Nr. 39/2007 vom 27.09.2007

«Ich kanns mir schlicht nicht vorstellen»

Von Pascal Claude

Im Appenzeller-Verlag ist ein erstaunliches Buch erschienen. Es heisst «Espenmoos. Fussball und Fankultur» und versucht den nahenden Abschied von einem lieb gewonnenen Sportplatz fassbar und so vielleicht erträglicher zu machen. Im Sommer 2008 wird der FC St. Gallen, ältester Fussballklub der Schweiz, ins dannzumal jüngste Stadion der Schweiz umziehen, nach Winkeln ans Autobahnkreuz. Er wird sein Espenmoos hinter sich lassen und mit ihm eine Handvoll Quartierbeizen, die dann schauen müssen, was sich sonst so ergibt in Sachen Umsatz, wenn der Fussball wegfällt. Winkeln ist nicht bekannt für Stammtische und Eckbänke, dafür steht dort eine Ikea, und das neue Stadion, die Arbonia-Forster-Gruppe-Arena, erhält eine eigene Autobahnausfahrt.

«Wir bedanken uns beim FC St. Gallen, der uns von Anfang an Unterstützung zugesagt hatte und uns immer wieder neue Türen öffnete», schreiben die drei jungen Herausgeber am Ende des Buches. Dass dem so ist, kann man dem Verein nicht hoch genug anrechnen. Denn «Espenmoos», das der FC St. Gallen mit dem Öffnen seiner Archive erst ermöglicht hat, ist eine facettenreiche, überraschende und leidenschaftliche Absage an die Zukunft. Für den FC St. Gallen bricht ein neues Zeitalter an. Das Buch sagt dazu: leider.

Anhand der baulichen Veränderungen zwischen 1965 und 1985 skizziert Daniel Kehl die Entwicklung auf den Stehrängen und lässt dabei auch einen lokalen Sportreporter zu Wort kommen, der 1977 angesichts der trüben Stimmung im Stadion fragte: «Ist der St. Galler wirklich so ein trockener Bürger, der nicht aus sich herausgehen kann?» Andreas Kneubühler erinnert – grossartig bebildert – an die beiden Jahre mit Ivan Zamorano, dessen Dynamik und Virtuosität nicht nur für den FC St. Gallen, sondern für die ganze Liga ein Geschenk waren. Zamorano war es auch, der zur Freude der Grün-Weissen mit einem alten Klischee aufräumte: Im Espenmoos, sagte er, rieche es nicht nach Bratwürsten, «im Espenmoos riecht es nach Leidenschaft».

Andere blicken noch weiter zurück. Peter Surber wuchs direkt am Stadion auf, besetzte als Kind die «Steh-Logenplätze» und roch den gemähten Rasen. Vielsagend seine Bemerkung, damals hätte es noch keine «sogenannte Fankultur» gegeben, und konsequent sein baldiges Fernbleiben, als ihm der «aufgeheizte Chauvinismus auf den Stehrampen und auf dem Feld» zuwider wurden. Daneben wirken die von Sabina Brunnschweiler aufgezeichneten Berichte zweier denkwürdiger Auswärtsfahrten nach Mazedonien und Mailand und Richard Zölligs Abrechnung aus Brühler Sicht geradezu leicht.

Das Gestern lebendig machen aus Trotz vor dem Morgen – und das Heute? Marcel Elsener beschreibt den Umzug «Vom Heiligkreuz ins Autobahnkreuz» als «todsicheres Verlustgeschäft», schiesst seine Pfeile aber gezielt und gekonnt oder – noch besser – lässt sie andere für sich schiessen. So etwa den ehemaligen Vereinspräsidenten und heutigen CVP-Nationalrat Thomas Müller, der von den «Idioten des VCS» sprach, die den Neubau zu blockieren drohten. Als an der Buchvernissage die betreffende Stelle rezitiert wurde, biss der anwesende Müller laut St. Galler Tagblatt «plötzlich äusserst heftig auf seinem Kaugummi herum». Im Geiste ist Müller schon umgezogen: Für die CVP hat er auf eBay einen Stadionbesuch in der VIP-Loge der neuen Arena versteigert.

Nahtlos schliesst sich hier Urs Frieden an, der als Gastautor erzählt, wie er und sein Berner Umfeld den Einzug ins Stade de Suisse erlebt haben. Mit einem scharfen Sinn für Pointen und Details bilanziert Frieden als einzige Errungenschaft die Tatsache, dass dank Fanprotesten die 30000 Schalensitze nicht wie geplant farbig wie Smarties, sondern schwarz wurden. Und er hält fest: «So werden trendige Junge plötzlich konservativ: Früher war alles besser.» Furios schliesslich, wie Daniel Ryser im «Südkurven-Gesang» Gespräche mit Fanaktivisten zu Gedichten verdichtet, in Anlehnung an Nanni Balestrinis Milan-Ode fast interpunktionslos. Da mag man den Kopf schütteln ob so viel Leicht- und Irrsinn oder staunen angesichts der Selbstkritik, sicher ist: Die «Gesänge» lassen tiefer in die Fanherzen und -hirne blicken als manch gut gemeinte Sozialstudie. «La Chaux-de-Fonds ist eine solch friedliche, schöne Stadt, warum zerstört ihr ausgerechnet La Chaux-de-Fonds?», fragt der Polizist den Fan in der Zelle. «Ich weiss es auch nicht.»

Es finden sich genau zwei Stellen im reich bebilderten Buch, die einen Ansatz von Offenheit gegenüber dem Neuen verraten. Die eine im letzten der «Südkurven-Gesänge», wo es heisst: «Das neue Stadion kann auch eine Chance sein, um alte Strukturen aufzubrechen.» Die andere ganz zu Beginn des Buches, als Marcel Elsener FCSG-Ehrenmitglied Kurt Schibli das Wort gibt, der gerade von einer Besichtigung der Arena-Baustelle kommt: «Das wird feudal, vielleicht sogar herrlich», glaubt Schibli. Sein Kollege, der 87-jährige Robert Engler, mag sich nicht anschliessen, sagt nur: «Ich kanns mir schlicht nicht vorstellen.»

«Leute vom Rand machen ein Buch für die Mitte», war in der Entstehungsphase von «Espenmoos» aus dem AutorInnenkreis zu hören. Das wurde eingelöst, auf allerbeste Weise. Ein Buch so teuer wie ein Sitzplatz, nur unbequemer.

«Espenmoos. Fussball und Fankultur». Herausgegeben von Daniel Torgler, Daniel Ryser und Matthias Frei. Appenzeller Verlag, 2007.

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