Nr. 11/2006 vom 16.03.2006

Wer braucht das Ghetto?

Interview: 
Armin Büttner und Iris Schär, Foto: Ursula Häne

Susann Sitzler: «Bei Unzufriedenheit wird ja immer gerne nach rechts geschaut.»

WOZ: Seit zwei Wochen sind Sie nun für Ihr Buchprojekt auf Recherche in Schwamendingen. Ist Ihnen Harry Hasler schon über den Weg gelaufen, der Urheber aller Schwamendingen-Klischees?
Susann Sitzler: Wie ich gehört habe, wohnt der hier schon länger nicht mehr. Und niemand scheint darüber wirklich unglücklich. Aber im Ernst: Das niedrige Ansehen hatte Schwamendingen – zumindest in Zürich – schon, bevor Victor Giacobbo sich seiner angenommen hat.

Woher kommt dieses Image?
In Schwamendingen haben nie reiche Leute gewohnt. Als es noch ein Bauerndorf war, mussten viele der Bauern in Oerlikon in der Fabrik dazuverdienen. Anfang des letzten Jahrhunderts setzte sich in Zürich die Idee des gemeinnützigen Bauens durch. In Schwamendingen probierte man die damals hochmoderne Idee der Gartenstadt aus: günstige, komfortable Wohnungen in einer gesunden Umgebung. Das brachte Leute hierher, die auf Unterstützung angewiesen sind. Und über die hat man schon immer gerne die Nase gerümpft.

Erschwinglicher Wohnraum, nah am Grünen – das ist ja der Traum von Zürcher Wohnungssuchenden in Zeiten der Wohnungsnot. Warum zieht es jetzt nicht alle nach Schwamendingen?
Das ist für mich eine interessante Frage. Die Genossenschaftswohnungen sind teilweise in die Jahre gekommen. Und die Ansprüche haben sich verändert. Vor allem im Boom der ausgehenden achtziger und in der ersten Hälfte der neunziger Jahre konnten sich viele Leute vieles leisten, und die Abgrenzung durch den Konsum der «richtigen» Produkte wurde wichtiger. Dazu gehörte auch, am richtigen Ort zu wohnen. Ein Ort wie Schwamendingen erfüllt in dieser Hinsicht nicht unbedingt die Ansprüche einer jungen, urbanen Meinungsmacherschicht an die Sexyness ihrer Konsumprodukte. Es ist wohl kein Zufall, dass Harry Hasler aus dieser Zeit stammt. Der Medienkonsens hat dann leicht dieses absurde Bild formen können, das heute die Mehrheit der Schweizer von Schwamendingen zu haben scheint: ein wüster und gleichzeitig bünzliger Ort aus lauter Hochhäusern. In jüngster Zeit ist offenbar noch die Vorstellung von brennenden Abfallkübeln am Strassenrand dazugekommen, zwischen denen man von ausländischen Gewalttätern überfallen wird. Eine der Fragen, mit denen ich mich im Moment beschäftige, ist die, wer so ein eidgenössisches Ghetto eigentlich genau wofür braucht.

Haben Sie schon Vermutungen?
Eine These wäre, dass der Hip-Hop-Mainstream nun auch in der Schweiz angekommen ist. Nüchtern betrachtet gibt es in der gepflegten Schweiz keine geeigneten Orte, an dem die stilbewussten Jugendlichen mit ihren teuren Fudi-hängt-in-der-Kniekehle-weil-Gürtel-im-Knast-konfisziert-wurde-
Jeans nicht albern aussähen. Mit der medialen Ghettoisierung Schwamendingens wird hier vielleicht an einer passenden Kulisse gebaut. Interessanterweise hat diese Inszenierung aber praktisch nichts mit den Entwicklungen zu tun, die den Schwamendingern selbst das Gefühl geben, mit ihrem Quartier ginge es bachab.

Auf dem Weg zu Ihrer Wohnung in Schwamendingen fallen zwei Aufkleber ins Auge, die an vielen Strassenlaternen kleben: «Stoppt die Südanflüge» und «Stoppt die Entschweizerung Zürichs». Sind die Schwamendinger ein besonders kämpferischer Menschenschlag?
Dass manche im Moment so auftreten, hat vielleicht damit zu tun, dass sie jetzt einfach genug haben. Die Alteingesessenen hätten gerne für immer ihre Ruhe im Grünen gehabt. Dann kam die Autobahn, kamen die Südanflüge, und das Gefühl machte sich breit, dass die Stadt dem Quartier die «Arschkarte» zugedacht hat. In dem Masse, in dem Schwamendingen unattraktiv wurde und viele Bewohner wegzogen, kamen Leute, die nicht primär an einem ruhigen Leben interessiert sind. Entweder weil sie vor irgendeinem Krieg geflüchtet sind und andere Prioritäten als die Einhaltung der Waschküchenordnung haben. Oder weil Jüngere, die nur hier etwas gefunden haben, eigentlich wieder wegwollen. So entstand bei manchen ein Gefühl des Verdrängtwerdens. Und bei Unzufriedenheit wird ja immer gerne nach rechts geschaut. Das ist nicht spezifisch für Schwamendingen. Man sollte aber nicht ausser Acht lassen, dass in Schwamendingen die SP mit fast 35 Prozent immer noch die meisten Stimmen hat.

Susann Sitzler, geboren 1970 in Basel, lebt seit 1996 als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie wohnt zwei Monate lang in Schwamendingen, um für ein Buch über diesen Zürcher Stadtteil zu recherchieren. Ihr Lieblingsort in Schwamendingen ist momentan der Waldrand beim Restaurant Ziegelhütte, wo man über ganz Zürich Nord sieht und «die Flugzeuge fast am Bauch kraulen kann».

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