Nr. 12/2006 vom 23.03.2006

Ein reiches Dorf?

Interview: 
Armin Büttner und Iris Schär, Foto: Ursula Häne

Susann Sitzler: «Oerlikon bekam einen Bahnhof, und Schwamendingen war schlagartig abgemeldet.»

WOZ: Sie haben gerade Besuch aus Deutschland. Was haben Sie ihm von Schwamendingen zuerst gezeigt?
Susann Sitzler: Da wir vom Flughafen kamen, war der erste Anblick die Gegend um die Überlandstrasse. Der Besuch war fasziniert von den Flugzeugen, die hier noch ganz niedrig fliegen. Aus diesem Winkel sieht man sie ja sonst selten. Dann zeigte ich ihm aber auch gleich die idyllischeren Plätze, den alten Dorfkern und den Schwamendingerplatz, den ich mittlerweile sehr mag.

Und, wie gefällt es Ihrem Besuch hier?
Er ist in einer mittelgrossen deutschen Stadt aufgewachsen, von daher kennt er solche Siedlungen. Er meinte: «Wenn das hier ein Ghetto sein soll, dann würde ich gerne mal die Reichenviertel sehen.»

Schwamendingen, heisst es, sei selbst einmal reich gewesen ...
Ja, bis zum frühen 19. Jahrhundert war Schwamendingen ein florierendes Dorf. Die Fuhrleute haben hier ihre Pferde ausruhen lassen, bevor es über den Milchbuck nach Zürich ging. Dem Gastgewerbe und dem Handwerk ging es sehr gut, und die Bauern konnten ihre Ochsen als zusätzliche Zugtiere vermieten. Die Leute aus dem ärmeren Oerlikon kamen nach Schwamendingen, um zu helfen. Das änderte sich um 1856, als die Eisenbahn von Zürich nach Winterthur gebaut wurde. Oerlikon bekam einen Bahnhof, und Schwamendingen war schlagartig abgemeldet. Man versuchte es mit Landwirtschaft, aber dazu war der Boden zu sumpfig. Deswegen mussten dann viele nach Oerlikon in die Fabriken, und Schwamendingen bekam langsam den Ruf, den es heute hat.

Im heutigen Schwamendingen gibt es für die 28 000 Einwohner über zwanzig Kulturvereine und über dreissig Sportvereine. Sind die Menschen hier komplett durchorganisiert?
Ich habe nicht den Eindruck, dass das Leben hier stärker durchorganisiert ist als anderswo. Aber die Vereine haben eine Bedeutung für Leute, die im Quartier heimisch werden wollen. Das ist nicht nur für Schwamendingen typisch. Die Schweizer sind eher zurückhaltend, wenn es ums Kennenlernen geht. Damit man ungezwungen miteinander sprechen kann, braucht es einen Rahmen, in dem man jemandem die Hand hinstrecken und sagen kann: «Guten Abend, ich bin der Sowieso.» Ob das nun im Fussballverein, beim Chüngelizüchten oder beim Organisieren von Kunstausstellungen stattfindet, ist eigentlich zweitrangig. Ich glaube, wie überall ist hier die Hälfte der Leute wahrscheinlich in überhaupt keinem Verein, die andere dafür in einem halben Dutzend.

Sie selbst haben während Ihrer Teenagerzeit in Ettingen im Baselbiet gewohnt. Lässt sich das mit Schwamendingen vergleichen?
In dem Alter stellt sich wohl hier wie dort die gleiche Frage: Orientiert man sich eher zur Stadt hin, geht dort aus, trifft dort Freunde? Oder hängt man am Dorfplatz oder am Bahnhöfli herum und geht eher in einen Jugendtreff am Ort? Mich selbst hats eher in die Stadt gezogen. Aber natürlich gibt es Unterschiede. In Ettingen hat es sehr viele Einfamilienhäuser. Man zieht also von Basel dorthin, um sich zu verbessern. Nach Schwamendingen zieht man, weil man hier noch etwas findet. Aber auch in Schwamendingen findet man wohlhabende Hausbesitzer. Die haben dann vielleicht Mitleid mit «denen in den Blöcken da unten».

Die sich dafür bedanken ... Oder?
Es wird zwar gerne gejammert, aber für viele Leute, die seit Jahrzehnten hier wohnen, ist das, was sie ursprünglich hierher gelockt hat, noch immer vorhanden. Eine Frau, die seit über dreissig Jahren in einem – optisch etwas abschreckenden – Block direkt am Schwamendingerplatz lebt, hat mir erzählt, dieses Haus sei für sie wie ein kleines Dorf. «Wir Bewohner sind miteinander alt geworden.» Das ist eine gewachsene Gemeinschaft, wenn einer mal ein paar Tage nicht zu sehen ist, wird das sofort bemerkt. Dieses Gefühl von Zuhausesein in Schwamendingen ist für viele noch sehr stark. Aber andererseits sind auch manche, die eigentlich nicht mehr wegwollten, auf ihre alten Tage noch ausgezogen, weil sie es hier nicht mehr aushielten.

Also ist Schwamendingen nun Idylle oder Ghetto?
Diese Woche habe ich mit einem Arzt gesprochen, der seine Praxis im etwas verwahrlosten Hirzenbach hat. Danach hatte ich zum ersten Mal kurz Bedenken, nachts allein herumzulaufen, so plastisch hat er von der Gewalt auf der Strasse erzählt. Ich würde sagen, Schwamendingen erstreckt sich zwischen den beiden Extremen. Man sieht hier Gegensätze, die an anderen Orten der Schweiz erst langsam sichtbar werden. Das macht es so spannend.

Susann Sitzler, geboren 1970 in Basel, lebt für zwei Monate in Schwamendingen, um für ein Buch über diesen Zürcher Stadtteil zu recherchieren. Mittlerweile traut sie sich abends wieder allein auf die Strasse.

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