt, und damit war man einverstanden. Die Initianten sehen ihre Aufgabe darin, mir die Recherche zu ermöglichen. Während dieser Zeit gibt es einen Beirat, der mich unterstützt – alle zwei Wochen sitze ich mit ihm zusammen. Das sind etwa ein Dutzend Leute und geht von der Wirtin eines währschaften Restaurants über einen alten Bauern bis zu den Schwamendingern, die diesem Bauern als Junge die Kirschen klauten. All diese Leute werden mir Fragen beantworten, Anekdoten erzählen, andere Kontakte vermitteln. Viele Gesprächspartner werde ich mir natürlich selbst suchen – mit den Ausländern, den Neuzugezogenen oder der Migros-Verkäuferin werde ich genauso reden wie mit den Honoratioren.

Noch mal zu «Grüezi und Willkommen»: In der Schweiz gaben gerade zwei Streiks zu reden, bei denen deutsche Chefs sehr unglücklich kommunizierten – bei Swissmetal der arrogant auftretende CEO Martin Hellweg, beim Zürcher Schauspielhaus der Intendant Matthias Hartmann. Hartmann hat gegenüber dem «Tages-Anzeiger» gesagt: «Ich bin 1 Meter 93 gross, spreche Hochdeutsch und drücke mich klar aus – wenn das arrogant ist, haben wir verschiedene Massstäbe.»
Hätte den beiden das Buch geholfen?

Von Deutschen, die das Buch gelesen haben, habe ich schon gehört, dass es bei der Kommunikation mit Schweizern hilfreich sei. Weil es darum geht, dass man es sich als Deutscher mit den Schweizern nicht ganz so einfach machen sollte. Nach der Lektüre haben einige aber auch Blut und Wasser geschwitzt, weil sie gedacht haben, sie müssten in der Schweiz nun um jeden Preis alles richtig machen. Sie hatten Angst, das könnte sonst verheerende Folgen haben.

Susann Sitzler, geboren 1970 in Basel, lebt als freie Journalistin und Autorin seit 1996 in Berlin. Die Autorin von «Grüezi und Willkommen – Die Schweiz für Deutsche» (Ch. Links Verlag, Berlin 2004) zieht für zwei Monate nach Schwamendingen, um für ein Buch über diesen Zürcher Stadtteil zu recherchieren.

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