Nr. 10/2006 vom 09.03.2006

Unter Eingeborenen?

Interview: Sina Bühler und 
Armin Büttner, Foto: Ursula Häne

Susann Sitzler: «Sogar der Monteur, der mir das Telefon installiert hat, musste daran glauben.»

WOZ: Zürich ist eingeschneit, Tram und Bus haben den Betrieb eingestellt, Sie sind an Schwamendingen gefesselt, wie schlimm ist das?
Susann Sitzler: Überhaupt nicht. Ich geniesse die Sicht auf den verschneiten Garten vor meinem Fenster. Zudem habe ich viel zu tun, ich schaffe mir erst mal den Hintergrund für meine Schwamendingen-Recherche: Zahlen, Fakten. Allerdings hätte ich mir gerne heute Abend Stina Werenfels’ «Nachbeben» angesehen, aber so wird das leider nichts.

Was sind nach einer knappen Woche in Schwamendingen Ihre ersten Eindrücke?
Als ich das erste Flugzeug im Südanflug hörte, dachte ich, in der Küche sei etwas mit dem Dampfabzug nicht in Ordnung. Aber im Ernst: Lange bin ich ja noch nicht hier. Der Willkommensapéro für mich war sehr nett, ich habe dort viele Leute kennen gelernt und viele Gesprächsangebote bekommen. Ich werde bald mit verschiedenen Schwamendingern durch das Quartier spazieren, mir ihre Lieblingsplätze zeigen lassen und mir anhören, was sie über «ihr» Schwamendingen zu erzählen haben.

Eine besonders spannende Begegnung hatte ich schon: mit einem Cutter, Mitte dreissig, der vor drei Jahren mit Frau und Kind – eher aus Not – nach Schwamendingen gezogen ist. Man würde ihn vom Typ her eher in Zürich West vermuten, aber er fühlt sich hier derart wohl, dass er in seinem Büro allen mit Lobgesängen auf Schwamendingen auf die Nerven geht. Er hat mir gesagt: «Je mehr ich mich hier integriere, desto wohler fühle ich mich.»

Wie macht man sich in nur zwei Monaten überhaupt ein Bild von Schwamendingen?
Zunächst mal laufe ich viel durchs Quartier und versuche, Schwamendingen mit den Augen der verschiedenen Bewohner zu sehen: Wo liegt für einen Alteingesessenen die Schönheit, aber auch, wo nimmt ein SVP-Wähler eine Bedrohung war? So versuche ich, meine Thesen zu entwickeln. Ob diese Thesen einen Wert haben, merke ich dann in den Gesprächen.

Wie stellen Sie sicher, dass sie mit den richtigen Leuten sprechen?
Welches wären denn die falschen Leute? In diesem Anfangsstadium ist für mich jeder und jede interessant, der oder die etwas zu Schwamendingen zu sagen hat. Und ich spreche auch jeden darauf an. Sogar der Monteur, der mir das Telefon installiert hat, musste daran glauben.

Und, zeichnet sich schon eine 
These ab?
Ich habe das Gefühl, dass sich in Schwamendingen verschiedene Welten überlagern. Da gibt es einmal – vor allem unter den Alteingesessenen – fast ein Dorfgefühl: Man kennt sich, grüsst sich, plaudert mit dem Bäcker. Dann gibt es die Neuzugezogenen, die Ausländer und diejenigen, die es mehr oder weniger ungewollt hierher verschlagen hat. Die kaufen – vereinfacht gesagt – eher im Glattzentrum ein, vielleicht weil man sie beim Bäcker neugierig mustern würde. Man kann die einen daran erkennen, dass sie einem auf der Strasse ins Gesicht schauen – kenn ich die, die da kommt? –, die anderen schauen weg, weil sie eh niemanden kennen. Mich interessiert, wie sich diese Schwamendingen-Wahrnehmungen unterscheiden, wo Gemeinsamkeiten sind. Selbst wenn diese Unterschiede noch gross sein mögen, ich glaube, dass sich das im Lauf der Zeit ändern wird. Ob alteingesessen oder neuzugezogen – die Kinder spielen schon heute zusammen Fussball.

In Basel und Umgebung aufgewachsen, leben Sie seit 1996 Jahren in Berlin. Empfinden Sie sich in Schwamendingen eher als Volkskundlerin, die ihr eigenes Volk beschreibt, oder als Ethnologin, die exotische Eingeborene besucht?
Das ist eine akademische Frage. Ich bin nun mal Schweizerin, die grundsätzliche Mentalität, die Denkweisen sind mir also sehr vertraut. Aber ich komme halt nicht aus Schwamendingen oder Zürich und habe durch das Leben im Ausland auch Distanz gewonnen. Also bin ich beides. In erster Linie versuche ich aber, eine Journalistin mit offenen Augen zu sein.

Zuerst ein Buch, das den Deutschen die Schweiz erklärt, nun ein Buch über Schwamendingen. Was machen Sie eigentlich in Berlin, wenn Sie sich nicht mit dem Thema Schweiz herumschlagen?
Ich erhole mich vom Schweizersein ... Im Ernst: Jeder, der von irgendwo weggezogen ist, versucht wohl irgendwann, das Thema Heimat für sich unter Dach und Fach zu bekommen. Aber dass es nach «Grüezi und Willkommen» schon wieder die Schweiz sein sollte, kam nicht von mir, es wurde an mich herangetragen, und jetzt habe ich es mir gerne zu eigen gemacht.

Susann Sitzler, geboren 1970 in Basel, lebt seit 1996 als freie Journalistin und Autorin in Berlin. Sie wohnt zwei Monate lang in Schwamendingen, um für ein Buch über diesen Zürcher Stadtteil zu recherchieren. Was Sitzler tut, wenn sie sich nicht mit der Schweiz beschäftigt, findet sich auf www.susann-sitzler.de

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